Fothergill und Cousteau: Engagement für dieselbe Sache
Susan Schiefelbein, Sie haben lange mit Cousteau zusammengearbeitet und ihn über zwanzig Jahre lang in seiner schriftstellerischen Tätigkeit unterstützt. Wie hätte der Kommandant Ihrer Meinung nach über Fothergills Dokumentation "Unser blauer Planet" geurteilt? Sehen Sie in Fothergill einen würdigen Nachfolger Cousteaus auf dem Gebiet der Umwelt-Dokumentation?
Ich spreche nie darüber, wie Cousteau zu bestimmten aktuellen Ereignissen oder Tatsachen gestanden haben könnte, denn ich will ihm keine Worte in den Mund legen. Für mich ist Fothergill ein äußerst würdiger Nachfolger Cousteaus. Er ist heute erst 48 – Cousteau war bei seinem Tod doppelt so alt – und hat bereits zahlreiche ausgezeichnete Filme gedreht und viele renommierte Preise gewonnen. Allein „Unser blauer Planet“ hat in England 12 Millionen Fernsehzuschauer vor die Bildschirme gelockt und wurde in 50 Länder verkauft. Fothergill tritt in Cousteaus Fußstapfen, das steht außer Frage!
Sind Sie der Meinung, dass die beiden Männer für dieselbe Sache kämpfen, nämlich für die Rettung unseres Planeten mithilfe von Bildern?
Ja, genau. Auch wenn Cousteaus Leben etwas anders verlaufen ist als das von Fothergill. Im Gegensatz zu dem britischen Regisseur, der Zoologie studierte, hat der Kommandant immer offen zugegeben, kein Wissenschaftler zu sein. Cousteau besuchte die Marineschule in Brest, wo er eine erstklassige technische Ausbildung erhielt. Beiden Männern gemein ist die Leidenschaft für das Filmen, die sie bereits in jungen Jahren entdeckten: Beide bekamen bereits mit zehn oder dreizehn Jahren ihre erste Kamera. Und beide entwickelten auch ein ausgeprägtes Interesse für die Natur, Fothergill durch sein Zoologiestudium und Cousteau durch seine Erfahrungen beim Tauchen. Was er unter Wasser sah, weckte in ihm den Wunsch, diese Bilder anderen zugänglich zu machen.
Können Bilder unseren Planeten retten?
Wie Sie bereits sagten, bediente Cousteau sich als Erster des Mediums Film – und in noch höherem Maße des Fernsehens als Massenmedium –, um die Öffentlichkeit für den Schutz der Umwelt, insbesondere der Meere, zu sensibilisieren. Lässt sich Ihrer Meinung nach dieses Ziel durch Filme am besten erreichen?
Ja, ich bin überzeugt, dass Bilder mit einem entsprechenden Kommentar den Zuschauern den tiefgreifenden Wandel bewusst machen, dem unsere Erde unterliegt. Ich sage das natürlich auch aus einem gewissen Eigeninteresse, denn ich habe einige Texte für Cousteau geschrieben. Cousteaus Buch „Die schweigende Welt“ war ein echter Bestseller, der sich in den USA 500.000 Mal und weltweit 5 Millionen Mal verkaufte – aber das war gar nichts im Vergleich zu dem überwältigenden Erfolg seiner Filme. 250 Millionen Menschen haben jede von Cousteaus Dokumentationen gesehen. Die Nachricht, die er durch seine Bilder überbringt, hat die ganze Welt erreicht. Und schließlich darf man nicht vergessen, dass hinter einem Film immer ein ganzes Team steckt. Er besteht nicht nur aus Worten – im Gegensatz zu einem Buch, wo man weiter gehen und leidenschaftliche Worte verwenden kann –, sondern da sind auch Kameramänner, Musik, ein Orchester, Komponisten und andere Menschen, die alles daran setzen, die Zuschauer zu erreichen. Daher halte ich den Film für das beste Medium, um eine so wichtige Botschaft zu verbreiten.
Filme über Umweltthemen werden beim breiten Publikum immer beliebter: Streifen wie Luc Jacquets „Die Reise der Pinguine“ (2005) oder Davis Guggenheims „Eine unbequeme Wahrheit“ (2006) über das Engagement des ehemaligen US-Vizepräsidenten Al Gore ziehen zahlreiche Zuschauer an. Man kann geradezu von einer „Öko-Welle“ im Filmgeschäft sprechen, um ein Bild aus dem Bereich des Meeres zu verwenden. Finden Sie nicht, dass das ein wenig zu weit geht? Könnte man nicht gewissen Regisseuren „vorwerfen“, dass sie diesen Trend zu sehr ausnutzen?
Das weiß ich nicht, aber sicher ist dieser Vorwurf oft erhoben worden. Ich kann nur von meiner Erfahrung bei Cousteaus Tod berichten. Damals bat mich die BBC um ein Interview. Und die Journalisten befragten mich sofort über Cousteaus Eigenschaften als „Showman“! Und noch eine aufschlussreiche Anekdote: Mir bot sich einmal die Gelegenheit zu einem Gespräch mit David Wolper, einem großen Filmproduzenten in den USA, der Cousteau in den 60er Jahren beim amerikanischen Publikum bekannt gemacht hat. Er erzählte mir, er sei es gewesen, der dem Kommandanten vorgeschlagen habe, mit seinem Schiff Calypso um die Welt zu fahren. Aber als Wolper die Calypso sah, rief er aus: „Jacques, das ist ein alter Kahn, ein Wrack! Dieses Schiff können wir nicht im Fernsehen zeigen!“ Cousteau verstand sofort, was er meinte, und wenige Tage später erstrahlte die Calypso in neuem Glanz und war mit modernster Technik ausgestattet: eine Hubschrauberplattform, Funkgeräte, Sonare ... Cousteau entwarf auch neue Taucheranzüge, die nicht mehr ganz schwarz waren, sondern gelbe Streifen an den Beinen hatten, damit man sie ihm Film besser sah. Innerhalb weniger Monate hatten alle Taucher diese gelben Streifen auf ihren Anzügen, sie wurden ein regelrechter Modetrend! Für Wolper besteht kein Zweifel, dass Cousteau in den USA deshalb so erfolgreich war, weil er es verstand, sofort wie ein „Showman“ aufzutreten. Er surfte bewusst auf dieser „Welle“, um immer mehr Zuschauer für Umweltfragen zu interessieren.
Jeder weiß, dass der Mann mit der roten Mütze sehr auf sein Image in den Medien bedacht war. War sein Umweltbewusstsein nicht auch ein Mittel, um sich selbst in ein vorteilhaftes Licht zu rücken? Anders gesagt, hat die Umweltthematik Cousteau zu Ruhm verholfen oder nutzte er vielmehr seinen Ruf, um sich für die Umwelt einzusetzen?
Es ist unbestreitbar, dass Cousteau seine Bekanntheit ausnutzte. Das warf man ihm sofort vor, als er Mitglied der Académie Française wurde. Er pflegte zu sagen, seine Berühmtheit sei wie ein Schraubenschlüssel. Benutze er sie nicht, so habe er den Eindruck, einen Verrat zu begehen. Eines Tages fragte ihn ein anderes Académie-Mitglied: „Aber einen Verrat an wem, in Gottes Namen?“, worauf Cousteau antwortete: „Ich hätte den Eindruck, die Zukunft zu verraten.“ Für ihn beschränkte sich Berühmtheit nicht darauf, Autogramme zu geben und in der ganzen Welt Fans zu haben. Er hielt es für seine Pflicht, seine Bekanntheit zu nutzen.
„We stand on the shoulders of giants.“
Heute verfügt man über beeindruckende technische Mittel, um die Unterwasserwelt zu filmen. Die wunderschönen Bilder in Fothergills Filmen bezeugen dies. Aber auch Jacques-Yves Cousteau benutzte in seinen Filmen für die damalige Zeit sehr moderne Mittel. War er ein „Technik-Freak“, der gewisse Unterwasserfilmtechniken selbst entwickelt hat?
Ja, das stimmt. Mit Fothergill ist das heute etwas anders. Im Englischen gibt es die Redensart: „We stand on the shoulders of giants.“ Sie bedeutet, dass man sich auf diejenigen Menschen stützen soll, die einem vorausgegangen sind. Zu Cousteaus Anfangszeit als junger Offizier in Brest war das erste Patent für eine Taucherbrille erst zwei Jahre alt. Zwei Jahre später, 1943, erfand Cousteau gemeinsam mit Émile Gagnan den ersten Lungenautomaten, „Aqualung“, der dem Taucher das Atmen aus einer Druckluftflasche ermöglicht. Als er anfing, damit zu tauchen (ebenfalls 1943), hatte er die Idee, eine alte Kamera in ein Marmeladenglas zu sperren, da es noch keine Unterwasserkameras gab. Später baute er einen kleinen Kasten, in den er eine winzige Kamera einbaute, und wurde zum Miterfinder der ersten Fernseh-Unterwasserkameras. Er unterstützte auch den Physiker Auguste Picard beim Entwurf des ersten Bathyscaph (ein Tiefsee-U-Boot) und entwickelt die „tauchende Untertasse“, den Tauchscooter und andere Neuerungen. Die Liste seiner Erfindungen ist beeindruckend. Er spielte eine solche Vorreiterrolle, dass bei seinem Tod – als viele ihm vorwarfen, Wracks untersucht zu haben, ohne dabei nach archäologischen Methoden vorzugehen – der (auf antike Wracks spezialisierte) Archäologe Patrice Pomez ihn mit den Worten verteidigte: „Damals gab es noch keine archäologischen Methoden, aus dem einfachen Grund, dass noch kein Wissenschaftler es gewagt hatte, die Nase unter Wasser zu stecken!“ Es ist Cousteaus großes Verdienst, durch die Weiterentwicklung der Tauchtechniken die Unterwasserarchäologie begründet zu haben.
Wie aktuell sind Cousteaus Thesen in der Umweltdebatte zu Anfang des 21. Jahrhunderts? Warum ist es heute wichtig, sein „Erbe“ erneut in Buchform herauszugeben?
Seine Thesen sind nach wie vor aktuell, aber die Lage hat sich verschlechtert. Artensterben, Bedrohung der biologischen Vielfalt, Klimaerwärmung, Orkane und Zyklone, die immer heftiger wüten. Die USA haben dies mit Katrina und Gustav zu spüren bekommen. Am schlimmsten jedoch ist für mich die wachsende Menge an radioaktivem Material. Es gibt kein Mittel, keine internationale Gesetzgebung, um uns davor zu schützen. Auch der Terrorismus ist ein Problem. Alle Thesen in dem Buch, das Cousteau und ich gemeinsam verfasst haben, sind hochaktuell. Ein Sprichwort lautet: „Wer die Vergangenheit vergisst, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen.“ Alles, was Cousteau vorausgesagt hat, beginnt leider einzutreten. Aus diesem Grund sind seine Bücher und Filme in meinen Augen ein so wertvolles Testament. Doch die große Achtung vor Jacques-Yves Cousteaus Werk rührt auch daher, dass er ein sehr würdiger Mensch war. Sei es als Leiter des Ozeanografischen Instituts von Monaco oder als Direktor der Internationalen Atomenegienorganisation (IAEA)– Cousteau setzte sich unermüdlich für die Umwelt ein, und zwar stets auf friedliche Art.
„Der Mensch, die Orchidee und der Oktopus“
Können Sie uns sagen, warum das Buch „Der Mensch, die Orchidee und der Oktopus“, das Sie gemeinsam mit Jacques-Yves Cousteau verfasst haben, in Deutschland erst 2008 erscheint, obwohl es in Frankreich schon vor zehn Jahren herauskam? Gibt es eine Erklärung dafür, dass dieses Buch in Cousteaus Heimatland heute praktisch nicht mehr erhältlich ist?
Das ist eine etwas komplizierte Geschichte. Das Buch, das damals in Frankreich erschien, entsprach nicht genau unserem Werk; es war eine nicht autorisierte Version. Cousteau und ich hatten das Buch 1997 kurz vor seinem Tod fertiggestellt, aber noch nicht veröffentlicht. Am Tag von Cousteaus Tod erfuhr ich durch Zufall in den Fernsehnachrichten, dass „Der Mensch, die Orchidee und der Oktopus“ in Frankreich erscheinen würde. Ich stellte fest, dass unser Werk ohne mein Wissen in schlechtem Englisch neu geschrieben worden war. Ich war mit der neuen Fassung ganz und gar nicht einverstanden: Das Kapitel, in dem der Titel erklärt wurde, war verschwunden, fünf neue Abschnitte, die Cousteau und ich nicht zusammen geschrieben haben, ja deren Thema wir nicht einmal angesprochen hatten, waren hinzugefügt und ganze Absätze und Seiten gestrichen worden. Anschließend war diese Version ins Französische übersetzt und ohne meine Zustimmung, ohne Vertrag veröffentlicht worden. Ich habe sofort eine Klage eingereicht, um das Erscheinen der nicht autorisierten Fassung in den USA und in Frankreich zu verhindern. In Frankreich erging ein Urteil wegen Fälschung und Verstoßes gegen das Urheberrecht. Die französischen Exemplare wurden vom Markt zurückgezogen. Nach all den Jahren des Kampfes kam es 2005 endlich zu einer gütlichen Einigung mit allen Beteiligten. Heute entspricht das Buch, das in den USA verkauft wird, genau dem Manuskript, das ich mit Cousteau verfasst habe; es ist die exakte Übersetzung des Textes, den Cousteau und ich gemeinsam auf Englisch verfasst haben. Und diese Ausgabe ist dieses Jahr auch in Deutschland und einigen anderen Ländern erschienen. Ende gut, alles gut! Ich bedaure nur, dass das Buch noch nicht in Frankreich erhältlich ist. Darüber wäre ich sehr glücklich.
Welcher Aspekt ist Ihnen aus Ihrer Arbeit mit Cousteau am stärksten in Erinnerung geblieben: „der Mensch“, „die Orchidee“ oder „der Oktopus“?
Cousteau liebte Tintenfische! Er hielt diese wirbellosen Tiere für ausgesprochen intelligent. Daher hatte er den Tintenfisch zur erstaunlichsten Art aller drei Gattungen von Lebewesen (Wirbeltiere, Wirbellose und Pflanzen) erklärt. Doch auf mich hat der Mensch den stärksten Eindruck hinterlassen. Cousteau hat mich gelehrt, das Potenzial des Menschen zu sehen – der Menschheit im Allgemeinen, aber auch jedes Einzelnen. Er war ein äußerst fantasievoller, kreativer Mensch. Natürlich hatte auch er Fehler, aber er war stets als Erster bereit, sie zuzugeben. Ich glaube, dass ich nie wieder einen Freund wie ihn haben werde. Er war ein ganz besonderer Mann, mit kindlicher Fantasie* und überragenden geistigen Fähigkeiten.
Interview durchgeführt von Aurélie Grosjean (ARTE Deutschland)
* À propos "kindliche Fantasie", ARTE Junior stellt jeden Samstag das Meer in den Vordergrund!
Der legendäre Meeresforscher Jaques-Yves Cousteau nimmt fünf Jugendliche mit auf eine Reise in die Unterwasserwelt. Eine packende Zeichentrickserie inspiriert von den Entdeckungen Cousteaus, seinen ungewöhnlichen Abenteuern und der Faszination für die gewaltige Schönheit der noch immer unerforschten Meeresgründe...







per E-Mail verschicken



Facebook
Twitter
RSS

