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Jahrhundertaufnahmen Jazz

Ab sofort präsentiert ARTE-Online zusammen mit der SWR 2-Jazzredaktion in einer neuen Reihe die "Jahrhundertaufnahmen des Jazz" – von den Anfängen bis zur (...)

Jahrhundertaufnahmen Jazz

10/08/11

Charles Lloyd: “Forest Flower" (1966)

Jahrhundertaufnahmen des Jazz


Sehnsucht nach Harmonie und Schönheit
von Thomas Neuhauser

Die Auswahl im Überblick


Nachdem er sich bei Chico Hamilton und Cannonball Adderley bereits einen Namen gemacht hatte, gründete Saxophonist und Flötist Charles Lloyd im Jahr 1966 - nach einem nur kurzlebigen Quartett - seine zweite eigene Formation, die sich schnell zu einer All-Star-Band entwickelte und als erste Jazzgruppe in die sonst völlig jazzfreien amerikanischen Billboard-Charts aufstieg. Die Band, von der jeder Mitspieler später im Jazz ein Weltstar wurde, trat 1967 sogar im legendären Rock-Tempel Fillmore West in San Francisco auf und wurde euphorisch gefeiert.

Ohne in oberflächliche Esoterik abzugleiten, beschäftigte sich Lloyd schon früh mit fernöstlicher Philosophie und den Grundfragen menschlicher Existenz. In einer Zeit der Rebellion und des Protestes gegen die gesellschaftlichen Zustände begab er sich auf die Suche nach musikalischer Wahrheit, Schönheit und Intensität. Auch Lloyd ist keineswegs einverstanden mit dem Zustand der Welt, aber sein Weg führt, wie auch im Lauf seiner weiteren Karriere, schon hier auf dem Meilenstein „Forest Flower“ nach innen. Er schreit den Protest nicht heraus, wie die zornigen jungen Wilden des schwarzen Free Jazz, er bleibt sanft aber nachdrücklich, ein Gandhi des Saxofons mit einem lyrischen, unverkennbaren Ton.

Ob es dabei eine Rolle spielt, dass es sich bei dem 1938 in Memphis geborenen Musiker mit seiner indianisch-irischen Abstammung um einen der wenigen wirklich großen, nicht afro-amerikanischen Saxophonisten handelt, soll dahin gestellt bleiben. Sein neues Quartett mit dem damals noch unbekannten Keith Jarrett am Piano, Jack DeJohnette am Schlagzeug und Cecil McBee am Bass, tritt jedenfalls 1966 in Monterey auf und erobert sofort nicht nur das Jazz- sondern auch das Rock-Publikum der damals gerade erst aufkommenden Hippie-Bewegung.

Mehr als eine Million Exemplare wurden von dem Monterey Live-Album „Forest Flower“ verkauft, ein nicht zuletzt für Lloyd selbst völlig überraschender Erfolg. Der damit verbundene Tournee-Stress und das explodierende Musik-Business sollten bald ihre Spuren hinterlassen.

Mit seiner fließend-innigen, geradezu nach innen hörenden Spielweise traf Charles Lloyd den Nerv einer zum Aufbruch bereiten Generation, die auch in fernöstlichen Philosophien und meditativen Erfahrungen nach neuen Lebensformen suchte. In seinen späteren, in den achtziger, neunziger Jahren und danach auf ECM erschienenen Alben, hat Lloyd diesen Weg konsequent fortgesetzt. Hier aber ist die Schönheit noch nicht so elegisch-transzendent, sondern gepaart mit ansteckender Lebens- und Spielfreude. In der Keith Jarrett-Komposition „Sorcery“ beispielsweise zeigt Lloyd nicht nur, dass die Querflöte bei ihm auf gleicher Höhe mit dem Tenor-Saxophon steht, sondern dass er als herausragender Instrumentalist auch durchaus eindrucksvoll frei improvisierend aus sich heraus gehen kann.

 

Ende der sechziger Jahre, nach weiteren erfolgreichen Plattenaufnahmen und Tourneen durch Europa und die Sowjetunion zog Lloyd sich erschöpft auf eine Farm im kalifornischen Big Sur zurück, hielt Vorträge, schrieb in den folgenden Jahren eine Doktorarbeit, lernte und lehrte Transzendentale Meditation und trat nur noch selten öffentlich auf. Erst in den achtziger Jahren kehrte er mit Michel Petrucciani auf die Jazzbühnen zurück, sicher eines der wichtigsten und erfreulichsten musikalischen Comebacks dieses Jahrzehnts. Die vielleicht schönste Platte nach seiner gefeierten Rückkehr erschien 1992 und ist diesem Ort des Rückzugs und Neubeginns gewidmet: „Notes from Big Sur“ (ECM).

Charles Lloyd war immer ein Suchender, seine Musik war immer Ausdruck einer tief empfundenen Sehnsucht nach Schönheit, Menschlichkeit und Wahrheit – nach dem Einklang von Mensch und Natur. Zumindest in seiner Musik scheint dieser Einklang auch möglich, das zeigt sich besonders schön im Titelstück dieses Jahrhundert-Albums „Forest Flower“, das er manchmal heute noch bei seinen leider selten gewordenen Auftritten spielt oder zumindest anklingen läßt.

Schon mehrfach wollte sich Charles Lloyd von den Jazzbühnen der Welt verabschieden, glücklicherweise zog es ihn bisher immer wieder zurück, und auch die neuesten Aufnahmen mit seinem aktuellen Quartett („Rabo De Nube“ von 2008 und „Mirror“ von 2010) gehören zu den schönsten seiner langen Diskografie und könnten ebenfalls jederzeit einen Platz unter den Jahrhundertaufnahmen beanspruchen.

Charles Lloyd: “Forest Flower – Charles Lloyd at Monterey”
(1966) Atlantic SD 1473

Erstellt: 29-07-11
Letzte Änderung: 10-08-11


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