24/07/08
Das System Louis Malle
Anlässlich des 10. Todestages von Louis Malle sprach das ARTE Magazin mit Renato Berta, der für den Cineasten als Kameramann arbeitete, und bat ihn um eine Nahaufnahme des Meisterregisseurs.
Mit Jean-Luc Godard, Claude Chabrol und Amos Gitai hat Kameramann Renato Berta schon gedreht. Auch für Manoel de Oliveiras neuen Film „O espelho mágico“ (Der Zauberspiegel), der 2005 in Venedig Premiere feierte, stand der 60-jährige, gebürtige Schweizer hinter der Kamera. Louis Malle engagierte ihn für „Auf Wiedersehen, Kinder“ und „Eine Komödie im Mai“. Für ersteren erhielt Renato Berta den französischen Filmpreis „César“.
Herr Berta, Sie haben im Laufe Ihrer Karriere über 100 Filme gedreht – da können Sie sich vermutlich nicht mehr an alle Dreharbeiten erinnern, oder?
Ich hatte das Glück, mit vielen Regisseuren zu drehen, die gute Filme machten und keine Ware von der Stange. Die Dreharbeiten mit diesen Regisseuren bringe ich nicht durcheinander – nur die der schlechten Filme (lacht).
Gibt es ein Erlebnis während der Dreharbeiten zu dem im besetzten Frankreich spielenden Louis-Malle-Film „Auf Wiedersehen, Kinder“, das Ihnen besonders in Erinnerung geblieben ist?
Ja. Die Wehrmachtsoldaten wurden von deutschen Studenten gespielt. Das waren alles Pazifisten, die gar nicht wussten, wie man eine Waffe hält. Da gibt es diese Szene, in der ein großer deutscher Soldat den jüdischen Schüler Jean Bonnet in den Schlafsaal bringt und ihn antreibt, den Koffer zu packen. Ohne Louis Malle etwas zu sagen, schlägt Bonnet plötzlich dem Soldaten vor, die Szene einmal umgekehrt zu spielen: Er nimmt das Gewehr und der Soldat soll sich ergeben. Louis ruft „Action!“. Der Soldat betritt mit erhobenen Händen den Schlafsaal. Wir haben uns gebogen vor Lachen. Louis war zuerst irritiert, aber dann fing auch er an zu lachen. Kinder entdramatisieren alles.
Neben solchen Momenten voller Situationskomik gab es beim Dreh von „Auf Wiedersehen, Kinder“ sicherlich auch sehr bewegende Momente, wie etwa bei der Schlussszene – als die Jungen mit ansehen müssen, wie ihre drei jüdischen Mitschüler und der Leiter des katholischen Internats abgeführt werden?
Es war tatsächlich ein sehr emotionaler Moment, als alle Kinder und der Gestapo-Chef im Hof standen. Während der Kamerafahrt von rechts nach links herrschte ein so betroffenes Schweigen, wie ich es nie zuvor an einem Set erlebt hatte.
Sie haben nicht nur mit Louis Malle gedreht, sondern auch mit anderen berühmten Cineasten wie Claude Chabrol oder Manoel de Oliveira. Sehen Sie große Unterschiede in der Arbeit mit diesen Regisseuren?
Auf jeden Fall. Das Spezielle an der Arbeit des Kameramanns ist ja, dass man das Thema verstehen muss und versucht, sich dem Film zu nähern, den der Regisseur im Kopf hat. Es wird schnell klar, auf welche Weise welcher Regisseur funktioniert. Ein und dasselbe Wort besagt aus dem Munde unterschiedlicher Regisseure nicht unbedingt dasselbe.
Wie funktionierte das System Louis Malle?
Louis Malle hatte sehr starke Themen. Das Drehbuch zu „Auf Wiedersehen, Kinder“ beruhte auf Erlebnissen aus seiner Kindheit. Die Erinnerung an das Schicksal seines jüdischen Freundes, der die Vorlage für den Jean Bonnet im Film lieferte, hat ihn gequält. Das konnte er einfach nicht verdrängen. Es gefiel ihm, den Film auf der Grundlage des Drehbuchs zu entdecken, sich langsam vorzutasten. Es gab nur wenige von vornherein festgelegte Vorgaben an das Team.
Louis Malle hat seine Filme selbst produziert. Wie wirkte sich das auf die Dreharbeiten aus?
Er hatte dadurch einen Ansprechpartner weniger. Er konnte das Geld nach seinem eigenen Gutdünken einsetzen und auch Entscheidungen treffen, die nicht nur wirtschaftlich erscheinen.
Können Sie dafür ein Beispiel geben?
Als wir „Eine Komödie im Mai“ drehten, wollte er immer alle Hauptdarsteller vor Ort haben – um seine Vorstellungen und den Drehplan jederzeit ändern zu können. Es ging also nicht, dass die Schauspieler ankamen, drei Stunden blieben und dann zum nächsten Dreh flogen. So rührten sich die fünf Hauptdarsteller während der Dauer der Dreharbeiten nicht vom Fleck, für den Fall, dass sie gebraucht würden. Das war nicht „wirtschaftlich“, aber gut für die Qualität des Films.
„Eine Komödie im Mai“ spielt auf dem Landsitz einer bourgeoisen französischen Familie, die sich zu einer Beerdigung versammelt hat. Die in Paris tobende Studentenrevolte vom Mai 1968 bringt auch die Familie durcheinander. Haben die Dreharbeiten Ende der 1980er Jahre Ihre Einstellung zum Mai 68 verändert?
Diese Zeit war sehr heftig in Frankreich, aber auch sehr sympathisch. Ich habe sie nicht selbst erlebt, weil ich damals in Rom war. Der Filmdreh hat meine Sichtweise schon etwas verändert. Ich wusste nicht, dass es Menschen in der Provinz gab, die über die Ereignisse wirklich schockiert waren und richtige Angst hatten. Man kann es seltsam finden, wie sich die Familie im Film benimmt. Aber auch wenn ihre Reaktion übertrieben ist, bleibt sie stark von der Realität geprägt.
Hinter der Kamera haben Sie sicherlich einen genaueren Blick auf alle anderen Personen am Set gehabt. Wie beschreiben Sie die Person Louis Malle?
Er war sehr herzlich. Und anstelle von reinen Handlangern hatte er gerne wirkliche Mitarbeiter um sich: Es gefiel ihm sehr, sich mit Verbündeten zu umgeben.
Das Gespräch führte Susanne Schmitt für das ARTE Magazin
Erstellt: 27-10-05
Letzte Änderung: 24-07-08