Kinostart 17. März 2005 - 15/03/05
Darwins Alptraum
Ein Film von Hubert Sauper
Survival of
the Fittest
Synopsis: In den 60er Jahren wurde eine neue Fischart in den größten tropischen See der Welt eingesetzt – ein wissenschaftliches Experiment. Mittlerweile hat der „Viktoriabarsch“, wie er nun genannt wird, alle anderen 400 Fischarten des Viktoriasees verdrängt und aufgefressen – eine ökologische Katastrophe droht. Doch es wird nichts dagegen unternommen, denn der „Viktoriabarsch“ ist ein hervorragender Exportschlager des armen südafrikanischen Landes.
Kritik: Im Guerillastil zog der Drehbuchautor, Regisseur und Kameramann in Personalunion mit nur einem Tonmann an der Seite los, um der Fischmafia das Fürchten zu lehren. Dabei verzichtet der investigative Dokumentarfilmer völlig auf die spleenigen Mätzchen, die Michael Moore immer so unsympathisch machten. Hubert Sauper führt Interviews mit Fischern, mit Agenten der Weltbank, heimatlosen Straßenkindern, afrikanischen Ministern, Fabrikbesitzern, EU-Kommissaren, tansanischen Prostituierten und russischen Piloten, und überlässt das Urteil doch stets dem Zuschauer. So reiht Sauper die unglaublichsten Aussagen aneinander und verdichtet diese durch Aufnahmen von Fischen, Fischresten, riesigen Müllhalden, Klebstoff schnüffelnden Kindern und immer wieder startenden und landenden Flugzeugen.
Sein Ziel war es, die seltsame „success story“ eines Fisches zu zeigen, und die Situation, die daraus dort für die Menschen entsteht. Saupers Erfahrung nach ergibt sich stets dieselbe grauenhafte und unaufhaltsame Entwicklung: Wenn in einer armen Gegend ein wertvoller Rohstoff entdeckt wird, so gehen die Bewohner im Umfeld dieses neuen Reichtums elend zugrunde. Die Söhne werden zu Wächtern und Soldaten, die Mädchen zu Dienerinnen und Huren. Sauper weiß: „Darwins Alptraum könnte ich in Sierra Leone erzählen, nur wäre der Fisch ein Diamant, in Honduras eine Banane, und in Angola, Nigeria oder Irak schwarzes Öl.“
Genau diese Situation findet er auch rund um den Viktoriasee vor. In der Kleinstadt Mwanza in Tansania ist die gesamte Bevölkerung abhängig vom Viktoriabarsch. Egal, ob eine ökologische Katastrophe droht – unternommen wird nichts dagegen. Immerhin gibt es ja millionenschwere EU-Subventionen für den Fischhandel. Die gesamten Filetstückchen werden mit Flugzeugen exportiert, die Tag für Tag tonnenschwere Fracht nach Europa fliegen. Der einheimischen Bevölkerung bleiben nur die Reste – Fischköpfe und Gräten, von denen sich einige Millionen Menschen ernähren müssen.
Selten wurde das Verhältnis zwischen erster und dritter Welt in einem Dokumentarfilm in dieser Art dargestellt. Dem Filmemacher gelingt es hervorragend, eine Nähe zu den interviewten Personen herzustellen. Eliza, eine junge Prostituierte, die eine unglaubliche Kamerapräsenz hat, ist am Ende der Dreharbeiten von einem australischen Freier ermordet worden. Ein russischer Pilot, der zu Beginn darauf besteht, dass er stets mit einer leeren Maschine nach Afrika fliegt, gesteht am Ende des Films ein, dass er Waffen nach Angola transportiert. Darwins Alptraum ist ein ganz realer Horrorfilm, den jeder mindestens einmal gesehen haben sollte.
Nana A.T.Rebhan
Darwins Alptraum
Frankreich/Österreich/Belgien 2004, 107 Minuten
Buch, Regie und Kamera: Hubert Sauper
Mit diversen Menschen, rund um den Viktoriasee
Erstellt: 15-03-05
Letzte Änderung: 15-03-05