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Junge Literaturkritik - 17/10/06

Christoph Ransmayr: Der fliegende Berg

Empfohlen von Achim Küpper


Christoph Ransmayrs jüngster Roman erzählt die Geschichte zweier Brüder, die sich von Irland aus gemeinsam auf den Weg nach Kham, Tibet, machen und sich damit auf die gefahrenreiche Suche nach einem noch unbekannten Berg begeben: dem mythischen und geheimnisvollen Phur-Ri, dem „fliegenden Berg“. Jedoch kehrt nur einer der beiden, das Ich des Romans, aus der Eiswelt zurück in eine Wirklichkeit, die für ihn nicht mehr dieselbe ist. Als der Überlebende am Ende den Entschluss fasst, noch einmal aufzubrechen, um zum letzten „weißen Fleck“ der Erde zurückzukehren, ist das Ziel, das er vor Augen hat, allerdings ein ganz anderes geworden…



Östliches Tibet. Irgendwann im 21. Jahrhundert:

„Ich starb
6840 Meter über dem Meeresspiegel
am vierten Mai im Jahr des Pferdes.“

Was so seinen Anfang nimmt, kann allein als ‚Epos des Digitalzeitalters’ einen Namen finden. „Der fliegende Berg“ spielt zu einer Zeit, wo Digitalkameras klein wie Feuerzeuge sind und die Computermaus längst schon der Vergangenheit angehört. Der Roman ist in „freie Rhythmen“ und einen „in Strophen gegliederten Flattersatz“ unterteilt und nimmt so – zumindest optisch – die Form eines epischen Gedichts von beinahe 10.000 ‚Versen’ an. Thematisch spielt Ransmayr einmal mehr mit dem Gedanken der auszufüllenden und doch unausfüllbaren Leere, der Entdeckung und Unentdeckbarkeit des Wirklichen, der magnetisch anziehenden und doch unerreichbaren Ferne eines letzten Ortes namens Wahrheit.

„Natürlich wußten wir insgeheim beide,
daß es einen solchen Ort nicht geben konnte,
zu keiner Zeit, nirgends“.

So geheimnisvoll wie der Auftakt bleiben weite Teile des Romans. Der titelgebende „fliegende Berg“, der im undurchdringlichen Nebel des Transhimalaya verschwindet und in den Mythen und Köpfen der Einheimischen tatsächlich in die Himmel aufsteigt, wird zum Inbegriff einer Erzählweise, die über weite Strecken keine plastische Darstellung, keine Transparenz der Geschichte mehr erzielt, sondern neblige und flüchtige, geradezu mythisch schwebende Stimmungsbilder erzeugt. Was zwischen diesen Bildern aufscheint, sind die Fährnisse des Weges und die Entdeckungen, das Verstehen und Verschweigen, die Unausgesprochenheiten und Sehnsüchte zweier gleich ungleicher Brüder auf der Reise durch eine kalte Welt, verbunden und getrennt durch die gemeinsam durchstandene Kindheit, die sie so verschieden werden ließ.


Erinnerungen am „Ort ohne Träume“.

Immer wieder tauchen in der Erinnerung des Erzählers Bilder von „Captain Daddy“ auf, einem Choleriker und Anhänger der IRA, der die beiden Jungen zu seinen lächerlichen militaristischen Manövern in die Berge zwang und damit auch ihre bittersüße Leidenschaft für das Klettern weckte. Und so wird im Laufe der Geschichte immer deutlicher, dass „Der fliegende Berg“ nicht nur von der Entdeckung und Ausfüllung einer „Leerstelle“ auf den Landkarten einer „bis auf die Bruchteile einer Bogensekunde vermessenen Welt“ erzählen möchte, sondern auch von den schmerzlichen Erfahrungen einer schwierigen Kindheit.

„… heute weiß ich,
daß uns ein Lachen vielleicht ins Leben zurückholen,
uns dort aber nicht halten kann.“

Auf der Suche nach dem Phur-Ri macht der Erzähler unter den Nomadenvölkern, mit denen er und sein Bruder in die Gebirgshöhen ziehen, jedoch bald seine eigene, ganz persönliche Entdeckung: Der Weg zum fliegenden Berg wird für ihn zur Begegnung mit Nyema, einer jungen Mutter und Witwe aus einem tibetanischen Nomadenstamm, mit der er die Tage und schließlich auch die Nächte verbringt. Zusammen mit ihr träumt er die Entdeckung der Schrift. Am See, am anderen Ort, an ihrem Ort, zeigt sich ihm damit „das größte Geschenk, das Menschen einander bereiten können“:

„Denn Nyema hatte zuvor in meinen Armen
über Buchstaben, über die Schrift
wie von einer Medizin gesprochen,
einer Arznei gegen die Sterblichkeit,
die zwar nicht heilen,
aber doch lindern konnte.“

Zugleich vergrößert die Begegnung mit Nyema aber auch die Distanz zwischen den beiden Brüdern.


„Mein Bruder ist tot.“

Erst in den letzten Stunden – nach ihrem endgültigen Aufbruch zum Gipfel des fliegenden Berges – glaubt der Erzähler eine neue Gemeinschaft zwischen sich und seinem Bruder Liam zu spüren, erst kurz vor dessen Verschwinden, als es praktisch schon zu spät ist, fühlt er die Wärme, die im Grunde zwischen ihnen herrschen könnte. Doch dann bricht eine neue Leerstelle, ein Vakuum des Sagbaren, in die Geschichte ein. Es ist die Leere, die das Verschwinden Liams im Roman hinterlässt:

„als ich endlich zu reden begann
und zum erstenmal aussprach, was ich die ganze Zeit,
unser ganzes Leben lang sagen wollte,
war ich plötzlich allein,
war ich schon seit Stunden allein.“

„Mein Bruder ist tot“, lautet das erdrückende Fazit des gemeinsamen Scheiterns.


„Der fliegende Berg“ wird wohl nie als Ransmayrs bedeutendster Roman gelten. Einzigartigkeit jedoch liegt gerade in der schwindligen und dünnen Luft der Höhenatmosphäre, die er beschwört, in den leeren Abgründen und Untiefen des Himmels, die zu unseren Füßen Halluzinationen hervorrufen, und in einer packenden Sprache, die mit der erzählten Welt vollständig im Reinen ist. „Der fliegende Berg“ ist ein sprechender Beweis dafür, dass einer der wichtigsten deutschsprachigen Autoren der Gegenwart es immer noch versteht, dem lauten Tumult des Schweigens eine eigene, eine andere Rede entgegenzuhalten und in dem Unsagbaren immer ein Sagbares noch zu finden.



Erstellt: 20-09-06
Letzte Änderung: 17-10-06


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