Was war das größte Hindernis bei der Verwirklichung des Vorhabens?
Philippe – Für mich bestand die größte Schwierigkeit darin, die Botschaften und die Unternehmen für das Projekt zu gewinnen. Wir mussten die Ernsthaftigkeit des wie ein Spiel angelegten Projekts darlegen und den damit verbundenen Nutzen plausibel machen. Der andere Stolperstein war die Finanzkonstruktion. Nachdem wir die Finanzpartner von der Glaubwürdigkeit des Experiments überzeugen konnten, haben sie mitgezogen. Ophélie – Die Tatsache, dass ARTE das Videoprojekt unterstützt, hat unsere Chancen natürlich erhöht. Miriam – Auch der Zeitfaktor war schwierig. Die Projektorganisation dauerte vier Monate, wir haben Hunderte von Stunden daran gearbeitet. Das alles mussten wir mit unseren jeweiligen anderweitigen Verpflichtungen in Einklang bringen. Zum Glück waren wir begeistert und hoch motiviert!
Was war letztendlich Ihre größte Genugtuung?
Philippe – Am meisten habe ich mich darüber gefreut, dass die Initiative hochschulübergreifend funktioniert hat. Es waren Studenten vom französischen Presseinstitut IFP und der Universität Paris III Sorbonne Nouvelle, von Sciences-Po und von der Wirtschaftshochschule ESSEC dabei. Sie alle konnten ihre persönlichen Erfahrungen austauschen und ihre beruflichen Ängste und Sorgen miteinander teilen. Das Gemeinschaftsprojekt hat die in Frankreich so häufig debattierten Unterschiede zwischen den sogenannten „Elitehochschulen“ und den Universitäten in den Hintergrund treten lassen. Der europäische Hochschulmarkt ist hochspezialisiert, und die französischen Studenten müssen sich mit Absolventen der angesehensten Bildungsgänge in ganz Europa messen. Dass die Studenten über das Spiel hinaus weiterhin in Kontakt geblieben sind, hat mich am meisten mit Stolz erfüllt. Als Absolvent von Sciences Po konnte ich den Fortschritt gut ermessen. Ophélie – Die Rückmeldungen der Teilnehmer waren extrem positiv. Manche fanden Praktika, andere konnten enge Beziehungen zu Unternehmen und Einrichtungen in Europa knüpfen. Philippe – Ein IFP-Student hat dabei sogar seine Berufung entdeckt: Er will Lobbyist werden!
Welche Lehren ziehen Sie aus diesem pädagogischen Experiment?
Ophélie – Teamgeist ist eine starke Triebkraft. Die Erfahrung war zunächst für uns selbst sehr lehrreich, allein durch die viermonatige Vorbereitung, die ständigen Verhandlungen mit Botschaften, Sponsoren, Medien, den Teilnehmern und vor allem zwischen unseren drei Verbänden … Philippe – Das Simulationsspiel war sozusagen ein Brückenschlag zwischen akademischer Lehre und praktischer Ausbildung. Die Studenten konnten das im Unterricht erworbene Wissen über die Funktionsweise der Europäischen Union direkt anwenden. Sie haben aber auch recherchiert, z.B. über die Energiepolitik der Mitgliedsländer und über die jeweilige Lobby, der sie während des Spiels angehörten. Sie haben viel intensiver gearbeitet als in einem Ganztagsseminar während eines Semesters! Dadurch, dass echte europäische Akteure als Schirmherren gewonnen werden konnten, hatten sie auch die Möglichkeit, mit Diplomaten und Lobbyisten zu diskutieren. Letztlich haben die Teilnehmer drei grundlegende Dinge gelernt: Erstens, Verhandlungen sind nie ein „Neuanfang“, sondern man begegnet immer wieder denselben Ansprechpartnern, denselben Altlasten oder positiven gemeinsamen Erfahrungen. Zweitens, reine Recherche genügt nicht, man braucht ein Gleichgewicht zwischen Information, Entscheidung und Aktion. Drittens, Müdigkeit spielt bei internationalen Verhandlungen eine entscheidende Rolle. Miriam – Oft ist die Rede davon, dass die Bürger sich von Europa abwenden. Aber meiner Meinung nach fragt man sich nicht wirklich nach den Ursachen. Die in ihren Ländern verwurzelten Menschen nehmen die Brüsseler Maschine als abstrakt und fern wahr. Da die Bürger nicht nach Brüssel gehen können, muss Brüssel zu ihnen kommen. Eine Initiative wie diese kann dazu beitragen, größere Nähe herzustellen, vor allem bei jüngeren Menschen, die sich für Neues interessieren.
Inwieweit bereichert die Videodokumentation, die die Simulation der großen Energie-Tagung des Europäischen Rates vom 6. März festhält, Ihrer Meinung nach die praktische Erfahrung jener Tage?
Philippe – Als Ausbilder war ich mit demselben Problem wie die Verhandlungspartner konfrontiert: Ich konnte nicht an mehreren Orten gleichzeitig sein. Beim Schnitt habe ich neben meinem eigenen Tagesablauf drei weitere nacherleben können. Dabei verstand ich viel besser, was in dieser Zeit passiert ist. Ich denke, der Film hat die jeweiligen Strategien deutlich gemacht und dem Endergebnis gegenübergestellt. Die Italiener weichen keinen Deut von ihrer Verhandlungsposition ab, die Tschechen versuchen immer, die Tagesordnung zu beeinflussen, die Deutschen warten bis zum letzten Moment, bevor sie handeln. Miriam – Der Film hinterlässt eine konkrete Spur der geleisteten Arbeit - ein gutes Mittel, um unsere Partner davon zu überzeugen, künftige Projekte zu unterstützen. Außerdem ist der Film sicherlich ein hervorragendes Lehrmittel. Die Teilnehmer können im Nachhinein eigene Stärken, Schwächen und Fehler erkennen und Abstand gewinnen. Ophélie – Für die Internet-User grenzt der Film die Gesamtdiskussion auf zwei wesentliche Problempunkte ein: die Finanzierung der Erdgasleitung Nabucco und ihre Stellung gegenüber Konkurrenzprojekten. Er bietet einen guten Überblick über die Verhandlung, den die Teilnehmer während des Geschehens nicht unbedingt hatten.
Könnte ein solches Experiment auf andere Länder ausgedehnt werden?
Ophélie – Inhaltlich hätte die Präsenz einer türkischen und einer amerikanischen Delegation einen Mehrwert gebracht. Darauf haben uns mehrere „Coachs“ aus der Energiebranche hingewiesen. Und es wäre natürlich auch gerechter, die entsprechenden Mittel zu bekommen, um nicht nur 16, sondern 27 europäische Delegationen zusammenzustellen! Miriam – Es wäre denkbar und wünschenswert, diese Erfahrung auszuweiten. Ich möchte das keinesfalls ausschließen. Langsam setzt sich bei den Entscheidungsträgern die Erkenntnis durch, wie wirksam spielerische Elemente Lernprozesse unterstützen können. Philippe – Aber das erfordert wesentlich umfangreichere personelle und finanzielle Mittel sowie Aufnahmestrukturen. Man könnte sich solche Experimente durchaus in gemeinsamen Ausbildungsprogrammen vorstellen.
Das Gespräch führte Claire A. Poinsignon.







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