Das Interview mit Bernhard Paul zum Anhören (bitte klicken)Bernhard Paul, Sie sind Zirkusdirektor von Roncalli, gleichzeitig Autor, Regisseur und sie betreiben Variététheater. Trotzdem treten Sie noch immer als Clown auf. Warum?
Ich möchte kein Schreibtischtäter sein. Ich habe das von Anfang an gemacht und das ist natürlich auch so eine Geschichte, die man dann nicht mehr los wird. Wenn man es einmal nicht macht, kriegt man Anfragen: „Wieso sind Sie nicht mehr dabei? Haben Sie das nicht mehr nötig?“. Es ist auch natürlich ein gutes Kontrollorgan für mich, dadurch dass ich selber mitarbeite kriege ich es ganz einfach viel besser mit. Die Stimmung des Publikums. Das Publikum verändert sich auch über die Jahre. Es ist eine andere Mischung da und es sind andere Reaktionen. Ich bin in der ersten Reihe und dadurch hat man einen besseren Eindruck auf der einen Seite. Zum anderen mache ich es natürlich auch gerne. Mein Kindheitstraum war eigentlich Clown, zu werden und nicht Zirkusdirektor. Ich liebe diesen Beruf. Es ist auch ein bisschen täglicher Urlaub von der Bürokratie und vom Alltag.
Sie sagten, das war eigentlich Ihr Traumberuf als Kind. Wer war denn damals Ihr Vorbild?
Grock. Ich habe Grock als Kind in einem Film gesehen. Es gab einen Film über sein Leben und seine Auftritte. Ich war hin und weg und war ganz begeistert. Ich bin heute noch ein Grock-Fan und sammle alles über ihn und habe auch seinen Nachlass gekauft und seine Kostüme, Musikinstrumente. Ich verehre ihn und versuche ihn noch länger leben zu lassen, indem ich die Erinnerung an ihn wach halte.
Haben sich die Clowns in den letzten Jahren oder Jahrzehnten verändert und – wenn ja – inwiefern?
Sie sind schlechter geworden. In der Bibel steht: „Viele fühlen sich berufen, wenige sind auserwählt“. Und im Zirkus war der Clown jahrelang auch ein bisschen Notnagel, nicht in den Spitzenzirkussen, aber in den mittelmäßigen Zirkussen. Da hat einer den „Artisten“ gemacht und wenn er dann nicht mehr konnte, weil die Knochen zu alt waren, macht er halt den Clown. Und es kam dabei halt immer raus, dass es nicht richtig gut war. Da hat es gekracht und geknallt und gestaubt, und die Kinder haben Angst gehabt vorm Clown, weil es da immer laut wurde. Das ist nicht der Clown in Wirklichkeit. Der richtige Clown ist in der Richtung von Grock oder Charlie Rivel. Es gibt dann noch in Frankreich oder Italien eine ganze Reihe von hervorragenden Clowns, die alle eines gemeinsam haben: Sie leben nicht mehr. Und es gibt ganz wenig Nachwuchs.
Inzwischen gibt es ja einige Clowns-Schulen. Kann man den Clowns-Beruf wie jeden anderen Beruf richtig erlernen? Oder ist es unerlässlich, dass man auch einfach eine große Portion Talent mitbringt?
Ja, das ist die Voraussetzung. Man kann Techniken lernen, man kann Wissen, das man braucht, lernen, also wie man sich schminkt etwa. Es ist wie bei der Schauspielschule: Es gibt bestimmte Gesetzmäßigkeiten, die man einhalten muss. Man kann was lernen über das Timing, wie man Pointen setzt. Aber ohne Talent geht nichts. Auch in einer Schauspielschule kann man jahrelang studieren. Wenn man kein Talent hat, wird es nichts bringen. Und so ist es auch beim Clown. Ein Clown braucht vor allem eines: Erfahrung.
Wann ist ein Clown ein guter Clown? Es gibt eine Regel: Wenn das Kleinkind und der Intellektuelle an der elben Stelle lachen. Das will sagen: Ein Clown muss allgemein verständlich sein. Ein Clown spielt ja auch ein kurzes, kleines Theaterstück. Er muss also alles sehr konzentriert machen und er hat nur ganz begrenzte Zeit, Erfolg zu haben. Er hat nur sieben Minuten. Und dann müssen ihn die Leute verehren. Und vor allem kann man es noch kürzer sagen: Er hat dann Erfolg, wenn die Leute lachen“. Aber es muss auf hohem Niveau sein. Die Hose runter zu lassen und sich eine Torte ins Gesicht zu schmeißen – dabei könnte man unter Umständen auch Lacher ernten, aber die sind nicht wertvoll.
Was vermissen Sie bei den Clowns von heute im Gegensatz zu früher?
Vieles. Wenn man heute junge Menschen fragt: Was willst du einmal werden?, sagen sie: „Berühmt und reich“. Das hat natürlich auch mit den Medien etwas zu tun. Diese Castings-Stars, wo alle Popstars werden wollen und als leuchtendes Vorbild, als Lichtgestalt Dieter Bohlen vor sich sehen. Diese Zeit, wo Jugendliche keine richtigen Idole haben oder falsch verstandene Idole. Reichtum ist kein Idol. Den Idealismus, den vermisse ich. Weil man den für künstlerische Berufe braucht. Und das ist halt ein bisschen abhanden gekommen. Ein Lachen muss auch mit Anstand kommen. Nehmen Sie als Lichtgestalt einmal Charlie Chaplin. Der hätte nie auf Kosten anderer irgendwelche Späße gemacht oder auf Kosten von Minderheiten.
Ist ein Zirkus ohne Clowns für Sie überhaupt vorstellbar?
Nein, also eher noch ohne Tiger und Elefanten, was wir ja hier schon seit zwanzig Jahren machen. Wir haben überhaupt nie so etwas gehabt. Zirkus ist ja in seiner historischen Entwicklung eigentlich nur einem Tier wirklich verbunden, nämlich dem Pferd. Der Zirkus ist entstanden aus einer Kunstreiter-Gesellschaft. Die Manege ist deshalb rund und hat Sägemehl drin. Und im Zirkus waren von Anfang an Clowns wichtige Leiter, weil es immer gut ankommt, wie in einem guten Film, wenn ein Komiker dazwischen kommt.
Kann jemand, der heute als Clown arbeitet, eigentlich wirtschaftlich so richtig über die Runden kommen, oder ist das sehr schwer?
Also ein guter Clown hat im Zirkus Roncalli durchaus Gagen bis zu 1000 Euro pro Tag.
Wie stellen Sie sich die Clowns der Zukunft vor?
Lustig. Es gibt nur ein Kriterium. Wir haben im Zirkus Roncalli einige Clowns und Komiker entdeckt. Es gab ja bestimmte Sparten der Komik nicht im Zirkus. Einen Komiker habe ich vor vielen Jahren in Paris auf der Straße entdeckt, der dort Slapstick-Komödie betrieben hat. Und den habe ich in den Zirkus geholt und mit ihm eine Nummer einstudiert. Mittlerweile ist er mit einem Grammy ausgezeichnet. Der hat inzwischen auch viele andere Preise gewonnen und war am Broadway der Star. Mittlerweile gibt es im Zirkus eine eigene Sparte, eine Art von Clown, die viel mit dem Publikum arbeitet.
Das war Roncalli-Zirkusdirektor Bernhard Paul.
Herr Paul vielen Dank für das Gespräch.
Das Interview führte Katja Dünnebacke.






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