Das protestantische Preußen wollte mit dem Mittelalter nichts zu tun haben. Der Soldatenkönig verbot seinem Thronfolger, dem späteren Friedrich den Großen, blankweg das Studium des „finsteren“ Jahrtausends. Immanuel Kant, der „perückenbewehrte“ und „weltunerfahrene“ (Johannes Fried) Aufklärer, verdammte es vollends. Es war ihm zu „barbarisch“, „von verkehrtem Geschmack, den man den gotischen nennt und der auf Fratzen auslief.“ Fehlurteile mit fatalen Folgen. Seit über dreihundert Jahren, schreibt Johannes Fried nicht ohne Zorn, habe sich die Diffamierung des Mittelalters ins kulturelle Gedächtnis gebrannt. In seinem Buch „Das Mittelalter. Geschichte und Kultur“ weicht der Frankfurter Mediävist glanzvoll von aller herkömmlichen Historiographie ab.
Ganz neu ist sein Gedanke nicht.Wie er ihn allerdings umsetzt, fasziniert. Er bekennt sich zur „striktesten und notgedrungen subjektiven Auswahl“ der historischen Fakten und Personen unter „Vermeidung der herkömmlichen Abstraktionen Ritter, Bürger, Mönch“. Er zentriert seine „Erzählung“ – ohne den historischen Gesamtzusammenhang zu vernachlässigen - auf bestimmte Könige, Päpste, Denker, Forscher. Zum Beispiel auf den legendären Stauferkaiser Friedrich II., der „als gewinnende, ja bezaubernde Persönlichkeit“ geschildert worden sei, „die seinem Hof einen einzigartigen Glanz“ verliehen hätte. Von überallher habe er Gelehrte und Dichter angezogen. Oder auf den hochgebildeten Karl IV auf dem Prager Hradschin. Oder den unseligen Papst Gregor den IX, der den Dominikanern die Inquisition übertrug, seinen schwarz-weiß gefleckten Jaghunden des Herrn; „Domini Canes“.

von Johannes Fried
Verlag: C.H. Beck
September 2008
ISBN-13: 978-3406578298

Kant und die deutschen Aufklärer sahen nicht, dass das, was nach dem Niedergang des weströmischen Reiches an Schriftlichem auch aus der griechischen Antike noch nicht verloren war, von den Goten und später in fränkischen Klöstern gerettet wurde. Es waren auch die Goten, die nach der Eroberung und Plünderung Roms im Jahr 420 der dahinsiechenden römischen Antike zur Erneuerung verhalfen. Die weströmische Rechtswissenschaft zum Beispiel sei „längst entschlafen“ gewesen, im Mittelalter jedoch wiederbelebt worden. Das Antikenbild der Renaissance ruht somit auf frühmittelalterlichen Schultern. So wurden auch die Werke des Aristoteles nach und nach wiederentdeckt und ins Lateinische übersetzt – mit allergrößter Wirkung. Vor allem die Übersetzung der „Politica“ sorgte für ein wissenschaftliches Politikverständnis im späten Mittelalter.

ARTE widmet der mythischen Epoche im Februar den Schwerpunkt "Ritter, Pfaffen, Knechte - Leben im Mittelalter" mit zwei Spielfilmen und zwei Themenabenden.
Der Themenabend "Geduldet, verdächtigt, verfolgt - Juden im Mittelalter" am 8.2.2009 wirft einen Blick auf jüdisches Leben am Rhein und präsentiert den Spielfilmklassiker "Ivanhoe" mit Robert Taylor in der Hauptrolle.
Der zweite Themenabend "König Artus" am 15.2.2009 forscht nach der wahren Geschichte des König Artus: eine mittelalterliche Detektivgeschichte.

Die Lust auf Erkundung der Welt
Das Mittelalter, schreibt Fried, habe nicht nur den „Bürger“ erfunden, sondern auch die politische, soziale und Gedankenfreiheit. Die Freiheitsforderung sei zu einem Postulat der europäischen Geschichte geworden. Es habe auch die „Globalisierung“ eingeläutet, die der Antike seinerzeit noch fern lag. Marco Polo, Kolumbus und vor allem jene unzähligen Kaufherren, die mutig in fernen Ländern Handel trieben und Kenntnisse mitbrachten, waren Vorreiter. Diese Lust auf Erkundung der Welt habe, als typisch europäisch eingestuft, längst vor der „Neuzeit“ bestanden.
Das eminent schöpferische Mittelalter
„In eminentem Maße“ sei das Mittelalter „schöpferisch“ gewesen, und zwar auf fast allen Gebieten: dem der Rechtswissenschaften, der Künste, der Naturforschung, der Wirtschaft, der Kosmologie und Astronomie, des Bauwesens und der technischen Erfindungen. Vor allem der vorher nie dagewesenen rationalen Geldwirtschaft: Bankenwesen, bargeldloser Geldtransfer, Kreditwirtschaft. Die frühe europäische Hochfinanz. Auch unser heutiges System von Universitäten und Schulen geht auf jene Jahrhunderte zurück. Und dann die Entstehung der großen mächtigen Städte, von Frankfurt und Köln bis zum fernen Königsberg im Osten. Ein Denker wie Macchiavelli habe zudem in „Il Principe“ in scharfer Analyse die Tiefen der menschlichen Psyche auszuloten gewußt.
Das vernünftige Denken'
Neben Aristoteles taucht im „Aufbruch“ des mittelalterlichen Abendlands in seine „Vernunftkultur“ als zweiter Name Boethius auf. Dessen im 10. Jahrhundert entdeckte „Anleitung zum Gebrauch der Vernunft“ habe auf die Zeitgenossen revolutionierend gewirkt: Über das „erlernbaren Regeln unterworfene, mithin überprüfbare, korrigierbare und nachvollziehbar logische, dem Kausalitätsprinzip folgende Denken“. Gerade das 10. angeblich dunkelste Jahrhundert, habe sich, schreibt Fried, wie kein zweites Säkulum der europäischen Geschichte mit Logik und Dialektik auseinandergesetzt.
Krisen, Kriege, Kreuzzüge und Inquisition
Fried klammert keineswegs die Rückfälle, die Krisen aus, die das Mittelalter immer wieder schüttelten. Jene unseligen wilden Machtkonflikte zwischen Päpsten und Kaisern um die Kaiserkrone und das „Monstrum“ Heiliges Römisches Reich deutscher Nation, das Napolen 1806 mit einem Federstrich endete. Junge Könige starben dafür im malariaverseuchten Italien oder auf den Schlachtfeldern oder – wie der letzte Staufer Konradin - mit 16 Jahren auf dem Schafott in Neapel.
Kriege auch zwischen den Dynastien Europas. Schnell war man gegeneinander im Kampf. Weisheit war selten. Dazu der Wahnwitz der Kreuzzüge. Wahnwitz auch der apokalyptischen Endzeitsängste im Gefolge von Krieg , Pest oder den Mongoleneinfällen, die Erwartung des Antichrists und des Jüngsten Gerichts. Deutlich wurde hier Angst zum Movens für Grausamkeit und Barbarei. Die schlimmsten Judenpogrome fanden statt, Ketzerverfolgungen und Hexenverbrennungen. Terrorakte im Namen Christi: der Inquisition. „Sie war die subtilste, perfekteste, nachhaltigste und unerbittlichste Verfolgung, die bis in die Gegenwart die europäischen Herrschaftssysteme prägen wird, das Spitzelwesen der Inquisition, der Geheimdienste und Folterkammern und GULAGS. Die „persecuting society“ hatte sich damit endgültig formiert.“
Ein Buch, das man, fasziniert, kaum aus der Hand legen kann. Es läßt verstehen, daß Johannes Fried 2006 den Sigmund-Freud-Preis erhielt für exzellente wissenschaftlich Prosa.
Eine Rezension von Ariane Thomalla







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