- Der Nilbarsch, dessen Industrie in Saupers Film als Beispiel für den globalisierten Handel zwischen Afrika und Europa steht, der die lokalen Strukturen in Afrika zerstört und so zur nachhaltigen Verschlechterung der Lebensumstände der Menschen führt, sei in den 1950er Jahren im Rahmen eines Entwicklungshilfeprogramms der OECD in den Viktoriasee eingesetzt worden und nur Politiker der extremen Rechten hätten sich damals dagegen gewehrt.
- Es sei falsch, dass der Großteil des Fangs nach Europa exportiert werde. 74% blieben im Land, 40% davon würden direkt vor Ort konsumiert.
- Sauper zeige unkommentiert BBC-Bilder, die Waffenhandel in Tansania suggerierten, in Wirklichkeit aber eine dem internationalen Recht entsprechende Hilfsaktion zur Unterstützung der Regierung von Sierra Leone 1997 zeigten, die durch einen Putsch gestürzt wurde.
- Sauper lasse die Stadt Mwanza, die zweitgrößte städtische Agglomeration Tansanias, in seinem Film wie eine “verfaulende" Kleinstadt erscheinen.
Im Februar griff die Tageszeitung “Libération” die Vorwürfe Garçons auf und beschrieb Saupers Reaktion auf diese Vorwürfe als einen “zornigen, aber argumentativ schwachen” Brief, ohne die Gegenargumente zu nennen. (Libération, 18. Februar 2006)
Schließlich lud “Libération” die Kontrahenten zu einem Gespräch in die Redaktion ein und veröffentlichte anschließend die Ergebnisse der Diskussion, die sie “zwei eher unversöhnliche Diskurse” nannte. (Libération, 1. März 2006).
In der Diskussion führte François Garçon folgende Argumente an:
- Der Fischfang trage nicht zur Verarmung der Bevölkerung am Viktoriasee bei, wie Saupers Film suggeriere, sondern habe das gesellschaftliche Niveau der Menschen im Gegenteil sogar angehoben. Dies habe ihm ein Mitarbeiter des kenianischen Instituts für Fischfang bestätigt.
- Sauper suggeriere Waffentransporte nach Afrika, indem er wiederholt die Frage nach solchen Transporten stelle, bleibe aber Beweise schuldig. Zwar wisse man, dass es massive Waffentransporte nach Afrika gebe, da dort weder Panzer noch Flugzeuge hergestellt würden. Die These von Saupers Film aber, dass die Waffen quasi mit dem Fisch bezahlt würden, sei eine Lüge. Er, Garçon, habe selbst Recherchen angestellt und auf der Grundlage von OECD- und Weltbank-Berichten ausgerechnet, dass die Fischtransporte auch ohne Ladung auf dem Hinweg nach Afrika rentabel seien.
- “Darwins Alptraum” verteufele den Westen.
- Saupers Film habe in Frankreich einen Aufruf zur “Lynchjustiz” am Viktoriabarsch – wie der filetierte Nilbarsch in Europa genannt wird – provoziert.
- Saupers Film prangere an und bedürfe daher einer kritischen, keiner ästhetischen Analyse.
Hubert Sauper beklagte in einem Gespräch mit ARTE, man habe den Experten-Dokumenten, die er zur Diskussion mitgebracht habe, keine Beachtung geschenkt und sei nicht an der Wahrheit, sondern lediglich an der Kontroverse interessiert. François Garçon warf er seinerseits vor, dieser habe den Film nicht verstanden. Seine Gegenargumente waren u.a. folgende:
- Nur eine Minderheit profitiere vom Nilbarschhandel am Viktoriasee.
- Der Nilbarschhandel sei nur eine Allegorie für die vielen Skandale in Afrika. Ebenso gut hätte er die Goldminen der burundischen Hauptstadt Bujumbra, die Diamantenminen im Congo oder die Ölfelder Nigerias in den Mittelpunkt stellen können. Wenngleich diese ”Wirtschaftswunder” auch einige positive Aspekte für die Bevölkerung hätten, so hätten sie immer – mit dem Anstieg der Bevölkerung, der Arbeitslager und der Prostitution – auch HIV-Infektionen zur Folge.
- Der Aufruf zum Boykott des Viktoriabarschs sei eine Art Hilfeschrei von Leuten, die nicht wüssten, wie sie angesichts der Probleme, die sein Film aufzeige, handeln sollten. Er beurteile deren Wut positiv, lasse sich jedoch selbst nicht für derartige Aktionen instrumentalisieren.
- Die Weltbank spreche von 100 000 Arbeitsplätzen, die durch den Fischfang am Viktoriasee geschaffen worden seien, jedoch bedeute jeder offiziell geschaffene Arbeitsplatz den Verlust acht “informeller” Jobs.
- Sein Film basiere auf zwei naiven Fragen: “Warum hungern Menschen an einem Ort, wo es so viel Nahrung gibt?” und “Was ist in den Flugzeugen (die den Fisch nach Europa holen, auf ihrem Hinweg nach Afrika)?” Es gehe ihm nicht darum, Beweise für Waffentransporte zu erbringen, sondern vielmehr um die Frage, inwiefern die Bevölkerung sich dieser Transporte (deren Existenz Sauper als gegeben voraussetzt) bewusst sei.
- Russische Piloten hätten ihm bestätigt, dass die Flugzeuge neben Kühlschränken, Schuhen, Lebensmitteln und was die Afrikaner sonst noch bräuchten, auch militärisches Material transportierten, gerade in die Region der großen Seen. Die Rentabilität dieser Geschäfte beruhe zweifellos auf der Verfügbarkeit der Transporte.
- Kino könne nie “die Realität” zeigen, sondern sei immer nur die Konzentration einer bestimmten Realität. So könne es keinen Film geben, der Afrika zeige, wie es sei. Ein Film sei immer ein bestimmter Blick in eine Richtung, und man könne nie gleichzeitig sehen, was in der anderen Richtung passiere. Die Leute suchten immer nach Beweisen, die er als Filmemacher aber gar nicht liefern wolle. Die Poesie des Kinos, die gerade darin bestünde, nicht alles zu zeigen, sei scheinbar nicht bei François Garçon angekommen.
Zwei Tage später, am 3. März 2006, stieg auch die Tageszeitung “Le Monde” in die Debatte ein, die eigens einen Reporter in die Viktoriasee-Region geschickt hatte, um die “Behauptungen” von Saupers Film vor Ort zu überprüfen. Ihr Autor stellt in seinem Artikel fest:
- Die Fischkarkassen würden nicht, wie Saupers Film suggeriere, von Menschen verzehrt, sondern dienten als Nahrung für Hühner und Schweine. Andere Fischreste dagegen, die für den menschlichen Konsum im ganzen Land bestimmt seien, würden sorgfältig gewaschen, bevor sie geräuchert oder fritiert würden.
- Die Aufbereitung der Karkassen hätte eine ganze Industrie geschaffen, an der einige Einheimische, gemessen an den lokalen Verhältnissen, sehr gut verdienen würden. Es sei schwer abschätzbar, wie viele Menschen von den tausenden von “informellen” Jobs profitieren würden.
- Die größten Optimisten schätzten, der Fischsektor schaffe eine Million Arbeitsplätze in der Viktoriasee-Region. Die größten Pessimisten dagegen bestätigten, dass die industrielle Fischerei Arbeitslosigkeit schaffe, indem sie die traditionellen Handelssysteme des Landes zerstöre.
- Der Unterschied zwischen der Summe, die die einheimischen Fischer an dem Fisch verdienten, und der, die der Fisch koste, wenn er die Fabriken verlasse, sei zwar groß, dennoch verdienten viele Fischer mehr als Beamte.
- Der Autor zitiert einen Einheimischen, der dankbar für die Fischindustrie ist und den Nilbarsch als nicht schmackhaft zurückweist.
- Allerdings müsse man sich die Frage stellen, so der Autor, was man für diesen wirtschaftlichen Erfolg zu zahlen bereit sei, und ob die Ausrottung der einheimischen Fischarten nicht die wahre Tragödie des Viktoriasees darstelle. Er zitiert einen Rechtsanwalt, der gemeinsam mit der Organisation “Lawyer’s Environmental Action Team” gemeinsam gegen die Fischindustriellen ankämpfe, es aber als Tragödie empfände, wenn die reichen Länder aufhörten, Viktoriabarschfilet zu kaufen, um die “Ausbeutung” der Tansanier zu stoppen. Das, so sagt er, würde tatsächlich zur Verarmung der Bevölkerung führen.
- Der Autor unterstützt die These des Waffenhandels in Saupers Film und zitiert dazu “einen der besten Spezialisten des afrikanischen Waffenhandels”, der bestätigt, dass seit mehr als einem Jahrzehnt ein “Dreieckshandel” um Fisch und Waffen abgewickelt würde: Die russischen Transportmaschinen verließen Osteuropa mit Waffen an Board und lieferten ihre Ladung an afrikanische Regierungen. Dann flögen sie nach Libyen, in den Sudan oder nach Ägypten, um die Maschinen dort preiswert aufzutanken, und schließlich nach Mwanza, um dort Fische oder Blumen zu laden. Diese letzte Etappe finanziere die Rückreise, die 40 000 Dollar Sprit koste. In Mwanza selbst sehe man nichts von dem Handel, da die Operation bereits abgeschlossen sei, wenn die Maschinen dort landeten.
Das TV-Magazin Télérama zeigt sich in einem Web-Blog des Redakteurs Aurélien Ferenczi vom 3. März erstaunt über den ”befremdlichen Prozess”, der Hubert Sauper gemacht werde, und verteidigt dessen Ansatz, ”die Realität” zu filmischen Zwecken zu ”inszenieren”. Dies sei das Recht eines engagierten Künstlers. Der Zuschauer antworte darauf seinerseits mit dem Recht zu reagieren, zu kritisieren und an dem, was er sehe, zu zweifeln. Es sei offensichtlich, dass Hubert Sauper sich seiner These zu rein narrativen Zwecken bedient habe. Dies sei das beste Mittel, um zu mobilisieren und Reaktionen zu provozieren. Deutlich spüre man die künstliche Seite und die Symbolkraft von Saupers Film, und das nenne sich Kunst. François Garçon wirft die Zeitschrift vor, man könne einen Film nicht kritisieren, indem man in lediglich auf seinen ”Wahrheitsgehalt” abtaste, sondern man müsse ihn als Gesamtwerk sehen.
Maike van Schwamen








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In Frankreich entzündete sich kurz vor der Verleihung der Oscars Anfang März eine hitzige Debatte um den Film “Darwins Alptraum" von Hubert Sauper. Alles begann mit einem Artikel des Historikers François Garçon, der dem österreichischen Filmemacher in der französischen Zeitschrift “Les Temps Modernes” (Nr. 635, November/Dezember 2005/Januar 2006) vorwarf, dieser manipuliere die Zuschauer. Sein Film bleibe Beweise schuldig und verfälsche Tatsachen. Sauper wehrte sich gegen die Vorwürfe, und als die Vergabe der Academy Awards näher rückte – “Darwins Alptraum” war für den Oscar nominiert –, begannen französische Tageszeitungen sich für die Auseinandersetzung zu interessieren.
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