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Cannes 2008

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Cannes 2008

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Cannes 2008

12.05 um 21.00 Uhr auf ARTE - 29/08/08

Das Kind

Ein Film von Jean-Pierre & Luc Dardenne


Eine junge Frau, die ihren Kinderwagen mit ihrem schlafenden Säugling ziellos durch die Straßen schob, inspirierte die Brüder Dardenne zu ihrem neuesten Film. Wer, fragten sich die Filmemacher aus Belgien, mochte wohl der abwesende Vater des Kindes sein?

Ein Drama in der nahezu perfekten Umsetzung der Brüder Dardenne






(Frankreich, Belgien, 2004, 95 Min.)
Mit: Jérémie Renier, Déborah François, Jérémie Segard


Goldene Palme 2005






Jean-pierre & Luc Dardenne
Interview Part 1
Interview Part 2
Interview : Olivier Bombarda

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Trailer
Fotogalerie


Jérémie Rénier
Interview Part 1
Interview Part 2
Interview : Olivier Bombarda






Synopsis: Bruno (Jérémie Renier) , 20 Jahre alt und Sonja (Déborah François), 18, haben ein Kind in die Welt gesetzt, das sie auf den Namen ‚Jimmy’ getauft haben. Während Sonja von der Sozialhilfe lebt, verdient Bruno sein Geld als Anführer einer jugendlichen Diebesbande. Kann Bruno seiner Verantwortung als Vater gerecht werden – er, der nur am Geld interessiert ist, das er an seinem kriminellen Tauschhandel verdient?

Kritik: Eine blutjunge Mutter mit dem schreienden Säugling auf dem Arm, gerade aus dem Krankenhaus entlassen, ist auf der Suche nach dem Vater ihres Kindes; und ein Handy ist das einzige Mittel, Kontakt mit ihm aufzunehmen. Wie in allen Filmen der Brüder Jean-Pierre und Luc Dardenne begleitet eine von der Schulter gedrehte Kamera den Protagonisten auf Schritt und Tritt - hier eine junge Vorstadtschönheit, die der jungen Rosetta im 1999 mit zwei Goldenen Palmen ausgezeichneten, gleichnamigen Film, was ihre Herkunft und ihre Lebensenergie betrifft, nicht unähnlich ist. Mit einem entscheidenden Unterschied - im neuen Film der belgischen Filmemacher verlagert sich das Interesse der Kamera – sobald Sonia ihren Bruno gefunden hat, auf die Reaktion des jungen Bruno, als er mit seiner Vaterschaft konfrontiert wird.

Dieser Bruno, der eine kleine Bande jungendlicher Diebe anführt, ist nicht nur denkbar unvorbereitet für seine neue Rolle, er ist, ohne dass man es ihm vorwerfen könnte, noch nicht einmal in der Lage, sein Kind überhaupt wahrzunehmen. Viel zu sehr lebt er im Jetzt und Hier, ist voll und auf das Geld fixiert, die er auf seinen Diebestouren erbeutet. Immer wartet dieser Bruno auf einen Anruf, allzeit bereit, ein neues Tauschgeschäft einzugehen. Ein junger Mann von heute, ohne irgendein gravitätisches Zentrum, ohne Sinn für die Bedeutung des Wortes Verantwortung, geblendet von der Macht des Geldes. Im starken Kontrast dazu steht das Glück, dass dieser 20-jährige mit seiner Freundin dennoch empfinden kann, in den Momenten, wo er mit seiner Freundin herumbalgt wie ein junger Hund, wo die beiden Liebenden zur großen Leichtigkeit ihres Seins zurückfinden, bevor ihr Kind geboren wurde.

Doch mit diesem Glück und Brunos Verdrängungskünsten ist es vorbei, als er auch den kleinen Jimmy gegen Bares eintauschen will. Ein verbotenes Adoptionsgeschäft, gegen den Willen der Mutter mit kriminellen, anonymen Mittelsmännern abgewickelt. Eine Tat, die Sonia ihrem Liebsten nicht verzeihen kann. Hier nun kommt das Drama in Gang, als Bruno versucht, sein Handeln rückgängig zu machen, um seine Liebe nicht zu verlieren. Nicht ganz untypisch für die Dardennes, aber bisher am spektakulärsten, entfaltete der Sog ihrer reduzierten, konzentrierten Erzählweise dabei sogar Thrillerqualitäten: eine Verfolgungsjagd spielt darin eine Rolle, deren Spannung beinahe unerträglich ist.

Diese Spannung aber hat absolut nichts mit Effekthascherei zu tun, sondern mit der genauen Kenntnis der Figuren und – das ist das absolut Einzigartige und Faszinierende an den Filmen der Dardenne-Brüder, mit den von den Protagonisten beinahe schon fetischistisch benutzten Objekten, aus denen sich unverwechselbare Gesten und Rituale ableiten. Über den Gebrauch eines Handys, über das Schicksal eines Kinderwagens, über die Art, wie der junge Bruno in seinem Versteck am betonierten Flussufer seine Kleidung wechselt, definiert sich bei den Dardennes die Psychologie, ja die gesamte Existenz einer Figur. Genauso spielen auch die Orte, an denen diese Figuren immer wieder zurückkehren, eine zentrale Rolle für die Definition ihrer Persönlichkeit. Das Provinzstädtchen Seraing, die Stadtautobahn, der Parkplatz eines Einkaufszentrums, der Fluss Meuse, das kalte Wasser, ein Versteck, all das sind Orte, die bereits in früheren Filmen der belgischen Brüder vorkamen. Nur, dass diese Plätze aus einer neuen, einen anderen Blickwinkel auf die Figuren ermöglichenden Perspektive gefilmt werden. Jean-Perre Dardenne, der ältere der beiden Brüder, verriet auf der Pressekonferenz ein nahe liegendes Geheimnis ihrer erfolgreichen Karriere: Nur der Rückgriff auf Vertrautes – seien es Orte oder Gesten, gestatte es ihnen, ihrem Schaffen ein neues Kapitel hinzuzufügen, das Mysterium menschlichen Handelns weiter zu ergründen.

Martin Rosefeldt


Synopsis: Bruno (20) und Sonia (18) leben von der Sozialhilfe und Brunos Diebstählen. Vor kurzem ist ihr Sohn Jimmy zur Welt gekommen.

Kritik: Im Mittelpunkt des neuen Films „L’enfant“ der Brüder Dardenne stehen wie immer Menschen vom Rande der Gesellschaft, die zu einem Leben in erbärmlichen Verhältnissen gezwungen sind. Bei den Dreharbeiten zu ihrem letzten Film „Le fils“ in Séraing fiel den Brüdern ein junges Mädchen mit einem Kinderwagen auf, in dem ein Neugeborenes schlief. Wie mochte wohl der Vater des Kindes sein? Aus dieser Frage heraus entstand die Idee für die zentrale Figur in „L’enfant“: Bruno, ein junger, unbekümmerter Mann ohne Einkommen, der von gelegentlichem Schwarzhandel lebt und nicht viel Aufhebens um seine neue Rolle als Vater macht. Hinter dem Rücken seiner Freundin Sonia beschließt er, das Kind zu verkaufen.

In der Exposition des Films umreißen die Brüder Dardenne zunächst das Bild eines jungen Paares im Liebestaumel, wobei schnell klar wird, dass es sich bei Sonia und Bruno um noch gänzlich unreife Jugendliche handelt. Die beiden leben ihre leidenschaftliche Liebe in geradezu animalischer und doch kindlicher Intensität. Aufgrund ihrer materiellen Situation sind sie zumeist gezwungen, unter freiem Himmel zu leben. Das Problem des Geldmangels macht sich überall bemerkbar und verleitet Bruno zu allerlei Straftaten. So benutzt er kleine Jungen wie Jérémie für Taschendiebstähle und verkauft von LKWs heruntergefallene Waren, bis er schließlich auf die Idee kommt, seinen eigenen Sohn gegen einen Batzen Geld einzutauschen. Als Sonia das Verschwinden ihres Sohnes bemerkt, gerät alles ins Wanken: Sie bricht zusammen und wird von Bruno ins Krankenhaus gebracht. Dieser setzt alles daran, das Kind wiederzubekommen, denn mit einem Mal tritt ihm die ganze Abscheulichkeit seiner Tat und seiner ersten Reaktion gegenüber Sonia vor Augen, der er erwidert hatte: „Ist doch egal, machen wir eben ein neues“. Sonia straft ihn mit erbittertem Schweigen, weist ihn zurück, schreit ihm schließlich den Schmerz über das traumatische Erlebnis ins Gesicht und verlässt ihn.

Die Dreharbeiten zu „L’enfant“ verliefen ähnlich wie bei den vorhergegangen Filmen der Dardenne-Brüder: Einige Szenen wurden zwar geprobt, doch ging es ihnen in erster Linie darum, möglichst viele Takes aufzunehmen, um die „eine“ Wahrheit im Sinne Robert Bressons herauszufiltern. Das Ergebnis dieser Vorgehensweise sind nahezu perfekte Szenen: Die Brüder haben das Letzte aus den Schauspielern herausgeholt, ihre Ausdrucksmöglichkeiten bis ins Kleinste ausgelotet, ihr Spiel, ihre Dialoge, die Geräusche, Bewegungen und Gesten absolut austariert. Ein gänzlich neuer Aspekt in der Arbeit der Dardenne-Brüder kommt in einer Verfolgungsszene mit Bruno und Jérémie und einigen ihrer Überfallopfer zum Ausdruck: Zwar hätten sich die Regisseure hier angeblich einen Spaß erlaubt, doch verleiht diese Szene dem Dardenne-Universum auch eine neue rhythmische Dimension – ohne dass die Brüder dabei ihre eigenen hohen Ansprüche aufgeben würden.

Fragt man die beiden nach dem Grund für ihre Vorliebe für Geschichten über die Benachteiligten der Gesellschaft, so erhält man die bescheidene Auskunft: „Weil wir sie mögen“. Einmal mehr ist es ihnen in diesem Film gelungen, eindrückliche Emotionen zu vermitteln, die einen so schnell nicht wieder loslassen.

Olivier Bombarda

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The Child
(L'enfant)
Ein Film von Jean-Pierre und Luc Dardenne
(Frankreich, Belgien, 2004, 95 Min.)
Mit: Jérémie Renier, Déborah François, Jérémie Segard
Goldene Palme 2005
12.05 um 21.00 Uhr auf ARTE
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Erstellt: 09-05-08
Letzte Änderung: 29-08-08