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Evolution von 2. bis 30. April - 07/04/05

Charles Darwin und die Evolution

Abenteuer Arte


Wissenschaftliche Theorien sind Produkte sowohl individueller und kollektiver Denkanstrengungen als auch der Kultur, in der diese Anstrengungen geschehen. Charles Darwins Evolutionstheorie ist keine Ausnahme von dieser Regel. Darwin konnte die grundlegenden Annahmen seiner Gesellschaft in Frage stellen und trotzdem am Ende seines Lebens als Held gefeiert werden, weil er privilegierter Teil dieser Gesellschaft war, weil er die Werte seines Umfeldes reflektierte und weil er die Ideale der entstehenden Klasse der professionellen Wissenschaftler teilte. Anders als frühere Denker, die Theorien des organischen Wandels vorgeschlagen hatten, war Darwin kein politischer, sozialer oder wissenschaftlicher Außenseiter, der gefahrlos ignoriert werden konnte.

Charles Darwin wurde am 12. Februar 1809 als Sohn einer wohlhabenden Familie im mittelenglischen Shrewsbury geboren. Nach einem kurzen Studium der Medizin in Edinburgh verbrachte Darwin drei Jahre an der Universität Cambridge, wo er sich auf ein ruhiges Leben als anglikanischer Landgeistlicher vorbereitete. Während seiner Studienjahre beschäftigte er sich nicht nur mit Theologie, sondern auch intensiv mit Naturgeschichte und vor allem mit der Geologie. Seine soziale Stellung und seine Naturkenntnisse ermöglichten ihm 1831, auf dem Vermessungsschiff "Beagle" als standesgemäßer Begleiter des Kapitäns an einer Weltumseglung teilzunehmen. Nach seiner Rückkehr im Oktober 1836 etablierte sich Darwin schnell in den Wissenschaftskreisen Londons. Sein auf der Reise gesammeltes einzigartiges Material verschaffte ihm einen hervorragenden Ruf.

Die Auswertung der Sammlung verstärkte in ihm schon während der Reise aufgetretene Zweifel an der Stabilität der Arten. In den folgenden Jahren vertraute er seinen Notizbüchern seine Gedanken an. In einigen Monaten im Sommer und Herbst 1838 formulierte er den Grundriss seiner Theorie der natürlichen Auslese: variable Individuen konkurrieren um den Zugang zu knappen Ressourcen. Erfolgreiche Individuen vererben ihre Merkmale an ihren Nachwuchs und somit wird ein beständiger Wandel angetrieben. Nach zwei Jahrzehnten von Versuchen, die Theorie mit dem etablierten Wissen in der Biologie in Einklang zu bringen, ging Darwin 1859 an die Öffentlichkeit, nachdem ihn ein Brief von Alfred Russel Wallace mit einer nahezu gleichlautenden Theorie konfrontierte. Darwin versuchte hartnäckig und mit strategischem Talent seine Theorie voranzubringen und mit neuen empirischen Erkenntnissen zu untermauern. Er trat in den letzten beiden Jahrzehnten seines Lebens in vielen öffentlichen Rollen auf, obwohl er sein Haus in Down fast nie verließ: als unermüdlicher Wissenschaftler, als viktorianischer Gutsherr, der aktiv an der Lokalpolitik teilnahm und geschickt seine Investitionen verwaltet, als ergebener Familienvater und als jemand, der sowohl mit dem gläubigen amerikanischen Botaniker Asa Gray als auch mit dem Agnostiker Thomas Henry Huxley tiefe Freundschaften pflegen konnte.

Darwins Theorie sprach mit ihrer Betonung des Individuums, der Konkurrenz und ihrer Treue zu materialistischen Erklärungsmodellen einen wichtigen Teil der viktorianischen Gesellschaft an. Eine aufstrebende Mittelklasse konnte mit dieser Theorie ihre Ideale rechtfertigen und gleichzeitig den Machtanspruch der Staatskirche kritisieren. Konservative Kreise sahen hingegen zunächst die spirituellen Grundlagen des Staates und der Gesellschaft bedroht. Darwins Bestattung in der Westminster Abbey im Jahr 1882 symbolisierte dann aber einen Friedensschluss zwischen konservativen und fortschrittlichen Viktorianern. Die Evolutionstheorie war in den Jahrzehnten nach 1859 trotz heftigen Widerstandes ein Teil des viktorianischen Selbstverständnisses geworden:



Die Theorie stand nun für die Überzeugung, dass die Bewohner des britischen Imperiums befähigt waren, am unvermeidlichen Aufstieg der Welt zur Perfektion aktiv teilzunehmen.

Der Autor Thomas Weber ist wissenschaftlicher Assistent am Institut für Tierökologie der Universität Lund (Schweden) und Buchautor.

Erstellt: 07-04-05
Letzte Änderung: 07-04-05