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29/08/08

Das West-Eastern Divan Orchestra

Einmal im Jahr kommen die 80 Mitglieder des West-Eastern Divan Orchestra zu einem mehrwöchigen Workshop zusammen und gehen anschließend gemeinsam auf Tournee. Doch bei allen begeisterten Kritiken ist es nicht allein die Musik, die dieses Ensemble so einzigartig macht...

Lässt man die jungen Künstler selbst zu Wort kommen, wird rasch deutlich, was das West-Eastern Divan Orchestra für sie bedeutet.
„1999 war ich hier der Jüngste und noch ziemlich naiv“, berichtet ein Orchester-Mitglied. „Israelis waren für mich noch nicht einmal Menschen. So habe ich das als kleiner Junge gesehen: Mit denen befasst man sich nicht, die müssen ausgeschlossen werden. Alles, was wir in Jordanien von ihnen wahrnahmen, war das Töten und äußerste Brutalität. Und hier traf ich Leute, die dieselben Interessen hatten wie ich und ein relativ ähnliches Leben führten. Das veränderte meine Vorstellung davon, was einen Menschen ausmacht.

Sieben Jahre ist es mittlerweile her, dass Daniel Barenboim, Sohn russisch-jüdischer Emigranten, und der mittlerweile verstorbene palästinensische Intellektuelle Edward Said den Entschluss fassten, ein Orchester zu gründen, in dem vermeintliche Feinde Seite an Seite einträchtig miteinander musizieren sollten: junge Menschen aus Israel, Palästina und den arabischen Staaten des Nahen Ostens. In Anlehnung an Johann Wolfgang von Goethes berühmte Gedichtsammlung nannten die beiden Freunde ihr Projekt West-Eastern Divan Orchestra. „Goethe war einer der ersten Deutschen, der wirklich an anderen Ländern interessiert war“, erklärt Barenboim. „Als er Arabisch lernte, war er über 60 Jahre alt.“

Neugier auf andere Kulturen, Offenheit und Toleranz
Diese sind Werte, für die auch das West-Eastern Divan Orchestra steht. Dass das Ensemble seine Konzert-Premiere 1999 in der damaligen europäischen Kulturhauptstadt Weimar feierte, dürfte ebenfalls nicht ganz unschuldig an der Namensgebung gewesen sein.
Seit der Premiere in Weimar sind Daniel Barenboim und sein interkulturelles Jugend-Orchester durch zahlreiche Ländern gereist: Deutschland, Spanien, Frankreich, Großbritannien, Schweiz, USA … Die Reaktionen waren einhellig positiv: „Simply sensational!“, befand etwa der britische Independent. „A success story from discord of Middle East brings harmony.“ Mit seinem Auftritt in Rabat / Marokko im Jahr 2003 gastierte das Orchester erstmals in einem arabischen Land.

Harmonie zwischen Israelis und Arabern

Ein Wunder, möchte man angesichts des Nahost-Konflikts meinen. Was empfinden die Musiker dabei, wenn neben ihnen ein „Feind“ Platz nimmt? „Ich glaube, eines der größten Probleme zwischen Israelis und Palästinenser ist, dass beide in ihrer eigenen Welt leben und nichts von dem anderen wissen“, sagt ein Ensemble-Mitglied. Dieses Nicht-Wissen endet in dem Moment, in dem sich die Mitglieder der beiden verfeindeten Gruppen endlich kennen lernen – zum Beispiel im West-Eastern Divan Orchestra. „Wenn ich als Musiker die Möglichkeit habe, Kontakte zu stiften, warum soll ich es dann nicht tun, hier und jetzt?“, fragt Daniel Barenboim.
Er hat es getan, tut es immer noch, und die jungen Musiker machen Erfahrungen, die Hoffnung für den Nahen Osten machen: „Wir sehen: Es ist möglich, miteinander zu kommunizieren, es ist möglich, etwas ganz Besonderes aufzubauen“, konstatiert einer der beteiligten Künstler, und ein anderer ergänzt: „Diese Form der Zusammenarbeit gibt jedem einzelnen die Möglichkeit zu erfahren, dass der andere mir gar nicht so fern ist.“
„Wir sind alle Menschen, und es gibt keine Mauer zwischen uns“, betont ein Mädchen. „Doch wenn wir nach unserer Tour in unsere Heimat zurückkehren, steht dort eine Mauer, die jeden Teil von Palästina umschließt.“

Natürlich weiß auch Daniel Barenboim, dass sein Orchester allein den Nahost-Konflikt nicht lösen wird. „Aber das gemeinsame Musizieren hat unser aller Leben verändert“, unterstreicht der Dirigent die Bedeutung des Ensembles. Nicht wenige Mitglieder haben die Hoffnung, dass dieses veränderte Denken Schule machen wird. Dass die Musiker nach der Rückkehr in ihre Heimat ihren Freunden und Familien deutlich machen: „Es ist möglich, mit dem ,Feind’ zu kommunizieren. Er ist eigentlich gar nicht der Feind.“

Auf Grund der angespannten Lage im Nahen Osten ist es für viele Künstler nicht leicht, an den Workshops und Konzertreisen teilzunehmen. Doch mit viel Engagement nehmen sie alle Mühen auf sich – um Musik zu machen, neue Eindrücke zu sammeln, Freunde wieder zu sehen und der Welt deutlich zu machen: Ein friedliches Miteinander von Israelis und Arabern ist möglich. Man muss ihnen nur die Chance dazu lassen.



"Das eigentliche Ziel wird erst erreicht, wenn das Orchester in all jenen Ländern konzertieren kann, aus denen die jungen Musiker stammen. Dieses Konzert in Ramallah ist ein enorm wichtiger Schritt auf diesem Weg." - Daniel Barenboim

Erstellt: 10-08-05
Letzte Änderung: 29-08-08