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Junge Literaturkritik - 19/05/04

DBC Pierre: Jesus von Texas

Rezension von Annette Müller


Massaker an der High School
DBC Pierre stellt in "Jesus von Texas" die kleinen und großen Lügen der amerikanischen Gesellschaft bloß.

Einiges ist schief gelaufen im Leben von DBC Pierre, wenn man der Legende Glauben schenken möchte: Betrügereien, Schießereien, Schulden, Drogen- und Spielsucht, Vielweiberei, eine nach einem schweren Autounfall notwendige chirugisch-plastische Operation, um sein Gesicht rekonstruieren zu lassen. Vielleicht sind die Geschichten, die der Verlag um DBC Pierre kolportiert, wahr - vielleicht auch nicht. Vielleicht muss ein Autor auch all diese Dinge erlebt haben, um einen solch großartigen Roman wie "Jesus von Texas" zu schreiben. Auf jeden Fall muss ein Autor, der mit der US-amerikanischen Gesellschaft so abrechnet wie Pierre, wohl ein gebürtiger Australier sein, der in Mexiko aufgewachsen ist und heute in Irland lebt. Was auch immer an den Geschichten um Pierre wahr sein mag, er hat eine unvergessliche literarische Figur geschaffen, nämlich die des Vernon Gregory Little.

Vernon Gregory Little ist ein typischer amerikanischer Jugendlicher mit einer leicht gestörten Mutter, die ihre Tage mit Bestellungen beim Shoppingkanal verbringt, einem Vater, der seit ein paar Monaten verschwunden ist, und einem einzigen Freund, dem Mexikaner Jesus, der ebenso wenig wie Vernon in den sauberen Cheerleader-Kosmos seiner High-School passt.

Was Vernon jedoch von anderen Teenagern unterscheidet, ist die Tatsache, dass Jesus eines schönen Morgens - Vernon hat eigentlich gerade Mathe - mit einem Gewehr durch die Schule zieht und erst 16 Klassenkameraden und dann sich selbst tötet. Da Vernon Jesus einziger Freund war, ist die gesamte Bevölkerung der texanischen Stadt Martirio schnell davon überzeugt, dass Vernon an der Sache beteiligt war. Bevor Vernon klar wird, was an seiner Schule passiert ist, sitzt er bereits im Gefängnis, und es beginnt eine ebenso komische wie schockierende Achterbahnfahrt durch die Realität der amerikanischen Gesellschaft. Vernon lernt schnell, sich von dieser Gesellschaft keinerlei Gerechtigkeit oder gar Solidarität zu erhoffen. Ein angeblicher CNN-Reporter namens Lally, der sich zuerst das Vertrauen des gegen Kaution freigelassen Vernon erschleicht, entpuppt sich als fieser, berechnender Betrüger, der sich auf Vernons Kosten ein Medienunternehmen aufbaut.

Eben diese kleinen Alltagslügen sind es, die es in Vernons Augen überhaupt erst möglich machen, dass die Gesellschaft auch die größeren Lügen akzeptiert und die Wahrheit, sollte sie unbequem sein, nicht sehen möchte. Nur so kann Vernon sich erklären, warum es möglich ist, dass die Gesellschaft ihn willig als Sündenbock akzeptiert, auch wenn es geographisch und zeitlich unmöglich ist, dass er innerhalb einer Stunde zwei Morde in weit voneinander entfernten Ecken des Bundesstaates begangen haben soll: "Nehmt mich zum Beispiel - mir wird so ziemlich jeder Mord zur Last gelegt, der zwischen dem Zeitpunkt meines Aufbruchs von zu Hause und dem Tag, als ich ihnen ins Netz ging, begangen wurde, und zwar in ganz Texas."

Vernon erkennt jedoch, dass es weniger der Einzelne ist, der verkommen ist, als vielmehr die Gesellschaft als Ganzes - eine Gesellschaft, in der Medienbilder von größter Wahrhaftigkeit sein sollen, in der "Wahrheiten" zurecht frisiert werden, um bequem zu bleiben. Für die Stadt Martirio bleibt es stets einfacher, Vernon Gregory Little zum Sündenbock für Jesus' Taten zu machen, als nach den eigentlichen Ursachen für das Massaker an der High School zu suchen. Selbst Jesus' Namensgeber, Gottes Sohn, wird aus dem Stadtbild radiert, damit nichts an die Tat erinnert und Vernon wird beim Gemeindefest vom Pfarrer in einen Talar gesteckt, als könnte dies das Schreckliche ungeschehen machen: "Auf den Transparenten, die wir damals in der Sonntagsschule gemalt haben, ist 'Jesus' mit 'Herr' überpinselt worden."

Erzählerisch und sprachlich ist "Jesus von Texas" ein gewaltiger, wunderbarer, erschreckender und unvergesslicher Roman, der den letztjährigen Booker Preis zu Recht bekommen hat. Und auch die Übersetzung ist weitgehend gelungen. Dass aus dem Originaltitel "Vernon God Little" der deutsche Titel "Jesus von Texas" wurde, ist jedoch mehr als irreführend.

Von Annette Müller

Jesus von Texas
DBC Pierre
Übersetzt aus dem Englischen von Karsten Kredel
Aufbau Taschenbuch Verlag, Berlin, März 2004
ISBN: 3351029969









Anette Müller ist Doktorandin an der Universität Marburg. Im Literaturhaus Frankfurt organisiert sie die Kinderbuchsonntage.

Erstellt: 19-05-04
Letzte Änderung: 19-05-04


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