Frau Michelsen, wo waren Sie am Donnerstag, dem 11. September 2001?
Ich war in Berlin bei Dreharbeiten, an diesem Tag hatte ich allerdings keine Aufnahmen. Ich war zuhause mit meiner kleinen Tochter und bekam dann den Anruf, ich sollte den Fernseher anmachen – wie so viele andere auch. Ich habe dann den Fernseher angemacht, meine vierjährige Tochter war mit im Raum, und als ich sah, was da passiert war, habe ich ihn sofort wieder ausgemacht – das war die Situation. Dann habe ich eine Anruf von Hartmut Schoen bekommen, dem Regisseur, mit dem ich damals drehte, der bei allen anrief und fragte, ob wir denn am nächsten Tag überhaupt mit den Dreharbeiten weitermachen könnten – was ich unglaublich toll fand.Sie spielen in dem zweiteiligen Fernsehfilm „Auf ewig und ein Tag“, der auch vom 11. September handelt, eine Frau namens Elsa, die lange zwischen den zwei Männern steht, die eine lange und intensive Männerfreundschaft verbindet. Es kommt dann auch zu einer Dreiecksbeziehung, weil die beiden „wohl nur im Doppelpack zu haben sind“, wie es an einer Stelle heißt. Wie haben Sie sich auf die Rolle vorbereitet, haben Sie „Jules und Jim“ noch mal angeschaut?
Also, ich habe mir ganz sicher nicht mehrere Männer genommen, um das auszuprobieren und durchzuspielen (lacht)...
Das wäre ja auch eine übertrieben intensive Vorbereitung gewesen...
Nein, also im Ernst, als ich die Geschichte las, hat sie mich natürlich auch an „Jules und Jim“ erinnert, ich glaube, wir haben den Film auch irgendwann daraufhin noch mal angeschaut. Aber das sind auch nur einzelne Fragmente dieser Dreierbeziehung, die an „Jules und Jim“ erinnern, die freie Liebe und wie Elsa, Gregor und Jan damit umgehen. Das ist ja noch in den Siebzigern und das hat sehr viel mit dieser Zeit zu tun.
Sie glauben, das eine derartige offene Dreierbeziehung heute so nicht mehr möglich wäre?
Da gibt es wohl keine festen Regeln. Aber im Moment geht die Tendenz doch wieder etwas mehr in Richtung Ehe und Familie, habe ich den Eindruck, aber wir bewegen und doch sowieso immer wieder im Kreis. Wir lehnen uns gegen unsere Eltern auf, und dann lehnen sich unsere Kinder wieder gegen uns auf, ich sehe das als einen normalen Kreislauf. Aber auch heute wird es jederzeit Ausnahmen geben, Menschen, die nach ihren eigenen Regeln leben, was auch gut so ist.
Ihr Filmpartner Heino Ferch hat gesagt, dies sei eigentlich kein Film über den 11.September, sondern ein Film über eine Männerfreundschaft. Ist es nicht auch ein Film darüber, dass Männerfreundschaften und die Beziehung zu Frauen sich manchmal gegenseitig im Wege stehen können, weil sie nicht gleichzeitig gleich intensiv gelebt werden können?
Ja, sicherlich. Denn wir hängen doch alle, auch wenn wir nicht in die Kirche gehen, irgendwie in dieser Moral drin. Es gibt Regeln, es gibt Sünden, auch wenn wir noch so modern sein wollen und darum kämpfen, es verletzt uns, wenn der andere nicht vollständig nur für uns da ist, eine andere Beziehung, auch zu einem Mann, genauso wichtig ist. Wir sind da noch lange nicht an dem Punkt der völligen Freiheit. Das Besitzdenken und die Sünde – auch wenn das altmodisch klingt – sind doch in den Menschen noch tief verwurzelt.Elsa und Gregor versuchen es ja dann ernsthaft und entscheiden sich füreinander. Gregor mietet sogar eine gemeinsame, schicke Wohnung, aber dann sagt Elsa plötzlich zu ihm: „Wir machen uns etwas vor“. Was machen sich die beiden vor, Liebe als Begleitkulisse für die Karriere und das Leben auf der Überholspur?
Also bei diesen beiden denke ich, dass es auch damit zusammenhängt, dass sie sich ein ganz normales Leben gar nicht richtig vorstellen können, es gar nicht leben könnten, weil sie beide viel zu viel wollen. Mit einem normalen Alltagsleben kämen die beiden nicht klar, und das spürt Elsa wohl in diesem Moment.
Gregor führt ja auch noch den ewigen Kampf um die Anerkennung seines Vaters, ein aussichtsloser Kampf, da der Vater (gespielt von Henry Hübchen) Gregors verstorbenen Bruder in der Erinnerung verklärt. Hat man da als Frau nicht zwangsläufig das Nachsehen, wenn man sich in einen Mann verliebt, der immer noch um die Anerkennung seines Vaters kämpft?
Nicht unbedingt. Wenn man natürlich eine Beziehung immer nur im Hinblick auf das Ergebnis lebt, und denkt, ich verliere den Mann, wenn ich ihn nicht ganz bekomme, dann schon. Aber Elsa hat in dieser Beziehung ja auch ganz viel gewonnen, die beiden haben doch auch tolle Zeiten gehabt, das muss man ja auch sehen. Natürlich will man einen Mann ganz haben, aber wenn der Mann nicht so weit ist, dann nützt einem das gar nichts. Gregor steckt noch in diesem Prozess drin, und das begreift Elsa auch.
Warum glauben Sie spielt diese Geschichte vor dem Hintergrund des 11. Septembers, wenn es doch gar nicht in erster Linie um den 11. September geht?
Das ist natürlich eine Entscheidung des Autors und des Regisseurs, aber ich vermute mal, weil dieser gewaltige Terroranschlag so radikal in unser Leben hineinknallte und die ganze westliche Welt plötzlich stillstand, also eine besondere Situation entstand. Für mich ist es auch ein Thema, dass der Anschlag das Wirtschaftszentrum des Westens traf, also die Wall Street und das World Trade Center als Mittelpunkt unseres Wirtschaftslebens. Und die Geschichte dieser beiden Männer und ihrer Freundschaft hat ja sehr viel mit diesem Wirtschaftsleben zu tun, schließlich geht es um Geld, um Erfolg, um schnelle Karrieren, wie es sie in den achtziger und neunziger Jahren auch tatsächlich gab, und oft eben auch zu Lasten der Freundschaft, der Beziehungen. Und diese Beziehung vor dem Hintergrund des 11. Septembers zu zeigen, das ist doch einfach auch eine sehr gute Klammer.
Vielleicht auch weil ein so gewaltiger Anschlag etwas in den individuellen Biografien freisetzt, was lange unter den Teppich gekehrt war, was erst durch eine solche Erschütterung hervor tritt und sichtbar wird?
Ja, ganz sicher. Weil einem in diesem Moment klar wird, wo man steht, wo die Träume sind, die man einmal hatte, wie weit man sich schon aufgegeben oder verkauft hat. Diese Fragen stellen sich Jan und Gregor dann auch. Im Kleinen kann das auch ein anderes Ereignis sein, ein Autounfall etwa, oder eine andere Alltagskatastrophe, die zu einem Wendepunkt führt. Hier waren es aber auch die Massivität dieses Anschlags und die vielen Einzelschicksale, die zu dem Bruch in den Biografien führte – ich halte das schon für eine brillante Idee.
Interview: Thomas Neuhauser (ARTE / September 2006)






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