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Jean-Louis Fournier - 26/11/09

Wo fahren wir hin, Papa?

Französisches Buch des Monats


Das verstörende Buch des Humoristen Jean-Louis Fournier bricht ein Tabu: Ein Autor lacht in einem literarischen Text über die Behinderung seiner Kinder. "Wo fahren wir hin, Papa?" ist ein Brief in der Ich-Form, er hätte zur weinerlichen Bekenntnisprosa werden können: Ein Vater, der es nicht verwindet, zwei behinderte Söhne in die Welt gesetzt zu haben. Doch der beißende Humor von Jean-Louis Fournier, in der aktuellen französischen Literatur eine sehr seltene Qualität, macht aus der persönlichen Tragödie ein mit bösem Witz verfasstes Plädoyer für die Kunst, sein Leben in den Sand zu setzen, für das Recht, Kinder zu haben, die «wie niemand aussehen» und Bücher zu schreiben, wie es sie sonst nicht gibt.

Dieser lange, herzergreifende Brief eines Vater an seine zwei «zerbeulten Knirpse» enthält dann tatsächlich einige Dinge, die nie gesagt werden über behinderte Kinder und die Verzweiflung desjenigen, der sie gezeugt hat. Jean-Louis Fournier sagt alles, vor allem sagt er all das, was ein Vater über seine behinderten Kinder nie zu sagen wagt: dass sie schlaff sind, dass sie sabbern, quengeln, dass sie Stroh im Kopf haben, dass ihre Korsette ihn ein Vermögen kosten, dass er ihnen keine Geschichten erzählen kann, dass er sich wünscht, das Kindermädchen würde sie aus dem Fenster werfen, dass er die Kinder der anderen nicht erträgt, dass er nicht sterben wollte, ohne Spuren zu hinterlassen, dass er dieses Buch deswegen für sie schreibt, für Thomas und Mathieu: «Damit Ihr nicht bloß ein Foto auf einem Schwerbehindertenausweis seid».

Ein spiegelverkehrtes Wunder
Der Leser, hin- und hergerissen zwischen Lachen und Weinen, ist erst einmal schockiert angesichts all dieser Unschicklichkeiten. Doch je mehr er lernt, sich über diese beiden «zerzausten Vögel» lustig zu machen, desto klarer sieht er, dass das unangemessene Lachen in Wirklichkeit eine Waffe ist, um die Würde wiederzufinden. Denn unter der Feder ihres Erzeugers wird die Geburt der Kinder zum «spiegelverkehrten Wunder». Fourniers Buch ist in viele kurze Szenen unterteilt, es liest sich fast wie ein Comic-Album. Der Autor ist ein Fan der wüsten, provozierenden Zeichnungen des Zeichners Jean-Marc Reiser, und er haut in die gleiche Kerbe, ja er versucht, diesen an Schwärze und Grausamkeit noch zu übertreffen – und schließlich gelingt ihm die Umkehrung des Unglücks: «Den Verfall eines behinderten Kindes verfolgt man weniger gern». Zusammen mit dem Autor überrascht sich der Leser plötzlich dabei, wie er von einer Welt träumt, die komplett auf dem Kopf steht, in der die behinderten Kinder sich mokieren über die normalen, in der sie stolz darauf sind, eben nicht in die Schule zu gehen und wo sie nachts Griechisch und Latein sprechen. Eine seltsame Welt, in der auch die Bücher verkehrt herum gelesen werden, wo Buchstaben Zeichnungen sind, die nichts darstellen, Sätze Ameisenstraßen, die auch dann nicht weglaufen, wenn man sie zerdrücken will. «Wenn man sein Leben lang Kinder hat, die mit Holzklötzchen spielen und Teddybären haben, bleibt man jung,» schließt der siegreiche Autor sein Buch.
Wo fahren wir hin, Papa?
Jean-Louis Fournier
dtv premium 24746
Deutsche Erstausgabe
November 2009

Aus dem Französischen von Nathalie Mälzer-Semlinger
160 Seiten

ISBN 978-3-423-24745-0

Mehr zum Buch

Jean-Louis Fourniers Buch wurde mit dem Prix Femina ausgezeichnet, war für den Prix Goncourt nominiert und avancierte 2008 in Frankreich zum Nr. 1-Bestseller.

Eine schöne Rache
Als Wo fahren wir hin, Papa? in Frankreich erschien, stieß es auf große Zustimmung – aber nicht nur. Der Autor hat erklärt, wie viel Mut es brauchte, seinen Kindern eine solche Hommage zu bieten, auch, dass er das Schreiben dieses Buches lange vor sich hergeschoben habe, denn er wollte ihre Behinderung nicht ausstellen «wie ein Bettler die Stümpfe seiner Gliedmaßen». Und er hat auch bekannt, dass er mit diesem Buch etwas beginnen konnte, was das Leben ihm bis dahin nicht geboten hatte: einen «Dialog» mit seinen Kindern. Auf die Frage, ob es denn nicht heikel sei, die eigenen Kinder zu Figuren in einem Buch zu machen und sich dann auch noch über sie, die sich nicht wehren könnten, lustig zu machen, hat Fournier eine wunderbare Antwort gefunden: «Es war ein Glück für sie, die Natur war nicht sanft mit ihnen gewesen, die Literatur konnte es sein». Und darüber, dass das Buch den Prix Femina erhalten hat, sagte er: «Was für eine Rache, wo ich doch zu nichts taugte. Ich hoffe, dass meine Mutter, die früher Literatur unterrichtete, davon im Himmlischen Boten gelesen hat und dass sie nun stolz ist auf mich...»


Eine Rezension von Christine Lecerf


Mehr zum Autor:
Jean-Louis Fournier wurde 1938 im Norden Frankreichs geboren. Mit 15 flog er vom katholischen Gymnasium, weil er eine Statue der Heiligen Jungfrau auf der Toilette aufgestellt hatte (Le Pense-bêtes de Saint François d'Assise, 1983). Diese Lust an der Impertinenz hat er sich bewahrt. Er arbeitete als Dokumentarfilmer und Serienautor fürs Fernsehen, dem breiten Publikum wurde er in den 80er Jahren mit der Serie "La Minute nécessaire de Monsieur Cyclopède" ein Begriff. Hier arbeitete er mit seinem Freund und Komplizen Pierre Desproges zusammen, ein Humorist, mit dem er den Sinn fürs Lächerliche und einen ausgeprägten Hang zum Absurden teilt. Danach schrieb er rund zwanzig Essais, darunter "Grammaire française et impertinente" (1992) und "Les Mots des riches, les mots des pauvres" (2004). Einige seiner Erzählungen, beispielsweise "Le Curriculum vitae de Dieu" (1995) oder "Histoires pour distraire ma psy" (2007) blieben nicht unbeachtet. Zum Publikumsliebling wurde er endgültig mit dem Erscheinen seines schwärzesten, persönlichsten Buch "Wo fahren wir hin, Papa?". Es erschien in Frankreich 2008 und wurde mit dem Prix Femina ausgezeichnet.

Erstellt: 16-11-09
Letzte Änderung: 26-11-09