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05/01/10

China: Moderne Geisterstadt

(China, ARTE Info, 05.01.2010) Obwohl auch China von der weltweiten Krise betroffen ist, gab es dort im vergangenen Jahr weiterhin ein deutliches Wirtschaftswachstum. Das liegt an der wirtschaftlichen Dynamik des Landes, aber auch an Staatshilfen. Damit werden häufig Infrastrukturmaßnahmen und große Bauprojekte finanziert. Ganze Städte entstehen so aus dem Nichts, doch manchmal wohnt dort einfach noch niemand. So in Ordos, einer Phantomstadt in der inneren Mongolei.

  • Geisterstadt in China

Eine nagelneue Oper, eine futuristisch anmutende Bibliothek, mächtige Statuen, die historische Ereignisse der inneren Mongolei illustrieren. Willkommen in Neu-Ordos, einer Stadt vom Reißbrett. Ihr einziger Schönheitsfehler: Einwohner gibt es hier noch keine. Der Ort erinnert an die Geisterstädte des Wilden Westens. Nur hin und wieder kommen Touristen, um sich vor der eindrucksvollen Kinokulisse fotografieren zu lassen.

"Ein tolles Projekt“, sagt ein chinesischer Tourist, „ich bin wirklich sehr beeindruckt."
Eine andere Touristin fügt hinzu: "Als ich vor drei Jahren herkam, war das hier Brachland, seitdem hat sich viel verändert. Erst wird gebaut, dann kommen die Menschen."

Für den Bau der neuen Stadt wurden über 2 Milliarden Euro veranschlagt. Das Vorzeigeprojekt des Bezirks Ordos, einer der Regionen mit der höchsten Wachstumsrate Chinas, soll die Wirtschaft zusätzlich ankurbeln. Aber die Leute aus der Umgebung, die eigentlich hierher ziehen sollten, sind immer noch nicht da. Eine Schlappe für die Bezirksregierung.

"Die Lage ist schwierig“, erklärt Lin Wenqi, Architekt und Leiter des Ordos-Projekts. „Hier gibt es noch keine Geschäfte, denn bevor man einen Supermarkt eröffnet, sollte man wissen, wie viele Kunden zu erwarten sind, sonst verliert man Geld. Aber solange es keine Geschäfte gibt, will niemand hierherziehen."

Wer Leute treffen will, geht lieber ins 30 km entfernte alte Ordos. In der belebten Stadt mit mehr als einer Million Einwohnern hat man auf Veränderungen wenig Lust. Herr Wu besitzt seit Jahren einen Geschenkeladen - seine Geschäfte laufen recht gut. Er sieht keinen Grund, das alles für eine unsichere Zukunft aufs Spiel setzen, zumal man ihm nicht einmal die Umzugskosten erstatten würde.

"Haben Sie irgendwo offene Geschäfte gesehen?“ fragt uns Herr Wu, „Nein, ich ziehe nicht um. Dort ist ja nichts los, wie soll ich da leben können?"

Auch die anderen Händler sind skeptisch. In der alten Stadt Ordos stürzen sich die Kinder auf die Bonbons von Herr Li. Ob das in der neuen Stadt auch einmal so sein wird, weiß niemand, obwohl das Abenteuer so manchen reizt.

"Wenn der Handel dort läuft, gehe ich hin“, sagt Herr Li. „Aber davon will ich mich vorher selbst überzeugen - alles soll dort sehr hübsch sein, die Strassen und die Gebäude. Ich sollte mir das schon mal ansehen."

Nach offiziellen Angaben sollen alle Neubauwohnungen bereits verkauft sein. Doch nur einige wenige Gebäude in der Geisterstadt sind derzeit mit Leben erfüllt - und die gehören der Stadtverwaltung, die mit gutem Beispiel vorangehen will.

(Reportage Arte Info vom 05.01.2010, Autoren: Aviva Fried und Manuel Rambaud)

Erstellt: 06-01-10
Letzte Änderung: 06-01-10