Rund ein Jahrzehnt nach seinem Debüt präsentierte Cecil Taylor mit den beiden Platten “Unit Structures” und “Conquistador!” die Entfaltung eines hochentwickelten Individualstils, der bereits alle Aspekte seines späteren Schaffens im Keim in sich birgt. Das erscheint umso erstaunlicher, als sich der Pianist in der Phase zuvor – in Ermangelung an Auftrittsmöglichkeiten – eine Situation simulieren musste, die ihm das Gefühl einer öffentlich nicht vorhandenen Akzeptanz suggerierte.
Der eigene, mit der Abkehr von einer Unterhaltungsfunktion einhergehende Kunstanspruch, verbunden mit der Offenheit für Einflüsse aus der Neuen Musik (Béla Bartók, Igor Strawinsky etc.) bei gleichzeitigem Insistieren auf die Verwurzelung in einer schwarzen, einer afroamerikanischen Tradition führte Taylor zu einer Klangsprache, die den Jazz seiner Zeit radikal neu definierte. In der Ablösung von einem konventionellen Bezugsrahmen mit harmonisch-melodischen Verbindlichkeiten und einem durchgehend markierten Rhythmus entwickelte er eine freitonale Musik, die sich nicht mehr an der Abfolge Thema-Improvisation-Thema orientiert, sondern im Prozess des weitgehend spontanen Spiels in sich schlüssige Großformen hervorbringt.
Für die Aufnahmen zu „Conquistador!“, einer Platte mit dem Stück gleichen Namens und dem gut als Fortsetzung vorstellbaren „With (Exit)“ auf der B-Seite, rief er ein Ensemble zusammen, das willens und in der Lage war, dieser Intention in kollektiver Interaktion zu folgen. Cecil Taylor entfaltet im Wechsel von Ostinati, Motivvariationen, schnellen Läufen und Tonclustern eine wellengleiche Dynamik von hoher Intensität. Er selbst verglich sein Spiel mit den Sprüngen von Tänzern, die er zeitweilig am Piano begleitete, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Taylors perkussive Behandlung des Klaviers wurde treffend auch als Spiel auf achtundachtzig gestimmten Trommeln begriffen. Diesen Hinweis auf afrikanische Traditionen ergänzte der Pianist mit der Feststellung, dass er von Duke Ellington gelernt habe, sein Instrument wie ein Orchester wahrzunehmen.
Der Altsaxophonist Jimmy Lyons, der Taylor bis zu seinem Tod im Jahr 1986 musikalisch eng verbunden blieb, weiß sich bei diesen Aufnahmen ebenso wie der Trompeter Bill Dixon mit individuellen Statements in das gemeinsame Energiegeflecht einzubringen. Henry Grimes sorgt für Zusammenhalt, während Alan Silva oftmals gestrichene Basslinien im höheren Register beisteuert und Andrew Cyrille selbst in scheinbar asymmetrischen Spielverläufen pulsierende Kontinuität stiftet. Doch das Erstaunlichste ist die wechselseitige Bezogenheit aller musikalischen Aktionen, die eine Unterteilung in Solo und Begleitfunktion vielerorts gegenstandlos macht.
Mit „Conquistador!“ wie auch mit der im gleichen Jahr entstandene Platte „Unit Structures“, die der Pianist mit einer Septettbesetzung einspielte, wurde ein völlig verändertes Grundverständnis vom Jazz in Gestalt von spontan ausgeformten Konstruktionen sinnlich manifestiert.
Text: Bert Noglik

Conquistador!
Blue Note Records: RVG Edition
7243 5 76749 2 8
Bill Dixon – Trompete
Jimmy Lyons – Altsaxophon
Cecil Taylor – Piano
Henry Grimes – Bass
Alan Silva – Bass
Andrew Cyrille – Schlagzeug
aufgenommen am 6. Oktober 1966, Englewood Cliffs, New Jersey






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