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Eine Reportage von Valérie Paillé - 22/02/11

Chinese Art

Dieses Jahr haben die Gewinne der 500 erfolgreichsten chinesischen Betriebe zum ersten Mal die US Top 500 überholt und machen China so zur Wirtschaftsmacht Nummer 1. Um zum Sechzigjährigen der Volksrepublik bella figura zu machen, lösen am ersten Oktober unter anderem 18 Flugzeuge die Regenwolken mit der chemischen Keule in Wohlgefallen auf. Eine Maßlosigkeit, die sich auch in der zeitgenössischen Kunst widerspiegelt, wie Huang Yong Pings XXL-Werke demonstrieren.

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HUANG YONG PING

Huang Yong Ping: „Ich könnte sehr viel kleinere Arbeiten machen, das ist ja viel einfacher! Aber da heutzutage die Ausstellungsräume der Museen immer größer werden, muss der Künstler entsprechende Werke kreieren“. Der Größenwahn von Huang Yong Ping gipfelt dieses Jahr im “Goldenen Kopf“, der bei der Biennale von Lyon auf dem Dach des Museums für zeitgenössische Kunst thront. Huang ist nicht nur Marcel Duchamp-Fan, sondern auch Begründer des Xamien-Dadaismus. Der 1986 entstandene, mit Zen-Buddhismus angereicherte chinesische Dada, will mit allem brechen, was vorher war. Huang Yong Ping : „Xiamen Dada setzt sich aus zwei Begriffen zusammen. Xiamen ist das Städtchen, in dem ich geboren bin, und Dada der Dadaismus, wie wir ihn aus der westlichen Kunst kennen. Dada bedeutet Zerstörung, kulturelle und politische Rebellion gegen die Tradition. Vor allem dieser Aspekt des Dadaismus war uns damals sehr wichtig“. Die erste Xiamen-Dada-Ausstellung “Events” wird 1986 in Fujian, einer Provinz im Südosten Chinas, von den Behörden zensiert. Das Künstlerkollektiv reagiert sofort, und verbrennt seine Bilder im Hof des Museums, um stattdessen Abfall und alle möglichen andere Fundstücke in der Galerie auszustellen. Dadaismus in Reinstform! In China steht er unter strenger Beobachtung, deshalb zieht sich Huang Yong Ping nach Frankreich zurück, wo er 1989 die Riesen-Skulptur „Reptil“ aus Kunstbüchern modelliert, die vorher zwei Minuten in der Waschmaschine verbracht haben.

Von 1966 bis 77 werden Künstler, genau wie Bauern und Arbeiter, vor den Karren der Revolution gespannt. Pessimismus und Verbitterung gelten als bürgerliche Anwandlungen und werden von Mao Tse-tung verboten. Nicht einmal sein Tod 1976 setzt dem Personenkult des großen Mao ein Ende, und erst in den 90ern, als der Kapitalismus sich zum neuen Nirvana Chinas entwickelt, wagt sich die Kunst an die Götzenbilder heran. Politische Pop Art wagt das Undenkbare und parodiert die kommunistischen Symbole. Im Frühjahr 89 besetzen Studenten den Platz des Himmlischen Friedens, auf dem Mao 40 Jahre zuvor die Volksrepublik China ausgerufen hatte. Während das Land sich der Marktwirtschaft öffnet, fordert die Pekinger Jugend per Sit-In und Hungerstreik ein Vorantreiben politischer Reformen. Auslöser für ihren Freiheitsdrang ist die Ausstellung „Avantgarde China“, die nur wenige Wochen zuvor 186 Künstler in Peking versammelt. Nachdem der Performer Tan Song auf seine eigene Installation schießen lässt, wird die Ausstellung zensiert. Drei Monate später wird die Studentenrevolution von Tian‘anmen vom Regime brutal niedergeschlagen. Das Ende des chinesischen Traums ist für die Künstler der Startschuss eines ‚zynischen Realismus’.

ZHANG HUAN

Zhang Huan ist 24, als auf dem Platz des Himmlischen Friedens die Panzer rollen. Innerhalb weniger Jahre entwickelt er sich zum Superstar unter den Performance-Künstlern. 1994 setzt er sich, mit Fischöl und Honig beschmiert, in eine verdreckte öffentliche Toilette, um eine Stunde lang den lebenden Fliegenfänger zu geben. Seit 2006 hat der Künstler jede Menge Asche: In seinem Shanghaier Atelier klotzt er mit Werken aus Überresten von Räucherstäbchen aus Tempeln. 1998 ist Zhang Huan die Entrüstung leid, die seine Arbeiten in China auslösen und siedelt nach New York über, wo man sich um ihn reißt. Mit Performances wie “Einen Meter zu einem unbekannten Berg hinzufügen“, bei der er einen Pekinger Hügel um einen Meter Menschenfleisch erhöht, rückt er den Körper ins Zentrum seines Werks.


HAI RONG TIAN TIAN

In Pekings Künstlerviertel 798, das gerne mit dem New Yorker East Village verglichen wird, haben sich über 400 Galerien in ehemaligen Lagerhallen niedergelassen. Auch hier werden Exhibitionismus und Körperlichkeit groß geschrieben, wie Shu Yong mit seinen Brüsten von 1 Meter 80 Durchmesser demonstriert. Die 26-jährige Blog-Künstlerin Hai Rong Tian Tian, prangert die Lage der Frau in China an, indem sie zehn Tage lang fast nackt in einem Käfig auf der Straße sitzt : „Mit ist dadurch einiges klar geworden. Aber gefühlt habe ich eigentlich nur eins: dass mir der Po wehtat.“

LIN YILIN

Der 1964 geborene Lin Yilin ist fünf, als seine Familie mit dem Bau von Schutzkellern beginnt, weil sie von unmittelbar bevorstehenden Luftangriffen ausgeht. Lins Aufgabe ist es dabei, Berge von Steinen in den Keller zu schaffen. Dreißig Jahre später spielt er den Schülerlotsen für eine Mauer, die in Kanton über die Straße will. Lin Yilin hinterfragt die Rolle des Menschen angesichts des ungezügelten Urbanismus, der durch das neue China fegt. Auf dem Weg zum ungebremsten Mega-Wachstum wird der Mensch zum gelähmten und gefesselten Individuum. Für die diesjährige Biennale von Lyon wiederholt er auf den Champs Elysées eine Perfomance, die er schon drei Jahre zuvor im südchinesischen Haikou durchexerziert hatte. Kunst mit vollem Körpereinsatz.

Links

Ausstellung

Huang Yong Ping : "Arche 2009"
in der Chapelle des Petits-Augustins, Paris
Vom 23. Oktober bis zum 5. Dezember 2009
Galerie Kamel Mennour

Erstellt: 21-10-09
Letzte Änderung: 22-02-11


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