Cannes 2005 außer Konkurrenz - 14/05/05
Crossing the bridge
Ein Dokumentarfilm von Fatih Akin
Fatih Akin ist in diesem Jahr nicht nur als Mitglied der Wettbewerbsjury nach Cannes gereist, er hat auch einen Dokumentarfilm im Gepäck.
(Deutschland, 2005, 90’)
Synopsis: Der deutsch-türkische Regisseur Fatih Akin erforscht die quirlige zeitgenössische Musikszene in der 15-Millionen-Einwohner-Metropole Istanbul, um den Schmelztiegel zwischen östlicher und westlicher Kultur einem größeren Publikum kulturell und musikalisch näher zu bringen.
Kritik: Konfuzius sagt – willst du einen fremdes Land und seine Bewohner verstehen, studiere zuerst ihre Musik. Diese fernöstliche Weisheit hat der in Hamburg geborene Deutschtürke Fatih Akin, Gewinner des Goldenen Bären 2004, seiner musikalischen Entdeckungsreise nach Istanbul vorangestellt, wohl vor allem deshalb, weil er sich als kultureller Vermittler zwischen Orient und Okzident versteht. Doch nicht er selbst, sondern Alexander Hacke, Bassist der Band „Einstürzende Neubauten“ , Komponist einiger Filmmusiken von „Gegen die Wand“ und seither neugierig auf die Stadt am Bosporus geworden, führt als Erzähler durch den Musikfilm. Hacke, der im selben Hotel untergekommen ist, in dem auch einige Szenen des Schlussteils von „Gegen die Wand“ spielen, hat modernstes Aufnahmegerät und seine Instrumente mitgebracht, versteht er sich doch nicht nur als Chronist oder Konservator fremden Kulturguts, sondern als Vollblutmusiker, der keine Scheu vor der Erweiterung seiner musikalischen Grenzen kennt. So jammt er im Film mit einer türkischen Undergroundband auf einem im Bosporus treibenden Hausboot und spielt mit der in der Türkei vergötterten Sängerin Sezen Aksu einen ihrer alten Hits aus den 80er Jahren neu ein.
In der Tat ist das, was sich derzeit östlich und westlich des Bosporus musikalisch passiert, hochinteressant – 5/8tel-Rythmen aus der traditionellen türkischen Musik mischen sich mit härtestem Rockgitarrensound aus Seattle, ein junger Rapper namens Ceza hat die amerikanische Gangsta-Pose gegen ernsthafte politische Themen eingetauscht und jongliert so atemberaubend virtuos mit der türkischen Umgangssprache, dass man seine Lippen nach Beendigung seiner Performance förmlich brennen sieht und Altrocker Erkih Koray, mittlerweile über 60-jährige Gallionsfigur des musikalischen Aufbruchs der Türkei in die Moderne, verzaubert tausende von jugendlichen Zuschauern bei einem Open-Air-Konzert. Nicht nur das Neueste, Wildeste und Schrägste interessiert den Musikverrückten Fatih Akin, sondern auch die musikalischen Wegbereiter des aktuellen Musikbooms und die Einflüsse aus der türkischen Volksmusik, die diese auf einzigartige Art und Weise mit westlichen Einflüssen zu vermischen wussten. Schließlich verschafft Akin auch der Musik einiger Minderheiten, wie etwa der der im äußersten Westen nahe der griechischen Grenze lebenden Zigeuner oder den Klageliedern der Kurden Gehör.
Sein panakustischer Querschnitt durch die gegenwärtige Istanbuler Musikszene, das enthusiastische, schwelgerische Eintauchen und Verschmelzen seiner Kamera mit dem Vorgefundenen hat nur einen kleinen Schönheitsfehler – alles scheint unter diesem schwärmerischen Blickwinkel, verstärkt durch die Erzählerstimme des Außenseiters Alexander Hacke, gleich interessant. Die bekifften Straßenmusiker mit ihrer naiven Verständigungsbotschaft genauso wie etwa Orhan Gencebay, der legendäre türkische Schauspieler und Interpret unvergesslicher Liebeslieder. In Falle seiner musikalischen Maklermission hätte auch der Vollblutfilmemacher Fatih Akin gut daran getan, nachträglich der musikalischen Kakophonie am Bosporus ein wenig Struktur zu verordnen.
Martin Rosefeldt
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Crossing the bridge
Ein Dokumentarfilm von Fatih Akin (Deutschland, 2005, 90’)
Filmfestival Cannes 2005 - Wettbewerb: außer Konkurrenz
Erstellt: 13-05-05
Letzte Änderung: 14-05-05