Vielleicht die Voreingenommenheit. Mit seiner Kindheit hat sich noch niemand auseinandergesetzt. Bisher interessierte man sich vor allem für den Castro ab 1952 oder sogar erst ab 1962. Mein Film endet genau da. Wir wollten sein Leben davor ergründen. Und dabei sind wir auf außergewöhnliches Archivmaterial und bisher völlig unbekannte Aussagen gestoßen. Ich habe die toten Winkel in Castros Leben aus der Zeit, bevor er ins Rampenlicht trat, ausgeleuchtet. Das Ergebnis ist verblüffend. Es widerlegt die offizielle Geschichtsdarstellung seit Castros Machtübernahme. Seit die Historiker in seinen Diensten die Möglichkeiten haben, die Geschichte so zu schildern, wie es ihnen genehm ist. So tritt zu Tage, dass Castro Sohn eines spanischen Auswanderers ist. Dass sein Hass auf Amerika eher reaktionär denn progressiv ist. Und vor allem, dass ihn hauptsächlich seine Machtgier antreibt. Ihr opfert er alles, allem voran seine Prinzipien.
Aber Castro steht doch nicht nur für die Macht. Castro steht auch für Agrarreform, Bildung und medizinische Versorgung für alle.
Heute vor allem für ein ausgeblutetes Volk. Ein stagnierendes Land, das sich seit Castros Machtergreifung, also seit 1958, im Stillstand befindet. Sie haben aber recht: mein Film ist keine objektive Reportage. Zum einen ist er überhaupt keine Reportage. Und zum anderen misstraue ich Leuten, die behaupten objektiv zu sein und dann in den meisten Fällen höchst subjektiv sind. Mich fasziniert Castro so, wie man sonst nur von den großen politischen Urgesteinen des letzten Jahrhunderts fasziniert sein kann. Man kann ihnen eine gewisse Begabung nicht absprechen und auch nicht die Eigenschaften, die sie zu Giganten oder auch zu Monstern der Geschichte machen. Und dennoch kann man dabei all das ablehnen, wofür die stehen. So geht es mir. Dieser Film ist keine Biografie mit Vollständigkeitsanspruch, die Castros gesamtes Leben schildert. Es ist eher ein „dokumentarischer Essay“, man könnte ihn mit einem politischen Essay vergleichen. Dabei ist es nicht wichtig, DIE Wahrheit herauszufinden, sondern vielmehr, eine Wahrheit darzulegen; der Film zeigt auf jeden Fall meine Wahrheit über diesen Politiker.
Warum endet der Film im Jahr 1962?
Weil es danach nicht mehr interessant ist. Über das Danach ist alles gesagt. Danach stellte sich Castro so dar, wie er wollte, so, wie man ihn kennt. In der Zeit davor aber ist er zu dem geworden, als der er sich jetzt darstellt; mich interessiert diese Entwicklung. Seine Kindheit im weitesten Sinne, als das politische Tier in Castro das Licht erblickte. Bei dem Film über Jelzin habe ich die Erfahrung gemacht, dass man zu überraschenden Schlussfolgerungen kommt. Und die haben manchmal nichts mehr zu tun mit dem, was man zuvor über den Menschen zu wissen glaubte.
In dem Film kommen ausschließlich Zeugen der Anklage zu Wort …
Nennen Sie mir einen Film über Castro, in dem Zeugen der Anklage und der Verteidigung gleichermaßen zu Wort kommen – natürlich keine Historiker, sondern Akteure. Das gibt es nicht. Und wissen Sie, warum es das nicht gibt? Schlicht und ergreifend, weil Castro es verbietet. Selbstverständlich habe ich versucht, Castro oder Weggefährten, die für seine Sache eintreten, zu interviewen. Keine Chance. Lauter Absagen.
Es gibt zwei Möglichkeiten, über Castro einen Film zu drehen. Mit Castro, das haben einige Regisseure gemacht. Sie halten ihm das Mikrophon hin und lassen den „Künstler“ seine Show abziehen. Das mag eine durchaus interessante ethnographische Studie sein. Aber um das zu machen, braucht man das richtige Parteibuch: Man muss darlegen, was man bisher getan hat und den Nachweis erbringen, dass man diesen hohen Herren verstehen wird. Wenn man aber, wie ich, nicht zu den Eingeweihten gehört, bleibt einem nur noch, Castros ehemalige Weggefährten zu befragen, die mit ihm gebrochen haben und nicht mehr in Cuba leben. So habe ich es gemacht. Es ist typisch für Diktatoren, andere vor diese Wahl zu stellen. Wenn man mit ihnen arbeitet, dann ohne die anderen. Wenn mit den anderen, dann ohne sie.
Bei dem internationalen Fernsehprogramm-Festival FIPA in Biarritz, wo der Film als Vorpremiere lief, gab es einiges Stirnrunzeln. Sind Sie sich dessen bewusst, dass der Film viel Polemik auslöst?
Dabei mussten in Biarritz Zuschauer abgewiesen werden; die beiden Vorstellungen in Sälen mit 500 Plätzen waren voll besetzt. Das zeigt doch, dass das Thema interessiert und anspricht. Ich bin kein aktives Mitglied einer Partei und auch kein offizieller Biograf. Bei den Gesprächen mit seinen ehemaligen Weggefährten, die Castro geholfen und unterstützt hatten, die an ihn geglaubt hatten, begegnete ich Menschen, die sich ausgenutzt, verraten und gedemütigt fühlen. Wie wir alle hatten sie Castros Worte für bare Münze genommen. Sie hielten hin für einen echten Revolutionär. Dann haben sie gemerkt, dass er ein übler Reaktionär ist, ein Meister der Täuschung und genialer Manipulator – und, dass er gefährlich ist. Der Film ist für mich eine Metapher über Macht und menschliche Naivität. In Castros Kuba hat die Verblendung der geistigen Elite und des Volkes ihren Endpunkt erreicht. Es gibt nicht einmal Erfolge, die diese Zustände rechtfertigen könnten. Kuba liegt am Boden. Nichts, was diese Dokumentation zeigt, war den Zeitgenossen Castros unbekannt. Sie wollten es nur nicht sehen.







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