13/12/02
Cui Jian, Rockstar
CUI JIAN
Porträt des populärsten Rockers Chinas
Die Themen dieser Rubrik:
EXKLUSIV - INTERVIEW vom 23. Juni 2003
Videos & Clip
Diskographie und Filmographie
Links
Und hier gleich das Porträt des Rockstars ...
Offizielle Website : cuijian.com
Detaillierte Biographie (auf Englisch)
(Foto : Jean-Christophe Polien)
Zu Beginn des neuen chinesischen Jahres sind Cui Jian (sprich "Tsuä Djiän") und seine Band zum Divan du Monde nach Paris gekommen. Fast wäre der Saal von den Mitgliedern seines chinesischen Fan-Clubs gestürmt worden, die versucht hatten, durch den Künstlereingang gewaltsam in das Gebäude zu gelangen. Das Konzert war wunderbar. Er singt seinen Rock in Mandarin, doch Bruce Springsteens Einflüsse sind klar erkennbar. Die Neugierigen haben Cui Jian und sein Gitarrist Eddie Randrianmamponona überzeugt, und die anderen (viele französisch-chinesische Paare) hatte er so schon in der Tasche: Sie sangen bei den Refrains sogar mit, obwohl seine Platten in Frankreich nicht vertrieben werden. Der beste Augenblick des Abends war, als Cui Jian aus dem Publikum etwa zwanzig junge Mädchen auf die Bühne holte und sie zu seinem Rap-Song tanzten. Der Song gehört zwar nicht zu seinen besten Stücken, aber Cui Jian verwandelte diesen Moment in einen euphorischen Höhepunkt.
Die Grenzen verschieben
Nachdem er die Trompete aufgegeben hatte, gründete er seine erste richtige Band: ADO. 1987 entstand mit einem ungarischen Bassisten und einem madagassischen Gitarristen die Aufnahme von „Rock’n Roll on the Long March“. Seinen Durchbruch erzielte er jedoch durch sein Engagement in der Studentenbewegung im Mai 1989. Auf dem Platz des himmlischen Friedens sang Cui Jian mit einer roten Augenbinde. „Die Studenten waren Helden, und ich schloss mich ihnen an.“ Cui Jian sieht sich vor allem als Künstler und betrachtet sein Engagement als eine persönliche Angelegenheit. „Im Westen ist man der Meinung, dass der Rock seine soziale Bedeutung verloren habe, für die Chinesen spielt er jedoch nach wie vor eine herausragende Rolle.“ Die Zensur durch die kommunistische Regierung ist in seinem Fall nicht besonders scharf, doch in Peking, Shanghai oder Chongqing darf er keine großen Konzerte geben und muss sich mit seiner Band damit begnügen, in Hotels und Restaurants aufzutreten.
Außerhalb dieser Städte füllt er ganze Sportstadien. Seine Songs finden ein lebhaftes Echo, und das nicht nur wegen ihrer politischen Inhalte. Was er zu sagen hat, ist nicht nur plumper Protest, sondern er bedient sich auch verschiedener Metapher und Zweideutigkeiten. Von Liebe und Sex zu singen ist ebenfalls kompliziert. Er versucht, die Grenzen Schritt für Schritt hinauszuschieben, zweifellos die beste Art, weiter zu kommen. Alles andere ist zu gefährlich, denn man sollte nicht vergessen, dass in China noch immer die Todesstrafe herrscht und auch schonungslos angewandt wird. Und doch hat sich eine chinesische Szene gebildet, was Künstlern und Gruppen mit wilden Namen zu verdanken ist: die Schwarzen Panther, Tang Dynasty, Cobra oder Yoo Shi (früher unter dem Namen „Confucius Says“ bekannt). „Es gibt im kulturellen Bereich zwar keinen Rückschritt, doch man kann auch nicht gerade behaupten, dass sich die Situation verbessert habe“, kommentiert Cui Jian.
Der chinesische Bob Dylan
Heute hat der Sänger einen zweiten Feind: das Geld. Die Gier nach dem Geld hat China fest im Griff, sie ist eine Plage und bringt gleichzeitig Leben in das Land. Abgesehen von seinen katastrophalen Auswirkungen bringt dieser Liberalismus eine am Fließband gefertigte, süß-klebrige Musik hervor. Dem zu widerstehen wird immer schwerer, denn die Versuchung wird immer größer. Auch hier kämpft Cui Jian als echter Rocker. Doch der Herausbildung von Künstlern steht in Asien noch ein anderes Problem entgegen: das Anfertigen von Raubkopien. Das Ausmaß des MP3-Problems ist im Vergleich zur Zahl der von der Maffia auf der Straße verkauften CD- und Kassetten-Kopien lächerlich. Doch Cui Jian kommt es letztendlich darauf an, dass man seine Musik hört: „Am Anfang wollte ich Geld verdienen. Damit beschäftigen sich heute meine Rechtsanwälte. Gegen ein solches Phänomen kann man jedoch nicht viel ausrichten. Es behindert vor allem die junge Künstlergeneration. Ich kann ja mit meinen Konzerten eine Menge Geld verdienen.“ Die Situation seines Landes inspiriert den chinesischen Bob Dylan zu einem Vergleich, der sicher auch seinem amerikanischen Vorbild gefallen hätte: „Auf einer Straße in China fährt ein Auto, in dem lauter führende Persönlichkeiten sitzen. An einer Weggabelung müssen sie sich entscheiden, in welche Richtung sie weiterfahren sollen. Typisch chinesischa blinken sie nach links und fahren nach rechts.“
(Basil Farkas, Rock & Folk, April 2001)
Erstellt: 22-04-04
Letzte Änderung: 13-12-02