Vor fast genau einem Jahr sind wir auf der Frankfurter Buchmesse an dem taiwanesischen Nachbarstand auf die Autorin Selena Lin aufmerksam geworden. Die Werke von der Künstlerin sind uns in dem Programm von Sharp Point Publishing sofort aufgefallen, da die enorme Vielfalt und Qualität der Titel, die Selena Lin mit ihren gerade einmal 26 Jahren publiziert hat, wirklich außergewöhnlich sind. Mit neun Taschenbüchern, zwei Bilderbüchern, einer Comic-Zeichenschule, einem Kalender und einem eigenen Tarot-Spiel hat sich diese Autorin in die Herzen der jungen Taiwanesinnen gezeichnet – und wir hoffen natürlich auch, dass sie die Herzen der deutschen Leser genauso erobert.
Die Comic-Schule zum Beispiel, die Selena publiziert hat, ist unter anderem deswegen so außergewöhnlich, weil Selena sich darin nicht nur bei der Arbeit über die Schultern blicken lässt, sondern über zahlreiche Fotos auch als "Moderatorin" dieses Buches in Erscheinung tritt.Mang'Arte: Worin unterscheiden sich Manhua von den klassischen Mangas und welche Gemeinsamkeiten gibt es?
Manhua (Taiwan) und Manga (Japan) unterscheiden sich im Wesentlichen durch das Herkunftsland. Sie zeigen jedoch mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede auf. Denn sowohl die Leserichtung – von rechts nach links und von hinten nach vorne - als auch der Panelaufbau sind sehr ähnlich. Beide Arten asiatischer Comics differieren allerdings von der koreanischen Gattung, den so genannten Manhwa: Diese werden wie die westlichen Comics von vorne nach hinten und von links nach rechts gelesen.
Mang'Arte: Können taiwanesische Manhua auf eine ebenso lange Tradition wie japanische Mangas zurückblicken? Welchen Stellenwert nehmen Manhua im taiwanesischen Alltag ein?
Die Art der chinesischen Comics kann ebenso wie die japanischen Manga auf eine lange Tradition zurückblicken. Allerdings haben die Manhua als solche ihren Boom erst Anfang der 90er durch die Entwicklung der chinesischen Jugendkultur erfahren. Früher gehörten sie eher zu den propagierenden Medien, die der Verbreitung von Nachrichten verschiedenster Art dienten. Mit Beginn der 90er sind sie jedoch mehr und mehr zu einer Kunstform avanciert. Die Manhua-Geschichten spiegeln die Bedürfnisse der Jugend auf zeichnerische Erzählweise wider und beschäftigen sich neben alltäglichen Jugendthemen auch mit Tabuthemen wie z.B. Homosexualität. Die andersartige Erzählweise und die spezifische Themenbehandlung hatten nicht nur die zunehmende Begeisterung in der jugendlichen Zielgruppe und die daraus resultierende steigende Nachfrage zur Folge, sondern belebten somit auch die Wirtschaft in China und Taiwan.
Mang'Arte: Mit ihren 26 Jahren gehört Selena Lin zu den eher jüngeren Comic-Zeichnerinnen, dennoch ist sie in ihrer Heimat bereits sehr beliebt und erfolgreich. Was macht Selenas Comic-Stil aus und was ist Ihrer Meinung nach das Besondere an ihren Manhua?
Selena Lin hat trotz ihres jungen Alters schon einen sehr ausgefeilten Zeichenstil. Die Kunst, Situationen und Charaktere in einer erzählenden Dynamik zeichnerisch darzustellen, beherrscht sie so gut wie alteingesessene Künstler aus dem Herkunftsland Japan. Wie Selena bereits selbst berichtete, zeichnet sie, seitdem sie weiß, wozu man Stifte und Farben gebrauchen kann. Zeichnen und Malen ist sicherlich nicht nur eine genetische Veranlagung, es gehören auch Übung, Disziplin und Kreativität / Einfallsreichtum dazu, um mit dieser Kunstart Menschen bewegen und unterhalten zu können. Was besonders auffällig an ihrem Stil ist, sind die sehr detaillierten und liebevoll dargestellten Protagonisten ihrer Manhua.
Mang'Arte: Der erste Band von Selena Lins Manhua-Serie heißt „White Night Melody“. Worum geht es da und wie können Sie unseren Lesern, diese bis dahin in Deutschland unbekannte Art asiatischer Comics, schmackhaft machen?
White Night Melody ist eine bezaubernde Geschichte in drei Bänden über eine, anfangs normal erscheinende, kleine Familie: Die Mutter Kelin, der Vater Yuanshu und ihr gemeinsamer Sohn Haoji. Aber zu dieser Familie gehören auch die beiden Puppen Keling und Jingping – und diese sind alles andere als normal, denn sie werden plötzlich durch ein Amulett zum Leben erweckt. So können die beiden Puppen nun auch, wie ihre Altersgenossen, zur High School gehen und dem Teenagerleben frönen… Eine sehr unterhaltsame und leichte Lektüre für Zwischendurch.
Diese Figur ist eher eine Erfindung Selenas. Viele Zeichner – auch koreanische oder japanische – bedienen sich dieser Hilfsmittel, da ein „Erzähler“ Unklarheiten richtig stellen, Dinge beschreiben oder einfach nur lustige Kommentare über die Protagonisten geben kann. Somit können auch Gedanken oder Situationskomiken untergebracht werden, die der Geschichte das gewisse Etwas bescheren. Weiterhin stellt er immer eine Orientierungsfunktion für den Leser dar.
Mang'Arte: Wo siedeln Sie das Zielpublikum von Selena Lin an? Sind ihre Manhua für jegliche Altersgruppe geeignet?Selena Lins Werke sprechen per se vor allem die weibliche Zielgruppe an. Die Kernzielgruppe bewegt sich im jugendlichen Alter. Allerdings haben ihre Geschichten auch das Potential, Leser anderer Altersschichten anzusprechen – hier sind keine Grenzen gesetzt, denn das ist individuell unterschiedlich. Der eine mag lieber Fantasy, der andere Liebesgeschichten und wiederum andere Comedy.
In den nächsten Programmen werden verschiedene Werke von Selena Lin erscheinen. So ist zum Beispiel jetzt im September die neue Serie Bye Bye Baby! in den Handel gekommen und im Januar 2006 können sich die Leser auf den nächsten Manhua der Autorin Sweet As Candy freuen. Darüber hinaus haben wir noch einige Sachen geplant, die ich jetzt allerdings noch nicht verraten möchte - es lohnt sich also immer ein Blick auf die Homepage von Selena Lin (www.selenas-welt.de) oder von TOKYOPOP (www.tokyopop.de).
Mang'Arte: Worauf kann sich der Manga und Manhua-Fan dieses Jahr noch freuen, was Neuerscheinungen bei Tokyopop angeht?
Vor allem können sich alle Manga-/ Manhua- und Anime-Fans auf einen multimedialen Herbst und Winter bei TOKYOPOP freuen, denn schon jetzt im Oktober startet unser erstes Anime-Programm mit den Serien Das Bildnis der Petit Cossette, DearS und Peace Maker Kurogane. Besonderes Highlight in diesem Segment wird im November der Anime zu der turbulenten High School-Liebesgeschichte School Rumble sein, der gleichzeitig mit dem gleichnamigen Manga erscheint. Zusätzlich erwarten uns das sensationelle Artbook Justice N Mercy des koreanischen Zeichners von Priest Min Woo Hyung, die Samurai-Comedy Samurai Champloo oder die bezaubernde Verwandlungs- und Verwechslungsgeschichte Zaubernüsse für Natsumi. Und das ist noch längst nicht alles. Aber die vollständige Liste der Neuerscheinungen hier zu nennen, würde wahrscheinlich den Rahmen sprengen…
Interview wurde von Patricia Czarkowski geführt. Oktober 2005.






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