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DVD-News - 15/12/05

Das grosse Fressen

Ein Film von Marco Ferreri


Immer noch aktuelle
Kapitalismuskritik

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  • Synopsis

Vier Freunde, Marcello, Michel, Philippe und Ugo treffen sich in einer stilvollen Villa um sich langsam aber sicher mit Dutzenden von ihnen selbst zubereiteten Speisen zu Tode zu fressen. Frauen und sexuelle Ausschweifungen dürfen bei diesem Spektakel selbstverständlich nicht fehlen.

  • Der Kommentar zum Film

Das grosse Fressen hat von seiner Intensität und Aktualität nichts eingebüsst, obwohl seit seiner Premiere in Cannes mehr als 30 Jahre vergangen sind. Immer noch spaltet der Film sein Publikum in die, die den Film hassen und die, die ihn lieben. Kein Wunder, denn Regisseur Marco Ferreri wußte genau, wie er die Bourgeoisie zu provozieren hatte. Das funktioniert heute immer noch genauso gut wie damals. Angeblich soll Catherine Deneuve eine Woche lang nicht mehr mit ihrem Marcello gesprochen haben, nachdem sie den Film bei seiner Premiere gesehen hat – sie war zutiefst schockiert!

Das grosse Fressen war einer der Skandalfilme der siebziger Jahre. Ein Jahr später folgte das anarchistische Drama THEMROC (1974). Erneut spielte Michel Piccoli eine Hauptrolle, nachdem er bei Ferreri seinen Spaß am Anarchismus entdeckt hatte. Für sein Drama über sündige Völlerei hat Ferreri eine erstklassige Besetzung gefunden: Marcello Mastroianni, Michel Piccoli, Philippe Noiret, Ugo Tognazzi spielen die Hauptrollen, ihre Figuren tragen jeweils die Vornamen der Schauspieler. Sie haben prototypische Berufe ihrer Zeit, Pilot, Richter, Fernsehproduzent und Koch, die einen Querschnitt der bürgerlichen Gesellschaft repräsentieren sollen.

Faszinierend ist die Kompromisslosigkeit, mit der Ferreri sein Thema angeht: Er beschreibt einen Zustand in all seinen widerlichen Ausmaßen ohne jemals dabei analysierend zu werden. Auch wenn sich die Sehgewohnheiten der Zuschauer in den letzten 30 Jahren stark verändert haben und im Fernsehen (natürlich vor allem bei den „Privaten“) ein sehr offensiver Umgang mit intimen Themen besteht: Gegen Ende des Films wird die Zustandsbeschreibung Ferreris für etliche heutige Zuschauer bestimmt unerträglich sein. Etwa wenn das Klo explodiert, und sämtliche Fäkalien daraus hervor quellen. In dieser Konsequenz gleicht Das grosse Fressen Pier Paolo Pasolinis Die 120 Tage von Sodom.

An der Umstrittenheit seines nicht besonders tief gehenden, aber dafür umso intensiveren Filmerlebnisses dürfte sich damals wie heute nichts geändert haben. Aber die Themen, die diese bitterböse Satire anreißt, sind heute aktueller denn je. Während in „Dritte Welt Ländern“ die Menschen täglich zu Tausenden an Hunger sterben, werde in Amerika und Europa die effektivsten Diätkuren diskutiert. Ja, dies ist ein Film des schlechten Geschmacks, aber einer, der etwas zu sagen hat.

  • Das Bonusmaterial

Endlich erscheint der provokante Filmklassiker auf DVD. Leider sind dabei die Bonus Tracks ein wenig mager ausgefallen. Der deutsche Trailer zeigt einige der schönsten Szenen vom Grossen Fressen und kommentiert: „Einen so maßlosen, makabren und dabei so unterhaltsamen Film sieht man nur selten. Sehen sie sich diesen heiß umstrittenen Film selbst an. In Frankreich schlägt er alle Besucherrekorde.“ Das einzige weitere „Extra“ abgesehen von fünf Trailern (Million Dollar Baby, Mr. und Mrs. Smith, Bitter Moon, Delicatessen und Die flambierte Frau) ist ein knapp 15 Minuten langes Interview mit Andréa Ferréol. Dieses entschädigt allerdings für so einige fehlende Features, denn es ist sehr gut und aufschlussreich. Die Schauspielerin mit der Rolle der frivolen Lehrerin erzählt darin, wie sie – noch völlig unbekannt – für ihre erste Filmrolle in Das grosse Fressen vorsprach. Gesucht wurde eine „vollschlanke Schauspielerin,“ Andréa Ferréol erfüllte das Kriterium perfekt. Als sie den Zuschlag für die Rolle bekam, aß sie „fünf Mal täglich, dreimal so viel wie sonst“, und hatte bei Drehbeginn 20 Kilogramm mehr auf den Hüften. Beim Drehen selbst war sie manchmal froh, dass nicht alles was im Drehbuch stand, im Film 1:1 umgesetzt wurde. Es gab da eine Szene, die ihr Angst machte. Sie sollte Tognazzi einen runterholen, während er eine Borschtschsuppe kocht, in die er schließlich ejakuliert. Andréa Ferréol: „Das schien mir unmöglich zu drehen, grauenvoll, einfach fürchterlich.“

Beim Dreh selbst küssten sie sich zwar und fassten sich an, aber zu mehr kam es nicht. Andréa Ferréol: „Zum Glück, denn sonst wäre dies kein wichtiger Film der 70er Jahre geworden, sondern nur ein Pornofilm.“ Als sie den ersten Tag mit Marcello Mastroianni drehte, sollte sie ihren Hintern entblößen. Sie sagte ihm, dass es ihr Angst machen würde, wenn er sie anfassen würde. Mastroianni erwiderte: „Du wirst gar nicht merken, dass ich Dich anfasse.“ Er behielt Recht. Der erfahrene Schauspieler berührte kaum ihr Hinterteil, aber in der eingeblendeten Filmszene ist dies für den Zuschauer nicht auszumachen. Andréa Ferréol: „Ich arbeitete mit Gentlemen. Die Freundschaft stand immer im Mittelpunkt.“ Die Reaktionen nach der Premiere überraschten die damals noch recht naive Schauspielerin. In Cannes bei der Premiere brauchten die Schauspieler Polizeischutz, da zutiefst erboste Zuschauer über sie herfallen wollten. In Paris bekam sie in einigen Restaurants Hausverbot. Doch bereut hat Andréa Ferréol ihr Mitwirken beim Grossen Fressen nie, ganz im Gegenteil, der Film öffnete ihr die Türen: „Ich war schon damals eine Europäerin. In Italien, Deutschland, der Schweiz, Belgien, Holland, Portugal, Spanien, Griechenland und England wurden mir Rollen angeboten. Für mich war es fantastisch.“

Nana A.T. Rebhan


  • Das grosse Fressen
Originaltitel: La grande bouffe
Label: Arthaus
Genre: Drama
Produktionsjahr: 1973
Produktionsland: Frankreich/Italien
FSK: ab 16 Jahren
Lauflänge: ca. 125 Minuten

  • Stab
Regie: Marco Ferreri
Drehbuch: Marco Ferreri, Rafael Azcona, Francis Blanche
Kamera: Mario Vulpiani
Produktion: Vincent Malle

  • Technische Angaben
DVD Bild: 1,66:1 (anamorph)
DVD Sprachen/Ton: Deutsch, Französisch (Mono Dolby Digital)
DVD Untertitel: Deutsch
DVD Extras: Interview mit Andréa Ferréol, Trailer

Erstellt: 11-10-05
Letzte Änderung: 15-12-05