Alles begann im April 2005 in Mauretanien. Michel Jaffrennou fuhr nach Nouakchott, nachdem er erfahren hatte, dass eine Gruppe Musiker von den Stämmen der Tuareg, Songhai und Bambara dort bei einem Festival für Nomadenmusik spielte. Das Künstlerkollektiv hieß Desert Blues. Die Begegnung mit den Musikern wurde zu einem einschneidenden Erlebnis: Sie verkörpern die kulturelle Vielfalt Malis und singen für den Frieden. Heute arbeitet Michel Jaffrenou bereits seit zwei Jahren mit ihnen. Doch die Wurzeln seines Filmprojekts reichen noch weiter zurück. 2004 folgte Jaffrennou einem Ruf an die neue Londoner Oper. Hier führte er bei einer Inszenierung Regie, die 40 Musiker aus Zentralasien vor dem Hintergrund digitaler Bilder auf die Bühne brachte. Wenig später kontaktierte ihn ein Mitglied von Desert Blues und teilte ihm mit, dass die Gruppe zur Eröffnung des Pariser Musée du Quai Branly spielen werde. Man bat ihn, auch hierbei Regie zu führen. Damals war er noch nie in Afrika gewesen!So entstand das Filmvorhaben in Zusammenarbeit mit ARTE. Am Anfang stand nur eine vage Idee, es gab noch keine Szenarien, aber den Beteiligten schwebte ein Musikfilm vor, der in direktem Zusammenhang zu der Formation Desert Blues und ihren Aktivitäten stand. Michel Jaffrennou brach daher im Juli zu Recherchen auf und beschloss, ein Fahrtenbuch zu führen. Er fand Gefallen an der Sache und kam mit 400 Seiten Notizen und Zeichnungen zurück. Für ihn ist das Reisetagebuch ein guter Begleiter, wenn man in ein armes Land reist und sich fragt, welche Rolle hier ein Besucher spielen kann, der weder für das Internationale Rote Kreuz noch für die National Geographic Society arbeitet.
Wie sollte der Film aussehen? Die zündende Idee kam Michel Jaffrennou in der Luft, kurz nach dem Abflug nach Timbuktu. Das Flugzeug ließ den Fluss Niger hinter sich und überflog immer trockenere Regionen, bis die Wüste unter ihm lag. „Ich hatte den Eindruck, über ein Bild von Jackson Pollock hinwegzufliegen“, erklärt Michel Jaffrenou. So entstand der Gedanke, den Film über die Musiker mit den Mitteln eines Malers zu drehen, einen „Film in Aquarellfarben“, in dem der Pinsel ebenso zum Einsatz kommst wie modernste digitale Techniken.
Der Inhalt des Films beruht auf drei Begegnungen. Habib Koité, Bandleader der Gruppe Bamada, machte Michel Jaffrennou mit seiner afrikanischen Kultur vertraut. Disco, der Kopf der Tuareg-Gruppe, führte ihn in die Welt der Wüste und der Tuareg ein. Anfangs hatte Michel Jaffrennou eher Angst vor der Wüste, wo der Horizont die Landschaft beherrscht und Bewegung nur durch kaleidoskopartige Bilder entsteht, in denen alle Figuren sich wiederholen. Aber er begriff schnell, dass Mali ein ausgesprochen vielfältiges Land mit über 20 Ethnien ist. Ein wahres Mosaik von Kulturen, die zusammen ein Ganzes bilden müssen. Und schließlich begegnete Michel Jaffrennou AfelBocoum, dem Erben Ali Farka Tourés, der ihm ein anderes Mali zeigte: Das Mali der Bauern und Fischer, die stets ein Lied auf den Lippen haben, weil sie „singend geboren wurden“. Das gesungene Wort ist ein wichtiges Kommunikationsmittel in einem Land mit hoher Analphabetenrate. Die fortschreitende Versandung des Niger bedroht die lokale Wirtschaft, doch die Menschen stehen dem recht passiv gegenüber. Musik spielt daher eine Rolle bei der Erziehung der Bevölkerung; zugleich übermittelt sie eine Friedensbotschaft, indem sie zeigt, dass verschiedene Menschen zusammenleben können, ohne ihre Unterschiede zu leugnen. All dies faszinierte Michel Jaffrennou. Das gesamte Projekt, vom Film bis zum Auftritt der Gruppe im Musée du Quai Branly, dauerte zweieinhalb Jahre. Für Michel Jaffrenou ist es „eine Liebesgeschichte“.2. Filmtechnische Mittel
Ein Teil des Materials, das eigens nach Timbuktu gebracht worden war, wurde nie verwendet. Technik ist für Michel Jaffrennou nicht wesentlich. Worauf es beim Drehen eines Films wirklich ankommt, sind die konzeptuellen Mittel. Jaffrennou wagt etwas Neues: Es gibt kein Storyboard, keine Vorbereitungsarbeiten im herkömmlichen Sinne. Afrikanische Sagen bilden die Materie des Films. Fantasie und Wirklichkeit fließen ständig ineinander und verschmelzen zu einer eigenständigen Struktur. Daher waren drei Kameras erforderlich: eine für den Sand, eine für das Wasser des Niger und eine, die einfangen kann, was für das bloße Auge unsichtbar ist. Diese Kamera, die imaginäre Bilder festhält, ist der Pinsel; Zeichnungen vervollständigen und verändern die gefilmten Bilder, wodurch die Verflechtung von imaginärer und realer Welt im Film besser greifbar wird.Keinerlei Kommentar aus dem Off begleitet die Bilder. Michel Jaffrennou wollte die Menschen, denen er begegnet ist, selbst zu Wort kommen lassen, denn sie „sprechen nur von Poesie“, und was sie sagen, ist von zentraler Bedeutung für dieses filmische Gedicht aus Klängen, Bildern und Worten.
3. Ein etwas anderer Dokumentarfilm
Michel Jaffrennou ist von Hause aus nicht Filmemacher, sondern Maler, und seine filmische Arbeit ist geprägt von seiner Sichtweise als Maler und als Theaterregisseur. Er will stets nur ein einziges Bild zeichnen – aber ein wandelbares Bild. Der Film windet sich dahin wie eine Schlange, seine Bilder folgen nicht vertikal, sondern horizontal aufeinander. Es handelt sich um eine Reise ... eine Reise mit Musik. Die Gesänge wurden nicht übersetzt. „Das wäre ein Fehler“, erläutert Michel Jaffrennou. Die Worte wiederholen sich, aus ihnen entspringt die Wiederholung der Rhythmen.Der Film enthält lange Fahraufnahmen aus unterschiedlichen Fortbewegungsmitteln heraus (Autos, Bussen, Booten usw.). Dadurch wird er selbst zum virtuellen Fahrzeug, das den Zuschauer zu einer Reise einlädt.
In Mali sind Farben allgegenwärtig, und Michel Jaffrennou schöpft in seiner Arbeit als Regisseur aus seiner Erfahrung als Maler. Hier wird die Kamera zum Pinsel!
4. Der Dreh in Afrika
In Mali, so Michel Jaffrennou, begegnet man Menschen, die bewusst leben. In diesem bitterarmen, von der Sonne ausgedörrten Land findet man Menschen, für die die Beziehung zu den Mitmenschen wesentliche Bedeutung hat.Michel Jaffrennou erklärt, dass er entgegen allen Klischeevorstellungen seinen Film in Mali so drehen konnte, wie er es im Westen getan hätte. Der Film entstand an siebzehn Drehtagen, bei denen stets um 5 Uhr morgens begonnen wurde (denn das Licht wird schnell zu grell zum Filmen), und nie gab es eine Verspätung! Natürlich passierte manchmal Unvorhergesehenes: Der Fahrer hatte seine kleinen Macken, der Geländewagen war aus verschiedensten Teilen zusammengewürfelt, aber es klappte alles.
Marc Benaïche, der Produzent des Films, stellte Michel Jaffrennou bewusst nicht als Regisseur vor, der einen Film über die Musiker drehen, sondern als Künstler, der mit ihnen arbeiten wollte. Alle spielten mit, und daher lief alles bestens.








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