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Interview mit Gabriele Conrad - 14/10/05

"Christa Wolf ist eine beständige Person"

Frau Conrad, am Anfang Ihres Films über die Schriftstellerin Christa Wolf steht ein ausgiebiges Austern-Essen bei Christa Wolf zu Hause mit Freunden. Warum das?

Das ist die Geschichte einer langen Freundschaft zwischen Alain Lance und Volker Braun. Über Volker Braun hat Christa Wolf ihren Freund Alain Lance kennengelernt, der dann später auch ihre Bücher übersetzt hat. Das Austernessen ist so ein Ritual gewesen, denn Alain Lance hat die beiden mehrfach in Ost-Berlin besucht und immer versucht, Austern mitzubringen, obwohl man lebende Tiere in geschlossenen Paketen nicht einführen durfte. Es gab dann immer dieses opulente Essen, was damals ja auch so ein bisschen Exotik war – Austern und Champagner. Das haben die nach vielen Jahren einfach noch einmal gemacht, haben sich noch mal zu sechst zusammen gesetzt, Gerhard hat gekocht und es gab natürlich wieder Austern.

Das Verhältnis zwischen Christa Wolf und der DDR war ja nie ganz einfach. Besonders schwierig wurde es 1976 nach der Biermann-Ausbürgerung. Christa Wolf selbst blieb in der DDR. Konnten sie mit ihr über diese inneren Widersprüche, die ja damals zu Tage traten, ganz offen reden?

Ja. Sie selbst hat sich ja auch mehrfach dazu geäußert, unter anderem in ihrem Buch „Ein Tag im Jahr“. Dort denkt sie darüber nach, was sie eigentlich hält in der DDR. Sicher ist Christa Wolf von ihrer Art her eine beständige Person. Und natürlich haben die Kinder eine Rolle gespielt, die beiden Mädchen, die ja zur Schule gingen, da ist schon ein bisschen Bodenständigkeit dabei. Aber für sie spielte auch die Verpflichtung ihren Lesern gegenüber eine große Rolle. Das Allerwichtigste war aber, dass sie einen Großteil ihrer Themen in dieser Region gefunden hat und deshalb befürchtete, dass sie unter veränderten Bedingungen vielleicht nicht mehr so schreiben könnte wie sie es bisher getan hat. 1976 war ja nicht das erste Mal, dass es da Auseinandersetzungen und Distanz mit der Staatsführung gab. Das ist ja auch schon 1966 passiert, mindestens als sie auf dem 11. Plenum gesprochen hat. Außerdem gab es auch große Debatten um ihr Buch „Christa T“, das 1968 erschienen ist. Das war eine Reaktion war auf dieses 11. Plenum. In ihrem Buch fragt sie sich, was eigentlich mit dem Einzelnen ist, was ihn von dem Gesellschaftlichen unterscheidet und wie versucht er, sich auf den Weg zu sich zu machen.

War es vielleicht auch ein Festhalten an einem Traum? Oder anders ausgedrückt: Das nicht gleich wegwerfen des Traums von einer besseren Gesellschaft, von einer besseren Idee, an die sie vielleicht doch geglaubt hat?

Ich glaube, dass sie sich 1976 schon nicht mehr allzu große Illusionen gemacht hat. Das war sicher ein bisschen früher noch der Fall, in den sechziger Jahren. Aber 1976 war es schon ziemlich klar, dass es diese Gesellschaft, von der viele Künstler, Dichter, viele Menschen in der DDR einmal geträumt haben, dass es die nicht geben würde.

Als nach der Wende Vorwürfe erhoben wurden, sie hätte als IM für die Stasi gearbeitet, musste sie wieder durch eine sehr schmerzhafte Phase. Friedrich Schorlemmer sagt in Ihrem Film, sie habe sich das nie verziehen. Sind das immer noch offene Wunden bei ihr?

Sie hat ja erst mal etwas gemacht, was sonst keiner gemacht hat: Sie hat ihre gesamte Akte veröffentlicht. Aber als die Debatten dann begannen, war sie natürlich zutiefst erschrocken über das, was es in ihrem leben gab, was sie versucht hat zu verdrängen. Was irgendwie in den Hintergrund getreten ist. Deshalb hat sie sich auch da auf so eine Art Forschungsreise begeben, hat ihre Akten angeschaut und öffentlich gemacht. Da stehen natürlich auch sehr, sehr private Sachen drin, weil Christa Wolf gleichzeitig auch beobachtet wurde, und das hat sie eben alles vor der Öffentlichkeit schutzlos preisgegeben. Das finde ich schon einen sehr mutigen Schritt.

Christa Wolf stand immer auf der Seite der individuellen Freiheit. Aber sie wollte auch eine gerechtere Gesellschaft – zumindest kann man das aus ihren Büchern heraus lesen. Hat sie inzwischen ihren Frieden mit unserer marktwirtschaftlich, kapitalistischen Gesellschaft gemacht, die ja durch Globalisierung und Liberalisierung in letzter Zeit sicher nicht gerade sozial gerechter geworden ist?

Ich glaube, ihren Frieden wird sie natürlich nie ganz machen, weil sie dann nicht mehr schreiben kann. Das klingt so ein bisschen nach Ruhe und nach Zufriedenheit. Ich glaube, dass sie immer ein unzufriedener Mensch bleiben wird. Und sie sieht sich immer auf der Seite der Menschen, die keine Möglichkeit haben, sich öffentlich zu äußern. Deshalb versucht sie, in ihren Büchern Gedanken und Gefühle aufkeimen zu lassen. Das sieht man natürlich auch schon in ihrem letzten Buch, das sie veröffentlicht hat – danach sind ja jetzt noch einmal Erzählungen heraus gekommen – aber „Ein Tag im Jahr“ ist natürlich eine Geschichte, in der sie auch den Alltag zu Wort kommen lässt. Also einen Alltag, wie ihn beinahe jeder hat. Und trotzdem ist es für sie als Schriftstellerin ein bisschen ein anderer Alltag. Aber da versucht sie schon immer darüber zu sprechen, was in der Öffentlichkeit keine so große Rolle spielt oder für unwichtig erachtet wird.

Aber sie geriet praktisch nach der Wende in eine Phase der verschärften Marktwirtschaft, der verschärften Liberalisierung. Schlägt sich das bei ihr irgendwo nieder?

Das ist schwer zu sagen. Sie ist natürlich keine Autorin, die jetzt irgendwie auf ein Podium tritt. Natürlich äußert sie sich in Diskussionen, aber sie ist keine Autorin, die in erster Linie das politische Wort ergreift. Sie versucht, in den Makrokosmos des menschlichen Seins einzudringen und danach zu forschen. Aber jemand der sich mit politisch-ökonomischen Dingen auseinandersetzt, das ist sie nicht.

Versuchen Sie Christa Wolf einmal zu beschreiben, so wie sie sie kennen gelernt haben: Als Schriftstellerin und als Mensch - sofern sich das voneinander unterscheidet oder sich trennen lässt.

Sie ist eigentlich ein sehr offener Mensch. Sie gibt sehr, sehr viel von sich preis. Sie ist auch ein Mensch der sehr in Familie und Freundeskreis eingebettet ist. Sie ist eine sehr disziplinierte Schreiberin, wie ich das vorher kaum erlebt habe. Wir hatten ja schon öfter mit Autoren zu tun und sie legt sich wirklich jeden Tag ein Pensum vor, das sie abarbeiten will. Natürlich versucht sie da mal wie jeder andere ein bisschen auszubüchsen und sich auch noch das ein oder andere zu gönnen. Aber ansonsten ist sie schon ein sehr fleißige Frau.

Das Interview führte Thomas Neuhauser / ARTE

Erstellt: 22-07-05
Letzte Änderung: 14-10-05


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