Schriftgröße: + -
Home > Zitaten - Ballade > Wiederaufbau aus Ruinen > Tanović, Danis (Frankreich)

Zitaten - Ballade

„Europa – was ist das eigentlich?“, so fragen sich viele Europäer seit den Anfängen des Aufbaus eines gemeinsamen Europas. Die Definitionen von Historikern, (...)

Zitaten - Ballade

05/11/08

Danis Tanović (Frankreich)

Nach dem Krieg die Rückkehr zum Leben – durch den Film


Mit seinem Spielfilmdebüt No Man’s Land, einem satirischen Film noir über den Krieg in Bosnien-Herzegowina, landete Danis Tanovićs einen Welterfolg: Beim Filmfestival Cannes erhielt er 2001 die goldene Palme für das beste Drehbuch und 2002 den Oscar für den besten ausländischen Film. Danis Tanović ist ein Kind dieses Krieges. Er wurde 1969 in Sarajewo geboren und war dreiundzwanzig Jahre alt, als die erste serbische Bombe hochging. Der einzige Sohn eines Sprachwissenschaftlers und einer Musiklehrerin engagierte sich ohne zu zögern. Er verbrachte die beiden ersten Jahre der Belagerung Sarajewos in den Rängen der bosnischen Armee als Soldat, später als Kameramann und Archivar. „Ich wollte an diesem Kampf teilnehmen und die Geschehnisse filmen." So produzierte er seine ersten Dokumentarfilme, ein Genre, in das er sich geradezu „verliebte" . Und dies, obwohl er vor dem Krieg davon geträumt hatte, sich an der Filmakademie in Sarajewo einzuschreiben und Spielfilme zu drehen. Nach zwei Jahren hatten ihn die Massaker erschöpft und niedergeschmettert und er beschloss, aufzuhören. „In gewisser Weise hat mir die Kamera das Leben gerettet", gesteht er. Im März 1994 flüchtete er nach Belgien, wo er Maelys, seine zukünftige Frau und Mutter seiner Kinder kennenlernte. Er schrieb sich an der Brüsseler Filmschule INSAS ein. Nach seinem Abschluss drehte er mehrere Dokumentarfilme über den Krieg in Bosnien, darunter L’Aube (1996) und Ça ira (1998). Mit No Man’s Land kehrt Tanović zu seiner ersten Liebe, dem Film, zurück. Er erzählt die Geschichte von drei Soldaten, zwei Bosniern und einem Serben, die völlig verloren in einem Schützengraben zwischen den Frontlinien aufeinandertreffen. Mit beißendem Humor und einer gehörigen Portion Zynismus erreicht Tanović sein Ziel. Er will „einen Film gegen den Krieg und den Hass" machen, durch den man verstehen kann, was in seinem Land geschehen ist. In dem Interview, das auf der Bonus-DVD zu finden ist, spricht er über seinen Film und den Krieg in Bosnien. Im folgenden einige Auszüge daraus.

Die Kriegsjahre

[…] „Die Kamera hat mir wirklich sehr beim Überleben geholfen. Da geschieht etwas ganz Merkwürdiges, wenn man gefährliche Situationen filmt. Man hat manchmal das Gefühl, ein externer Beobachter zu sein, so als ob die Kamera die Emotionen abfangen würde. […] Man denkt nur daran, wie man filmen soll. Ist die Bildeinstellung gut? Das ist eigentlich verrückt, wenn man den echten Krieg filmt, denkt man nicht an sich, man denkt nicht darüber nach, was passiert, ob es eine tödliche Gefahr gibt oder nicht. Manchmal ist uns das passiert, mir und meinen Freunden, da ist die Granate neben uns niedergegangen und wir sind in die Luft geschleudert worden. Aber wir haben weitergefilmt, weil das passiert war und man es filmen musste. In gewisser Weise war es viel wichtiger zu filmen als am Leben zu bleiben. […] Manchmal, mitten im Kriegsgeschehen, war es uns nur noch wichtig, der Welt zu zeigen, was in Bosnien, was in Sarajewo passiert. […] Der Tod war so nah und allgegenwärtig, dass man nicht einmal mehr daran dachte. Und das hat uns irgendwo gerettet. […] Erst hinterher hatten wir Probleme damit, wieder zur Normalität zurückzukehren. Aber man muss ja auch wieder leben. Erst danach ist es uns schwergefallen, wieder ins Leben zurückzukehren".

No Man’s Land

[…] Ich wollte den Film bewusst etwas auflockern, er enthält viel Humor, damit lasse ich das Publikum aufatmen. Und dennoch gelingt es mir, die wichtigen und schwerwiegenden Dinge herüberzubringen. […] Ich wollte, dass alle sehen, was ich über den Krieg in Bosnien zu sagen habe. […] Der Humor ist etwas Natürliches. Während des Krieges war Humor in unserer Generation sehr präsent. Unsere letzte Waffe, denn wir hatten ja nicht allzu viele Waffen, um uns zu verteidigen. Der Humor verschaffte uns Abstand. Durch den Humor taucht man nicht ganz ein und blickt von außen auf die Dinge. Am Ende von No Man's Land ist da allerdings dieses Bild. Und da, glaube ich, kann man nicht mehr entrinnen.
[…] Die UNPROFOR (UN-Schutztruppe),  das waren für uns „die Weltpolizisten". Das ist so, als würde ein Polizist sehen, wie eine Frau vergewaltigt wird, und ginge dann hin, um zu sagen: „Machen Sie weiter, ich bin neutral!"Und dann bindet er die Hände der Frau hinter [ihrem Rücken] zusammen, damit sie sich nicht wehren kann. Das ist das Embargo auf bosnische Waffen. Dann gibt er ihr ein Stück Schokolade, so kann sie besser durchhalten, während sie vergewaltigt wird. Also wenn das Neutralität ist, dann herzlichen Glückwunsch!  [Danis Tanović hält einen Moment inne]  Ich habe nicht erwartet, dass diese Wut durchkommt. Denn um ein neues Werk zu schaffen, braucht man Abstand. Man muss gleichzeitig mittendrin und draußen sein. Man muss sich auch sehen können. Die Wut vergeht mit der Zeit. Der bittere Nachgeschmack bleibt.

[…] Im Krieg  „verliert man selbst dann, wenn man gewinnt ”. Das ist absurd. Das spüre ich jedes Mal, wenn ich durch die Straßen von Sarajewo spaziere. [... ] Es sind Menschen gestorben, um diese Stadt zu verteidigen, andere sind gestorben, um [die Frontlinie] zurückzudrängen. Und heute spaziert man wieder durch diese Straße. Sie ist da wie zuvor. Nur dass viele Menschen nicht mehr da sind. Der Moment, in dem der Tod näher ist als das Leben, das ist ein absurder Moment. Man fragt sich, wozu das alles gut sein soll. Man muss dafür kämpfen, dass das nicht eintritt; Prävention ist die einzige Lösung. Prävention. Hat der Krieg erst einmal begonnen, dann ist es schon zu spät. Vor diesem Hintergrund habe ich No Man’s Land gemacht. Ich wollte zeigen, was geschehen ist und wollte, das sich am Ende des Films jeder sagt,  “Krieg – gütiger Gott, bloß nicht!” Und wenn mir das gelungen ist, dann ist es ein gelungener Film". 

No Man’s Land
DVD
Französische Fassung und OmU
Gaumont Columbia Tri Star

Im Jahr 2005 war der letzte Spielfilm von Danis Tanović zu sehen. L’Enfer (Wie in der Hölle), ein intensives, sehr französisches Drama mit Starbesetzung, u.a. mit Emmanuelle Béart, Carole Bouquet, Karine Viard und Jacques Gamblin.

Erstellt: 16-06-06
Letzte Änderung: 05-11-08