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24/11/05

Das 20. Jahrhundert in Portugal: Zeitalter der Entdeckungen

Yves LéonardYves Léonard
Professor am Institut d’Etudes Politiques in Paris
Forscher am Zentrum für Geschichte von Sciences Politiques

Das Bild Portugals scheint einzig von seiner geographischen Lage am Rande Europas bestimmt zu sein. Doch mit seinen politischen Erfahrungen - einschließlich der Schrecken und Mythen der Kolonialzeit – hat das Land die europäische Geschichte im 20. Jahrhundert nicht nur widergespiegelt, sondern zuweilen auch vorweggenommen. Die frühzeitige Ausrufung der Republik im Jahr 1910 im noch monarchisch geprägten Europa, die mutige, doch weitgehend vergessene Teilnahme am Ersten Weltkrieg auf Seiten der Ententemächte, das Experiment einer bis dato ungekannten republikanischen Staatsform mit starkem Präsidenten und plebiszitärem Charakter unter dem Diktator Sidónio Pais (1917-1918), das etwa fünfzig Jahre währende äußerst strenge Regime eines atypischen Diktators wie António de Oliveira Salazar, das zwischen sozialem Katholizismus und faschistischen Tendenzen angesiedelt war, die unter Salazar lange Zeit als Synonym für die Zersetzung und Auflösung der Nation geltende verspätete Entkolonialisierung und schließlich die erneute Welle der Demokratisierung mit der so einmaligen wie überraschenden Nelkenrevolution am 25. April 1974 – all das steht für die außergewöhnlich vielschichtige Entwicklung Portugals im 20. Jahrhundert.

Doch in Frankreich, das mehrere hunderttausend portugiesische Einwanderer aufgenommen hat, ist die Geschichte dieses Nachbarn und Mitgliedstaates der Europäischen Union weitgehend unbekannt. Dort wird das Land häufig ausschließlich mit Tourismus, Literatur, Fado oder Fußball in Verbindung gebracht. Und noch immer ist es ungewöhnlich, das Portugal im 20. Jahrhundert als eigenständiges und äußerst ergiebiges Forschungsgebiet, als Schauplatz einer einzigartigen Geschichtsentwicklung anzuerkennen, das dem 15. und 16. Jahrhundert, dem Goldenen Zeitalter der Entdeckungen, an Bedeutung in nichts nachsteht. Diese Epoche verdient weitaus mehr, als nur als zweitrangige Beispielsammlung im Rahmen vergleichender Studien herangezogen oder gar nur als Anhängsel Spaniens und Quelle für mehr oder weniger exotische Illustrierungen betrachtet zu werden. Dies gilt umso mehr, als sich die Historiographie des sogenannten Neuen Staates unter Salazar dreißig Jahre nach der Nelkenrevolution zu einem der dynamischsten Bereiche in Geschichtsforschung und Sozialwissenschaft entwickelt hat und selbst zu einem der in der Öffentlichkeit meistdiskutierten Themen gehört. In den vergangen zwanzig Jahren entstanden auch an Frankreichs Universitäten herausragende Dissertationen, Forschungsarbeiten und Veröffentlichungen. Dies ist auf ein nachhaltiges Engagement für diesen Themenkomplex zurückzuführen, das nicht zuletzt von einigen Verlegern unterstützt wird. Pierre Nora verglich diese mit Goldwäschern, die nicht aus Goldadern schürfen, sondern sich nur durch stetige Initiative und Einfallsreichtum mühsam voranarbeiten können. Doch endlich hat das Zeitalter der Entdeckungen für das 20. Jahrhundert Portugals begonnen!

Yves Léonard, November 2005

Erstellt: 23-11-05
Letzte Änderung: 24-11-05