15/09/08
Christophe Honoré - Das schöne Mädchen
Im Gespräch mit Christophe Honoré
Die Idee zu diesem Film kam Ihnen nach einer Bemerkung von Präsident Nicolas Sarkozy über „Die Prinzessin von Clèves“ (1678, unter Ludwig XIV. erschienener Roman von Madame de Lafayette), die auf dem Programm einer Zulassungsprüfung in der Verwaltung stand.
„Die Prinzessin von Clèves“ ist in den Augen von Nicolas Sarkozy das Paradebeispiel für ein verstaubtes und überholtes, also pädagogisch absolut ungeeignetes Werk. Ich denke aber gerade das Gegenteil. Ich war immer davon überzeugt, dass die Jugend für Kunst und den Schock, den diese bewirken kann, ganz besonders empfänglich ist. Ich verbrachte jene Jahre meines Lebens in einer kleinen Schule im hintersten Winkel der Bretagne; ich erinnere mich noch heute, wie wir in eine Vorstellung von „La Dispute“ von Marivaux in St. Brieuc und ins Museum für Bildende Kunst in Rennes geführt wurden. Mir scheint, dass gerade das die Stärke einer demokratischen Schulbildung ist. Aber ich arbeite schon lange an einer „Prinzessin von Clèves“, die ich mir immer in einer heutigen Oberstufe vorstellte, allerdings unter strikter Beachtung der Handlung, der dramatischen Wendungen und der Charaktere.
Sie haben Ihre Adaptation - die im Grunde keine ist, denn Sie haben sich vom Werk frei inspirieren lassen - zusammen mit Gilles Taurand geschrieben. Können Sie etwas zur Entstehung Ihres Textes sagen?
Das Szenario ist keine literarische Adaptation, auch wenn uns alle Elemente des Romans präsent waren, da wir das Buch gerade gelesen hatten. Ich hatte Gilles gesagt, welche Szenen ich unbedingt auch im Film haben wollte. Sehr schnell waren wir uns dann einig, an der Sprache und den Dialogen zu arbeiten und vor allem :die Jugendsprache zu vermeiden, die im Film, wie ich meine, nur künstlich wirkt. Es ist eine leicht gehobene Sprache, aber keine literarische, würde ich sagen.
Aber das sind doch nicht irgendwelche Jugendlichen. Sie charakterisieren Sie selbst als „schick“.
Ich weiß nicht, ob das schicke Jugendliche sind. Ich habe nicht den Eindruck, dass sie aus dem Bürgertum kommen. In Paris sehe ich viele Leute zwischen 15 und 18 Jahren, die echte Anmut ausstrahlen. Die Jugendlichen von heute wissen ganz genau, dass sie die Schönheiten der Gesellschaft sind. Das führt zu Eitelkeit und Narzissmus, wodurch sie sich sehr von früheren Generationen Jugendlicher unterscheiden. Diese Anmut wollte ich filmen! „Die Prinzessin von Clèves“, das ist ja der Königshof; vielleicht gibt es da, wenn auch unbewusst, eine Verbindung.
Sie sagen über die heutige Jugend, sie sei anmutig, aber zugleich nicht unbefangen.
Als ich den Satz wieder las: „Niemals zuvor gab es schönere Gestalten am Hof“, das assoziierte ich sofort mit „Schulhof“. Nie zuvor waren auf dem Schulhof so viele schöne Menschen zu sehen wie heute. Blättern Sie in einer beliebigen Zeitschrift oder sehen Sie sich eine Modenschau an: Ob Jungen oder Mädchen, die Schönheiten sind noch keine 18! Und diese Vorstellung ist so fest in ihnen verankert, dass ihnen das auch die Unbefangenheit nimmt. Als Filmemacher hatte ich schon immer Lust, einen Film über Heranwachsende zu machen. Dieses Alter eignet sich auch besonders gut für den Film. Ich versuchte, an den Jugendlichen gerade das zu betrachten, was ich an ihnen nicht verstehe, also ihre Geheimnisse. Sie in ihrer Schönheit zu betrachten, das ist für mich auch so etwas, wie ein ebenso persönliches und ästhetisches Zeugnis abzulegen, was auch mehr der Art Filme entspricht, die ich mache.
Es gibt viele Nahaufnahmen, bei einigen Details halten Sie sich lange auf. Sie lassen sich Zeit, um genau hinzusehen.
Mir scheint, dass die Klasse dem Lehrer gegenüber eine Summe von Individuen darstellt. Die Idee des Einzelnen und der Einsamkeit waren entscheidend für mich, und so versuchte ich bei den Klassenszenen die Intimität und die Einsamkeit eines jeden zu filmen. Ich erinnere mich an Unterrichtsstunden in Geschichte und Geographie oder Mathematik, wo jeder mit seinen Gedanken komplett woanders war, bei seinen Liebesgeschichten, seinen sexuellen Ängsten oder ein völlig dämliches oder auch gar nicht so schlechtes Gedicht schrieb. Ich wollte, dass die Klassensequenzen eine Art Stillstand darstellen, wie Schmetterlinge, die man plötzlich festhält. Und sowie es aus dem Klassenzimmer rausgeht, kommt Bewegung rein, kehren sie zurück in die Gruppe. Diese Einstellungen sind dann viel dokumentarischer.
Der Film verwirrt den Zuschauer zunächst einmal ganz absichtlich. Die Kamera verweilt auf diesem und jenem, alle werden vorgestellt, ein wenig so wie im Roman.
„Die Prinzessin von Clèves“ beginnt mit Namedropping. Auf den ersten 30 Seiten ist man total verloren, und dann nimmt die Geschichte um die Begegnung zwischen Nemours und der Prinzessin von Clèves Gestalt an. In Anlehnung daran wollte ich, dass in den ersten zehn Minuten ganz viele Leute auftreten. Ich habe immer das Hin und Her zwischen Schule und Wohnung der Eltern gefilmt. Es war mir wichtig, das Leben dieser Gymnasiasten zu zeigen und dann die Begegnung zwischen Louis Garrel und Léa Seydoux und ihre Liebe auf den ersten Blick. Louis Garrel ist Italienischlehrer und er spielt den Schülern Auszüge aus Lucia di Lammermoor vor, natürlich von der Callas gesungen. Man spürt, dass die Klasse nicht mehr existiert, es gibt nur noch diese beiden. Es gibt überhaupt immer weniger Personen in dem Film. Er endet mit dem Paar, ja sogar mit einer einzigen Person, denn die Beziehung zerbricht. „Die Prinzessin von Clèves“ ist ein Buch über die größte Einsamkeit und die Gefahr, die damit einhergeht, der Einsamkeit zu entsagen.
Wie arbeiten Sie mit den Schauspielern?
Ich versuche, sie dazu zu bringen, so frei wie möglich zu sein. Damit meine ich nicht Spontaneität, sondern Phantasie. Naturalistische Darstellung mag ich nicht, aber ein erfinderisches Spiel schon.
Erstellt: 05-09-08
Letzte Änderung: 15-09-08