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1968

1968 - ARTE geht auf die Barrikaden! Themen-Schwerpunkt

1968

Schwerpunkt 1968 - 12/08/08

Chronik 1968



© Deutsches Historisches Museum, Berlin
Mitglieder der "Kommune 1" beim gemeinsamen Essen Werner Kohn West-Berlin, 1968
Januar
1.1. In der Bundesrepublik wird die Bruttoumsatzsteuer durch die Mehrwertsteuer ersetzt. Außerdem wird die Versicherungspflichtgrenze für Angestellte aufgehoben, womit deren Rentenversicherung der geltenden Regelung für Arbeiter angeglichen wird.
Premiere des Sexualaufklärungsfilms "Das Wunder der Liebe" von Oswalt Kolle in der Bundesrepublik.
4.1. Premiere des Films "Zur Sache Schätzchen" von May Spils (geb. 1941) mit Uschi Glas (geb. 1944) in der Hauptrolle.
5.1. Der Reformpolitiker Alexander Dubcek wird Erster Sekretär der kommunistischen Partei der CSSR.
12.1. Die DDR-Volkskammer beschließt ein neues Strafgesetzbuch und eine neue Strafprozessordnung, die am 1.7. 1968 in Kraft treten. Das Strafrecht sieht differenzierte Strafen, abhängig vom Grade der "Gesellschaftsgefährlichkeit" und der persönlichen Einstellung zum sozialistischen Staate, sowie Strafverschärfung für politische Delikte vor.
29./30.1. Auf dem ordentlichen Bundesparteitag der FDP wird Walter Scheel zum neuen Parteivorsitzenden gewählt.
30.1. Vietcong-Verbände und nordvietnamesische Truppen starten zu Beginn des buddhistischen Neujahrsfestes (Tet) eine Großoffensive, die schließlich den militärischen Rückzug der USA aus Vietnam einleitet.
31.1. Wiederaufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen der Bundesrepublik und Jugoslawien. Die Kontakte waren 1957 aufgrund der Hallstein-Doktrin abgebrochen worden.

Februar
1.2. Eine Kundgebung gegen den Rechtsradikalismus endet in München mit dem Tod eines Gegendemonstranten aus den Reihen der Nationaldemokratischen Partei Deutschlands (NPD).
6.-18.2. Olympische Winterspiele in Grenoble/Frankreich.
18.2. In West-Berlin kommt es zu Studentenprotesten gegen die US-Beteiligung am Vietnam-Krieg.
26.2.-5.3. In Budapest findet ein Konsultativtreffen von 64 kommunistischen Parteien und Arbeiterparteien statt. Die DDR-Delegation wird von Erich Honecker geleitet.

© ARTE France
Demonstration in Deutschland gegen den Vietnamkrieg
März
1.3. Bundespräsident Heinrich Lübke weist gegen ihn erhobene Vorwürfe, er sei während des Nationalsozialismus als Architekt am Bau von Konzentrationslagern beteiligt gewesen, zurück. Die Verleumdungs-Kampagne gegen Lübke war seit 1964 von der DDR-Regierung systematisch aufgebaut worden. 1992 gestehen zwei ehemalige Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) der DDR, dass sie die Akten Lübkes "mit großer Sorgfalt" gefälscht haben.
16.3. US-Soldaten verüben ein Massaker an den Einwohnern eines südvietnamesischen Dorfes. 507 Menschen, darunter überwiegend Kinder und Greise, kommen dabei ums Leben. Das Dorf May Lai wird zum Sinnbild eines Krieges, dessen Leidtragende vor allem die Zivilisten sind. Der befehlshabende Offizier wird 1971 zu lebenslanger Haft verurteilt.
20.3. Uraufführung des politisch-agitatorischen Dokumentarstückes "Viet Nam-Diskurs" von Peter Weiss in Frankfurt/Main.
28.3. Rücktritt des Bundesinnenministers Paul Lücke (1914-1976) (CDU), da er die angestrebte Wahlrechtsreform nicht durchsetzen kann.
27.3. Die Wissenschaftlichen Hochschulen in der Bundesrepublik beschließen, eine Studienzugangsbeschränkung nach Abitur-Durchschnittsnoten, den sogenannten Numerus Clausus, einzuführen.

April
2.4. Aus Protest gegen die politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse in der Bundesrepublik Deutschland setzen vier radikalisierte Anhänger der Außerparlamentarischen Oppositon (APO) zwei Frankfurter Kaufhäuser in Brand. Zwei Tage später werden die Brandstifter gefasst, unter ihnen Andreas Baader und Gudrun Ensslin, und am 31. Oktober zu drei Jahren Haft verurteilt.
4.4. In Memphis/USA wird der schwarze Bürgerrechtler und Friedensnobelpreisträger von 1964, Martin Luther King (geb.1929), von einem weißen Attentäter erschossen. Die Nachricht von seinem Tod löst in vielen Städten der USA Unruhen und Krawalle aus.
6.4. In einem Volksentscheid für eine neue DDR-Verfassung stimmen rund 94 Prozent der Wahlberechtigten mit "Ja". Die Verfassung, in der die DDR als "sozialistischer Staat deutscher Nation" charakterisiert wird, tritt am 9.4. in Kraft.
9.4. Die Bundesrepublik erklärt sich in einer Note an die UdSSR zu Verhandlungen über Gewaltverzichtserklärungen mit allen Staaten des Warschauer Paktes bereit.
11.4. Rudi Dutschke, Vorstandsmitglied des Sozialistischen Studentenbundes (SDS), wird in West-Berlin von einem 23-jährigen Arbeiter niedergeschossen und schwer verletzt.
11.-17.4. Der Anschlag auf Dutschke führt in vielen Teilen der Bundesrepublik zu Demonstrationen und teilweise blutigen Auseinandersetzungen mit der Polizei. Besonders bei den Protestaktionen gegen das Verlagshaus Axel Springer am 12.4. kommt es zu Ausschreitungen.
13.4. Bundeskanzler Kiesinger hält eine Rundfunk- und Fernsehansprache aus Anlass des Attentates auf Dutschke und der darauffolgenden Osterunruhen. Am 14.4. hält Bundesjustizminister Gustav Heinemann eine selbstkritische Rundfunk- und Fernsehansprache.
26.4. John Heartfield, der Begründer der politischen Photomontage, stirbt in Ost-Berlin.
28.4. Bei den Landtagswahlen in Baden-Württemberg erhält die NPD 9,8 Prozent der Wählerstimmen.
30.4. Der Bundestag hält aufgrund der Studentenunruhen
eine Sondersitzung ab.

© ARTE F / MK2
Protestaktionen im Mai 1968 in Paris
Mai
3.5. Nach blutigen Auseinandersetzungen zwischen demonstrierenden Jugendlichen und der Polizei wird die Sorbonne, die Universität von Paris, erstmals in ihrer Geschichte geschlossen.
4.5. Eröffnung der Ausstellung "50 Jahre Bauhaus" im Beisein des Bauhausgründers Walter Gropius in Stuttgart.
10.5. In Frankreich rufen die Gewerkschaften aus Solidarität mit den rebellierenden Studenten zu einem Generalstreik auf, der das Land lahmlegt. Bürgerkriegsähnliche Zustände mit Straßenschlachten, Massendemonstrationen und Fabrikbesetzungen stürzen das Land ins Chaos.
11.5. Gegner der Notstandsgesetzgebung unternehmen einen Sternmarsch nach Bonn mit rund 30.000 Teilnehmern aus dem ganzen Bundesgebiet.
13.5. In Paris beginnen die ersten offiziellen Gespräche zwischen den USA und Nordvietnam zur Beendigung des Vietnam-Krieges.
15.5. Die schwedische Reichsbank stiftet den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften, der erstmals 1969 vergeben wird.
30.5. Der Bundestag beschließt eine Ergänzung des Grundgesetzes durch die Notstandsverfassung. Sie genehmigt unter anderem den Einsatz der Bundeswehr bei inneren Unruhen. Die Diskussion im Bundestag wird von zahlreichen Protestveranstaltungen, zu denen der SDS und andere Mitglieder der APO aufgerufen haben, begleitet.
Der französische Staatspräsident Charles de Gaulle löst die Nationalversammlung auf und ordnet Neuwahlen an.
31.5. Sowjetische Truppen rücken zu "Stabsmanövern" in die Tschechoslowakei ein.

Juni
3.6. Bei einem Attentat der radikalen Feministin Valerie Solanas (1936-1988) auf Andy Warhol (1928-1987) in New York wird der amerikanische Pop-Art-Künstler schwer verletzt.
5.6. Der US-Senator Robert F. Kennedy (geb.1925), der jüngere Bruder des früheren Präsidenten John F. Kennedy, wird durch Schüsse schwer verletzt. Einen Tag nach dem Attentat erliegt er seinen Verletzungen.
10./11.6. Die Volkskammer beschließt die Einführung der Pass- und Visapflicht im Reise- und Transitverkehr zwischen der Bundesrepublik Deutschland und West-Berlin. Desweiteren wird das Gesetz über die Aufgaben und Befugnisse der Volkspolizei festgelegt.
13.-15.6. Auf dem 10. Deutschen Bauernkongress der DDR wird über die Forderung des VII. Parteitages der SED (17.-22.4.1967) nach Übergang zu industrieller Organisation und Leitung in der Landwirtschaft beraten.
22.6. In Venedig wird die 24. Kunstbiennale unter heftigen, gegen den kommerziellen Charakter der Veranstaltung gerichteten Protesten eröffnet.
27.6.- 8.10. Die Kasseler "documenta 4" gerät aufgrund des Ausschlusses von Kunstformen wie Happening und Fluxus ins Kreuzfeuer der Diskussion. Der Protest der Studentenbewegung, der SDS-Gruppe "Kultur und Revolution" und die Kritik Wolf Vostells am Auswahlverfahren richten sich gegen die Dominanz US-amerikanischer Künstler. Das Schlagwort von der "americana" entsteht.

Juli
1.7. Die Zollunion der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) tritt in Kraft.
Die Atommächte USA, UdSSR und Großbritannien unterzeichnen den Vertrag über die Nichtverbreitung von Kernwaffen, den sogenannten Atomwaffensperrvertrag.
14./15.7. Partei- und Regierungsvertreter der UdSSR, der DDR, Polens, Ungarns und Bulgariens beraten in Warschau über die politische Entwicklung in der Tschechoslowakei.
15.7. Aufnahme des direkten Flugverkehrs zwischen Moskau und New York.
25.7. Papst Paul VI. (1897-1978) erlässt die Enzyklika "Humanae vitae", in der die Auffassung, dass der Geschlechtsverkehr und die "gottgewollte Fortpflanzung" untrennbar miteinander verknüpft seien, festgelegt wird. Damit ist Katholiken die Antibabypille verboten.

© ARTE F / Kratky Film
Alexander Dubcek, ab Januar 1968 Erster Sekretär der Kommunistischen Partei und Leitfigur des so genannten "Prager Frühlings" von 1968
August
12.8. Eine Delegation des Zentralkomitees (ZK) der SED unter Leitung Walter Ulbrichts trifft sich mit dem ZK der tschechoslowakischen KP unter Leitung von Alexander Dubcek in Karlsbad.
20./21.8. Einheiten der Nationalen Volksarmee (NVA) der DDR beteiligen sich an der Besetzung der CSSR durch fünf Warschauer Pakt-Staaten. Damit wird der Prager Frühling, das Experiment einer Demokratisierung von Partei, Staat und Wirtschaft in einem Ostblockland, gewaltsam beendet.
21.8. Das ZK der SED, der Staatsrat und der Ministerrat verkünden einen "Aufruf an alle Bürgerinnen und Bürger der DDR" zur "Sicherung der sozialistischen Entwicklung in der CSSR".
26.8. In Moskau enden die Verhandlungen zwischen der sowjetischen und der tschechoslowakischen Führung mit der Unterzeichnung des "Moskauer Protokolls".

September
4.9. Der Ministerrat der DDR beschließt die Teilung des Staatlichen Rundfunkkomitees in das Staatliche Komitee für Rundfunk und das Staatliche Komitee für Fernsehen.
15.9. Die von Ludwig Mies van der Rohe entworfene Neue Nationalgalerie in West-Berlin wird eröffnet.
17.9. Die Großbanken in der Bundesrepublik beschließen, dass künftig auch Inhabern von Lohn- und Gehaltskonten Überziehungskredite gewährt werden.
22.9. Gründung der Deutschen Kommunistischen Partei (DKP) als Nachfolgeorganisation der verbotenen KPD.

© Deutsches Historisches Museum, Berlin
Einmarsch der Olympiamannschaft der DDR Bei den Olympischen Sommerspielen in Mexiko tritt die DDR zum ersten Mal mit einer eigenen Mannschaft an. Mexiko-Stadt, 12. Oktober 1968
Oktober
12.10. Das Nationale Olympische Komitee (NOK) der DDR wird als gleichberechtigtes Mitglied in das Internationale Olympische Komitee (IOK) aufgenommen.
12.-27.10. Olympische Spiele 1968 in Mexico City. Erstmals nehmen zwei deutsche Mannschaften an den Spielen teil.
14.10. Bundespräsident Lübke gibt bekannt, dass er am 30. Juni 1969 vorzeitig von seinem Amt zurücktreten wird.
28.10. Willy Brandt erklärt die Bereitschaft, von der Existenz der DDR als eines zweiten deutschen Staates auszugehen und der Regierung der DDR auf gleichberechtigter Basis zu begegnen.

November
4.11. In West-Berlin kommt es zu blutigen Auseinandersetzungen zwischen Studenten und der Polizei. Auslöser ist das Berufsverbot für den APO-Anwalt Horst Mahler.
5.11. Der Republikaner Richard Milhous Nixon (1913-1994) wird zum 37. Präsidenten der USA gewählt.
7.11. Auf dem CDU-Parteitag in West-Berlin ohrfeigt die 29-jährige Beate Klarsfeld (geb. 1939) Bundeskanzler Kiesinger. Sie will damit auf seine NS-Vergangenheit als stellvertretender Abteilungsleiter der Rundfunkabteilung des Reichsaußenministeriums hinweisen.
12.11. Der sowjetische Parteichef Leonid Breschnew (1906-1982) rechtfertigt den Einmarsch in die CSSR mit der sogenannten Breschnew-Doktrin, die die beschränkte Souveränität der sozialistischen Staaten im Falle einer Bedrohung für das sozialistische Weltsystem festlegt.
28.11. An der Düsseldorfer Kunstakademie kommt es zu Auseinandersetzungen um die Lehrtätigkeit von Joseph Beuys, weil dieser sich für Mitbestimmungsrechte der Studenten einsetzt.

Dezember
10.12. Der Professor für Rechtswissenschaften und UN-Delegierte Frankreichs, René Cassin (1887-1976), wird mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet. Er hat die Menschenrechtsdeklaration verfasst, die 1948 von der UNO angenommen wurde, und ist Präsident des Europäischen Gerichtshofes für Menschenrechte in Straßburg.
24.12. Das bemannte US-amerikanische Raumschiff "Apollo 8" umkreist erstmals den Mond.


Quellenangabe:
© LeMO - Lebendiges virtuelles Museum Online
Multimediales Informationssystem zur deutschen Geschichte
des Deutschen Historischen Museums Berlin
und des Hauses der Geschichte in Bonn
(Die Chronik wurde in Teilen von der ARTE-Internetredaktion gekürzt.)

Bei LeMO, dem virtuellen Museum online, können Sie die vollständige Chronik lesen und Ihre historischen Kenntnisse vertiefen.

Mit freundlicher Unterstützung von:


Erstellt: 28-03-08
Letzte Änderung: 12-08-08