Die neunköpfige Band, mit der Coleman Hawkins im Club “Kelly´s Stable“ in New York spielte, holte er am 11.Oktober 1939 ins Plattenstudio, um für das Label „Bluebird“ vier Titel aufzunehmen. Drei Stücke sind bereits im Kasten, und quasi als Dreingabe, damit zwei Platten gefüllt werden können, steht „Body And Soul“ auf dem Programm, das gewöhnlich als Abschluss der Clubauftritte diente. Herausragende Musiker hat Hawkins nicht in seinem Ensemble, folglich ist er mit seinem Tenorsaxophon der alleinige Solist bei diesem Stück. Und genau diese, seine Version des oft gespielten Standards wird in einem Meilenstein, zu einer Jahrhundertaufnahme des Jazz, exemplarisch für eine Jazz-Ballade. Mit „Body And Soul“ weist sich Coleman Hawkins als einer der ganz Großen aus, als der „Vater des Tenorsaxophons“. „Die vollendete Architektur seines Solos, in dem jeder Ton mit zugleich zwingender Logik und glühender Intensität zum nächsten führt, wurde unzähligen Generationen zur unvergesslichen Lektion über den dramaturgischen Aufbau von Improvisation“, stellt Marcus A. Woelfle fest in seinem Beitrag zu „Body And Soul“ im Buch „Jazz Standards – Das Lexikon“ (Verlag Bärenreiter).
Coleman Hawkins, der auf die Spitznamen „Hawk“ und „Bean“ hörte, war aber schon lange vor dieser Einspielung ein viel beachteter und bewunderter Jazzmusiker. 1921 hatte ihn die Bluessängerin Mamie Smith in ihre Band geholt, zwei Jahre später engagierte ihn Fletcher Henderson, und bereits in dessen Big Band entwickelte sich Hawkins zu einer Autorität auf dem Tenorsaxophon, dem schon damals eine ganze Schar von jungen Kollegen nacheiferte. Nach elf Jahren bei Henderson zog es ihn 1934 nach Europa, dessen Kultur er schon eine Weile aus der Ferne bewundert hatte. Er spielte in England, Frankreich, den Niederlanden und der Schweiz und beeinflusste auch hier so manchen aufstrebenden Jazzmusiker. (Einige diesseits des Atlantiks entstandene Aufnahmen, darunter das famose, unter anderem mit Django Reinhardt und Stephane Grapppelli in Paris eingespielte „Honeysuckle Rose“, findet man auf CD 1 in Vol. 3 von „Jazz – The Essential Collection“ – In & Out Records IOR CD 78013 – 2, Vertrieb in-akustik). Nach über fünfjähriger Abwesenheit landete er am 31. Juli 1939, gerade noch rechtzeitig vor Ausbruch des Krieges, wieder in New York. Dort hatten längst andere Tenorsaxophonisten das Interesse von Plattenkäufern und –firmen auf sich gezogen – wer zu lange von der amerikanischen Szene verschwunden ist, der ist bald vergessen.
Nun gelang Hawk mit „Body And Soul“ ein überwältigendes Comeback. Die übrigen Titel des vorliegenden Albums stammen aus den Jahren 1943 bis ´49, darunter drei weitere in Paris entstandene Aufnahmen, neben New Yorker Einspielungen mit Cootie Williams, Edmond Hall, Art Tatum, Dizzy Gillespie, Teddy Wilson, J.J. Johnson und manchen anderen.
„The Man I Love“, das am 23. Dezember 1943 mit Eddie Heywood (p), Oscar Pettiford (b) und Shelly Manne (d) unter dem Gruppennamen „Coleman Hawkins´ Swing Four“ aufgenommen wurde, und das unbegleitete Tenorsaxophon-Solo in seiner eigenen Komposition „Picasso“ von 1948 veranlassen den bereits zitierten Marcus A. Woelfle – diesmal in „Jazz Klassiker“ (Reclam) – zu der Feststellung: „Sie bezeugen Coleman Hawkins´ vielleicht größte Tugend, die von kaum einem Jazzmusiker je übertroffene Fähigkeit, glühendste klangliche Intensität und strengste Konsequenz der Linienführung auf einen Nenner zu bringen. Wo standen je so viel ausgeprägter Sinn für Struktur, Disziplin, Klarheit und so viel leidenschaftliche Besessenheit, dramatische Emotionalität einander so förderlich gegenüber?“Text: H.-Werner Wunderlich
Coleman Hawkins - "Body And Soul" Oktober 1939 / Dreyfus Jazz FDM 36721 – 2
(Vertrieb Soulfood)






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