Wenn Henry Hübchen den Kopf nach vorne neigt und seine braunen Augen mit Teddyblick aufschlägt, haben viele Frauen Schwierigkeiten, ihm zu widerstehen. Das war schon früher so, als der 1947 in Berlin geborene Schauspieler bei der DEFA Karriere machte, und so ist es auch heute noch. Wenn der schlitzohrige Lebemann Jaeckie Zucker seiner „zukünftigen Ex-Frau“ Marlene in Dani Levys jüdischer Komödie „Alles auf Zucker!“ schwört, das Zocken ein für alle Mal sein zu lassen. Oder wenn der müde Mafioso und leidenschaftliche Hobbykoch Oskar seiner neuen Liebe, der Psychotherapeutin Maria, in Pepe Danquarts Gangsterposse „C(r)ook / Basta. Rotwein oder Totsein“ verspricht, an seinem Aggressionspotenzial zu arbeiten. Anstatt fremden Leuten in die Kniescheiben zu schießen, wolle er künftig lieber ein paar Atemübungen machen.Doch so sehr sich Hübchens Jaeckies und Oskars auch bemühen, seriös zu werden, so ganz klappt es doch nie. Einmal noch muss Jaeckie beim internationalen Billardturnier den ganz großen Coup landen, der ihn aus der finanziellen Misere retten soll. Und so einfach, wie er es sich vorgestellt hatte, kann sich auch Oskar nicht vor den Verpflichtungen gegenüber seinem ungarischen „Paten“ drücken. Die Frauen aber lieben Hübchens gescheiterte Helden. Mit einem resignierten Seufzen vergibt die Damenwelt den Charmeuren.
Den „glatten Helden“ zu spielen, „den Schönen, den Guten“, habe ihn nie gereizt. „Mich interessiert, an welcher Stelle er ein Arschloch ist“, sagt Hübchen, der oft bewies, wie schnell er seinen bubenhaften Charme schmierig werden lassen kann. Wie in Hans-Christian Schmids rau-poetischem Film „Lichter“. Wenn er als unangenehmer Bauherr Wilke dem Jung-Architekten Philip die dreckige Seite des Business zeigt.
„Für die Allgemeinbildung“ studierte Henry Hübchen nach der Schule zunächst ein Jahr lang Physik – „weil ich nicht wusste, was ich werden sollte“. Sehr bald beschloss er jedoch, sich auf andere Weise zu bilden, besann sich auf die kleinen Fernsehrollen, die er bereits als Kind übernommen hatte, und ging an die Berliner Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch. Film und Theater – seit seinem Berufsstart 1971 macht Henry Hübchen beides. 1974 stand er für Frank Beyers Romanverfilmung „Jakob der Lügner“ vor der Kamera. Im selben Jahr noch holte ihn Benno Besson an die Berliner Volksbühne. Bald war der junge Henry Hübchen einer der gefragtesten Schauspieler Ostdeutschlands – und brachte es nebenbei 1980 und 1981 auch noch zum DDR-Meister im Windsurfen.
Wer Hübchen nach DDR-Zeiten fragt, merkt schnell, dass er es weder mit einem Ostalgiker noch mit einem Schwarzmaler vergangener Zeiten zu tun hat. „Ich blicke nicht zurück im Zorn“, sagte der Schauspieler einmal im Interview. „Ich wundere mich nur, dass vieles nicht wahrgenommen wird, zum Beispiel, da ss deutsche Filmgeschichte nach dem Krieg zum erheblichen Teil von der DEFA geschrieben wurde.“
Nach der Wende eroberte Hübchen den deutschen Westen, der Volksbühne blieb er dennoch treu. Frank Castorf, seit Anfang der 80er Intendant an Deutschlands schrillster Bühne, fand in Hübchen seine „Muse“ und besetzt ihn nach wie vor für seine wichtigsten Rollen. 2000 erhielten die beiden gemeinsam den Berliner Theaterpreis für „die wohl innigste, komplizierteste und abgründigste Paarung der Theaterwelt“.
2003 fand Hübchen zu „Polizeiruf 110“, der Erfolgskrimiserie des DDR-Fernsehens, zurück, die 1994 von der ARD übernommen worden war. Nun jagt der einstige Fernsehschurke als Kommissar Törner Verbrecher in Schwerin. Ganz scheint Hübchen, der seinen Kinodurchbruch in der wiedervereinten Bundesrepublik als westfernsehsüchtiger Ostfamilienvater Hotte in Leander Haußmanns „Sonnenallee“ feierte, den Osten nicht loszuwerden. Bei Dani Levy ist er nun der jüdische Wendeverlierer Jaeckie Zucker, der eine Karriere als Sportreporter in der DDR hinter sich hat, den der Westen fallen ließ und der sich doch nie unterkriegen lässt: „Ich stehe bis zum Hals in der Scheiße. Aber die Aussicht ist gut.” Eine Rolle, in der Hübchen einmal mehr seine „Sehnsucht nach dem Nichtheldischen“ ausleben kann. Im Sturm eroberte sein Antiheld Zucker die Herzen von Publikum und Kritik. Die als Fernsehfilm produzierte Komödie „Alles auf Zucker!“ begeisterte bei Publikumstests derart, dass sie anstatt im Fernsehen im Kino Premiere feierte. Dort bestand der in nur 23 Tagen gedrehte Film gegen kostspielige Projekte wie „Der Untergang“ von Megaproduzent Eichinger – und sahnte den begehrten Deutschen Filmpreis ab. Ein Triumph, den Hübchen, als er am 8. Juli seinen Preis als Bester Hauptdarsteller entgegennahm, kess bejubelte: „Ich habe Hitler geschlagen. So ’n kleiner, verkappter Kommunist jüdischer Herkunft hat Hitler geschlagen. Jawoll!“
Hübchen, der „Verzettler“, der „krankhafte Perfektionist“, der „selten zum Resultat“ kommt – wie er sich selbst beschreibt –, gönnt sich kaum Pausen. So bleibt auch nur wenig Zeit für den Sommerurlaub. Im September schon bricht er wieder auf, mit Castorf und der Volksbühne, um „Endstation Amerika“ nach Argentinien und Brasilien zu bringen. Dort dürfen ihn dann die Señoritas und Donas anhimmeln, als „sanft prolligen“ Helden, wie ein Kritiker ihn beschrieb, den „Brando von Berlin (Ost)“.
Maike van Schwamen
- Filme
2004 - Alles auf Zucker!
2003 - C(r)ook/Basta. Rotwein oder Totsein
2002 - Lichter
1998 - Sonnenallee
1998 - Warten ist der Tod
1992 - Ein Mann für jede Tonart
1974 - Jakob der Lügner
- Theater
2001 - Erniedrigte und Beleidigte
2000 - Endstation Amerika
1999 - Dämonen
1998 - Schmutzige Hände
- Auszeichnungen
Deutscher Filmpreis (2005) als Bester Hauptdarsteller für seine Rolle in Alles auf Zucker!
Berliner Theaterpreis (2000) zusammen mit Frank Castorf;
Grimme-Preis (2000) für seine Rolle in Warten ist der Tod






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