Cannes 2007 - 11/09/08
Chacun son cinéma
Der Film zum 60. Festival-Geburtstag
Eine würdige Hommage an das Kino als sinnlicher und magischer Ort
(To Each his Own Cinema), 129 Min.
Von: Theo Angelopoulos, Olivier Assayas, Bille August, Jane Campion, Youssef Chahine, Chen Kaige, Michael Cimino, Joel & Ethan Coen, David Cronenberg, Jean-Pierre & Luc Dardenne, Manoel De Oliveira, Raymond Depardon, Atom Egoyan, Amos Gitai, Hou Hsiao Hsien, Alejandro González Inárritu, Aki Kaurismäki, Abbas Kiarostami, Takeshi Kitano, Andrei Konchalovsky, Claude Lelouch, Ken Loach, Nanni Moretti, Roman Polanski, Raul Ruiz, Walter Salles, Elia Suleiman, Tsai Ming Liang, Gus Van Sant, Lars Von Trier, Wim Wenders, Wong Kar Wai, Zhang Yimou.
ARTE zeigt den Film am Samstagabend, den 26. Mai 2007
Synopsis: Das Filmfestival Cannes feiert seinen 60. Geburtstag und Festivalleiter Gilles Jacob hat 35 international renommierte Regisseure gebeten, darunter zwei gemeinsam arbeitende Brüderpaare, je einen dreiminütigen Kurzfilm zu produzieren. Einzige Vorgabe war, dass der Film in einem Kino spielen und vom Kino handeln soll – und keiner der beteiligten Regisseure wusste, was die anderen machen werden. So kamen für diesen Geburtstags-Omnibusfilm 33 Beiträge zusammen, von 35 Regisseuren aus 25 Ländern, in dem für zwei Stunden das Kino zum Mittelpunkt der Welt wird.
Kritik: Eine große, unerschütterliche aber nicht unkomplizierte Liebe zum Kino ist der gemeinsame Nenner aller Beiträge, die hier versammelt sind. Das dürfte bei dieser beeindruckenden Versammlung großer Regienamen auch niemanden überraschen, erstaunlich ist eher, wie gut der Film mit seiner monothematischen Vorgabe als Ganzes funktioniert und fast durchweg Vergnügen bereitet. Die überwiegend an Altmeistern orientierte Auswahl ist sicher ein Grund für das gleichbleibend hohe Niveau – für Experimente und Überraschungen ist der 60. Geburtstag eines Festivals auch nicht unbedingt geeignet – aber auch die Freiheit, mit der jeder Regisseur das Thema mit seiner eigenen Handschrift ganz unterschiedlich behandelt, ist für das Gelingen verantwortlich.
Das reicht dann vom Kino als Raum der großen Emotionen (bei Kiarostami, Wong Kar Wai oder Inárritu), über die nostalgische Auseinandersetzung mit den eigenen, frühen Kinoerfahrungen (Zhang Yimou, Chen Kaige) oder einer ergreifenden Darstellung dessen, was das Kino an manchen, von uns vergessenen Orten der Welt für eine Bedeutung haben kann (Wenders, Kitano), bis zu den liebevoll-ironischen Geschichten in und um das Kino (Bille August, Ken Loach, Nanni Moretti), die wir alle lieben. Die Coen-Brüder wagen dann schon einen etwas sarkastischeren Blick auf die Programm-Kinokultur mit bildungsbürgerlichen Ambitionen, aber nur Lars von Trier und Roman Polanski gehen das Thema mit ziemlich schwarzem Humor an. Davon hätte es ruhig etwas mehr sein dürfen, auch ein selbstironischer Blick auf das Kino und auf das Festival hätte nicht geschadet, so wie es Henry Jaglom mit seinem intelligenten und amüsanten Film "Festival in Cannes" (USA 2001) zum Jubiläumsjahr schon einmal vorgemacht hat. Dann hätte man noch leichter über die verzeihliche und vielleicht unvermeidliche Selbstbeweihräucherung des Festivals durch Youssef Chahine hinweg gesehen und auch über den deplazierten, weil propagandistischen Beitrag von Amos Gitai, der von der Bombardierung eines Kinos in Haifa erzählt, und damit das eigentliche Kino-Thema glatt verfehlt.
Vielleicht ist letztlich Walter Salles mit "A 8944km de Cannes" der schönste Jubiläums-Dreiminüter gelungen. Er hat sich einen Spaß gemacht und zeigt einfach zwei herrlich rappende Brasilianer vor einem kleinen, schäbigen Kino, die sich darüber lustig machen, was für merkwürdige Filme in irgendeinem Fischerdorf in Süd-Frankreich jedes Jahr gezeigt werden, wo angeblich ein Chef namens Gil - aber nicht Gilberto Gil - bestimmt, wer einen Preis bekommt. So kann man es natürlich auch sehen.
Insgesamt also eine würdevolle und gelungene Hommage an die Faszination und die Magie des Kinos, und damit ist der Ensemble-Film, zu dem es nicht so schnell etwas vergleichbares geben dürfte, auch eine schöne Würdigung seines künstlerisch und kommerziell immer noch wichtigsten Festivals.
Thomas Neuhauser
Erstellt: 21-05-07
Letzte Änderung: 11-09-08