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Cannes 2008

Internationale Filmfestspiele Cannes 2008 - Séances spéciales - 21/08/08

Chelsea On The Rock

Ein Film von Abel Ferrara


Unkonventionelle Dokumentation über das legendäre Chelsea Hotel in New York

Synopsis: Das Chelsea Hotel ist legendär. Über ein Jahrhundert lang diente es Kreativen aus aller Welt als Unterkunft. Oft kamen die Künstler, Schriftsteller, Maler nur für wenige Tage - aber sie blieben Monate oder gar Jahre. 2007 bekam das Hotel ein neues Management, das umfassend renovieren will - was das sichere Aus für die alten Legenden bedeutet.

Kritik: Mit Dokumentarfilmen verbindet man den Namen Abel Ferrara üblicherweise nicht. In drei Dekaden filmischen Schaffens hat der Regisseur düsterer Meisterwerke wie etwa BAD LIEUTENANT (1992) - mit Harvey Keitel in einer seiner besten Rollen - nur einen einzigen anderen (kurzen) Dokumentarfilm geschaffen, und das vor mehr als 30 Jahren: NOT GUILTY: FOR KEITH RICHARDS. Ferrara hat die Strukturen des Dokumentarfilmes geöffnet und gemeinsam mit dem Drehbuchautor und Psychiater Christ Zois – mit dem er auch für NEW ROSE HOTEL und THE BLACKOUT zusammen gearbeitet hat - ein Buch geschrieben. Ergebnis ist ein in sich verwobenes Konglomerat aus Archivaufnahmen, Interviews, nachgestellten Szenen und träumerischen Sequenzen, die die Atmosphäre des legendären Hotels zu fassen versuchen.

Das gelingt leider nur halbwegs. Ferrara ist kein guter Interviewer, auch wenn er großartige Leute wie Dennis Hopper, Milos Forman oder Robert Crump vor der Kamera hat. Er stellt kaum Fragen, fragt nicht nach, kommentiert lieber selbst aus dem Off mit seiner vom Rauchen dunklen, stets seltsam vor sich hinkichernden Stimme. Das hat auch etwas, spürt man doch so in jeder Einstellung den Künstler neben der Kamera. Einige Szenen - für die das Chelsea weltweit bekannt wurde - hat er nachgestellt, das Ergebnis ist mäßig. Bijou Phillips müht sich als Nancy im Drogenrausch, Jamie Burke als Sid. Es geht um die letzten Stunden Nancys, im Oktober 1978, als sie im Drogenrausch angeblich von ihrem Freund Sid - dem Drummer der Sex Pistols - erstochen wurde. Fünf Monate später brachte sich Sid mit einer Überdosis im gleichen Appartement um. In HD-Optik versucht Ferrara, den letzten Streit der beiden nachzustellen, was aus dem Zusammenhang gerissen nicht funktioniert. Eine weitere nachgestellte Szene zeigt eine nicht sonderlich originelle Drogenparty.

Ein wenig Archivmaterial hat Ferrara auch eingefügt, von Janis Joplin, Sid Vicious, William S. Burroughs, Jerry Garcia und Quentin Crisp. Leider sind diese Momente nur sehr kurz, gerne hätte man mehr davon gesehen. In der Lobby des Chelsea lässt Ferrara dann Stanley Bard - den ehemaligen Manager des Hotels - auf Filmemacher Milos Forman treffen. Gemeinsam erzählen sie sich alte Geschichten. Forman erinnert sich, dass er einmal bei einem Alarm nur mit T-Shirt bekleidet im Flur gestanden habe. Eine andere Bewohnerin habe ihm daraufhin einen Rock geliehen, mit dem er dann auf eine Spontanparty im Hotel ging. Bard weiß noch an ganz andere Momente zu erinnern, in denen der Tod oft eine Rolle spielte - viele Menschen seien ins Chelsea gekommen, um sich dort umzubringen, eine unschöne Berühmtheit. Bard war 45 Jahre lang Manager des Hotels. Im vergangenen Jahr wurde ihm gekündigt.

Für Abel Ferrara ist der Film auch ein geeigneter Anlass, Nachhause zu kommen in das New York, das er einst liebte und in dem er seine besten Filme drehte. 2005 zog der Filmemacher nach Rom. Er flüchtete vor den Säuberungsaktionen des Bürgermeisters Giuliani und der Panik nach 9/11. Dort drehte er seinen Film MARY mit Juliette Binoche in der Hauptrolle, der auf dem Filmfest in Venedig gleich vier Auszeichnungen erhielt. Zu der Regie von CHELSEA ON THE ROCKS kam Ferrara wie die Jungfrau zum Kind. Produzent Jen Gatien interviewte ihn zum Chelsea Hotel, in dem Ferrara etliche wilde Nächte erlebt hatte. Ferrara bot ihm an, die Regie zu übernehmen, mit den Worten: "Hört mal, das hier ist etwas, was ihr auf jeden Fall richtig machen müsst."

Ob ihm das gelungen ist, ist fraglich, aber auf jeden Fall ist der Charme des Chelsea Hotels in CHELSEA ON THE ROCKS deutlich zu spüren. Die interviewten Personen muss der Zuschauer aber schon kennen, denn Ferrara lässt sich nicht dazu herab, ihnen Namensschildchen in Form von Untertiteln zu geben. So bleiben die Unwissenden denn außen vor. Eines ist der etwas trashige und unorthodoxe Film aber auf jeden Fall: Unkonventionell. Das ist nicht überraschend, denn Abel Ferrara weiß: "Wir sind keine konventionellen Leute."
Nana A.T. Rebhan
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Chelsea On The Rock
D'Abel Ferrara
USA 2008, 88 Min.
Mit Stanley Bard, Dennis Hopper, Ethan Hawke, Grace Jones, Milos Forman, Robert Crump
Offizieller Wettbewerbsbeitrag - Séance Spéciale



Erstellt: 20-05-08
Letzte Änderung: 21-08-08