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Stanley Kubrick

Filmen, was noch niemand sah : Stanley Kubricks Kino der Grenzüberschreitungen. Interaktive Animation: Durchlaufen Sie die Filmographie von Stanley Kubrick in (...)

Stanley Kubrick

Stanley Kubrick - Reihe - 01/03/03

"Das Wort Genie war verboten...."

Rückblick: Interview 2003


Interview mit Jan Harlan, Autor und Regisseur des Dokumentarfilms: „Stanley Kubrick – A life in pictures“ (USA 2001, 136 Min.) und Schwager Kubricks.

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ARTE: Herr Harlan, Sie beginnen Ihren Film über Werk und Leben von Stanley Kubrick mit einer schnellgeschnittenen Sequenz im Walzerrhythmus. Da denkt man sofort auch an den Donau-Walzer aus „2001 - A Space Odyssey“. Hatte Stanley Kubrick eigentlich eine besondere Beziehung zur Walzermusik?
Jan Harlan: Er liebte den Walzer und hat immer versucht, einen Walzer in seine Filme einzubauen. Das ist ganz kurios, z.B. bei dem Film „A. I.“ (Artificial Intelligence), den wir ja noch vorbereitet haben, und den er dann nicht mehr drehen konnte – Steven Spielberg hat den Film nach Stanley Kubricks Tod gemacht – da hatten wir den Rosenkavaliers-Walzer von Richard Strauss bereits vorgesehen. Das war auch schon im Text verarbeitet. Das wäre also unser Hauptthema geworden, dieser Walzer aus dem Schlussakt von der „Der Rosenkavalier“.


Die Musik hat ja auch immer eine ganz zentrale Rolle gespielt in Stanley Kubricks Filmen. Am Anfang war er auch vom Jazz fasziniert. Was bedeutet für ihn die Musik im Film?
Er war einfach ein großer Musikliebhaber. Es war für ihn Erholung und er hat eigentlich immer Musik gehört. Er ging nicht so gerne in Konzerte, weil er nicht so gerne wegging. Er hat aber sehr viele Schallplatten gehört und kannte sich sehr sehr gut aus. Ganz seinem Temperament entsprechend, verliebte er sich dann geradezu in manche Stücke und hörte diese dann von morgens bis abends. Ich erinnere mich an eine Zeit, da war Brahms „Requiem“ dran. Und wann immer ich in sein Büro kam, lief da Brahms „Requiem“, wie in einer Schleife. Dann wurde dies wieder weggelegt und dann kam ein Schubert-Quintett oder was es auch war, immer wieder etwas anderes, das aber dann ganz intensiv, bis er es völlig auswendig kannte.


Sie haben über 30 Jahre lang mit Stanley Kubrick zusammengearbeitet und gehören auch zum engeren Familienkreis. Wann haben Sie denn beschlossen, einen Film über Stanley Kubrick zu machen ? Konnten Sie das noch mit ihm selbst besprechen?
Nein. Das kam erst viel später. Nach seinem sehr überraschenden Tod musste ja erst mal „Eyes Wide Shut“ fertig gestellt werden. Da war gar keine Zeit dazu da, an was anderes zu denken. Und als das dann fertig war, hat Warner Brothers mich gebeten darüber nachzudenken, einen umfassenden Dokumentarfilm über Kubrick zu machen. Denn das würde auf alle Fälle gemacht, von irgend jemand, das wäre gar nicht zu verhindern gewesen. Mit Warner Brothers selbst war das natürlich viel besser zu machen, weil man die Unterstützung hatte und den Zugriff auf das ganze Material. Ich habe das auch mit meiner Schwester Christiane Kubrick besprochen, und wir waren dann der Meinung, dass es am besten ist, wenn wir das machen. Denn man muss das ja unterstützen, auch wenn es jemand anderes macht. Es geht nicht, dass man versucht das zu blockieren, das hätte auch gar keinen Sinn gehabt. Folglich haben wir das begonnen, und nach ein paar Wochen habe ich mich dem dann auch mit großer Freude gewidmet.


In der Öffentlichkeit gibt es das Bild von Kubrick als eher scheues und unnahbares Genie. Als Schwager und Mitarbeiter hatten Sie da besondere Möglichkeiten für einen Film über ihn. Aber diese persönliche Nähe kann ja für die Arbeit auch problematisch werden. Wie hat sich das auf Ihren Film ausgewirkt?
Das kann ich natürlich gar nicht beurteilen, denn diese Nähe ist ja immer da. Das ist also theoretisch. Ich habe sehr lange mit ihm gearbeitet, das stimmt. Ich hatte ihn allerdings kennen gelernt schon zu einer Zeit, da hatte ich nicht das geringste Interesse mit ihm zu arbeiten. Zehn Jahre lang habe ich ihn regelmäßig gesehen, und wir haben eigentlich meistens über Musik gesprochen oder Tischtennis gespielt oder mit den Kindern gespielt. Dann ergab es sich durch einen Zufall, ich lebte damals in Zürich. Er bereitete damals einen Film über das Leben von Napoleon vor, in Rumänien. Da sprach er mich an, ob ich mit ihm ein Jahr lang arbeiten und mit nach Rumänien gehen wollte. Meine Rolle wäre vor allem gewesen, die Verbindung zu den Militärbehörden herzustellen. Wir hatten dort eine große Kavallerie zur Verfügung, einschließlich der ganzen Mannschaften und Offiziere usw., um die großen Feldzüge Napoleons zu drehen. Nun, dann kam ich also nach England, meine Frau und ich hatten gesagt, ok das machen wir. Nur leider hat es dann nicht geklappt mit dem Film über Napoleon. Stanley und ich kamen aber sehr gut miteinander aus, es hat sehr viel Spaß gemacht, und so habe ich beschlossen, dabei zu bleiben, praktisch einen neuen Beruf zu erlernen. Dann einige Jahre später, von der Arbeit an Barry Lyndon an, habe ich das getan, was ich schon immer gemacht habe. Da war dann auch eine große Nähe, eine völlige Vertrautheit während des gesamten Arbeitsprozesses. Als ich dann meinen Dokumentarfilm über ihn machte, gab es eine solche Fülle von Eindrücken und gemeinsamen, alltäglichen Erfahrungen, dass es vor allem darum ging, wegzulassen und auszusortieren. Ich wollte auch nicht indiskret sein, denn wie Sie schon richtig sagten, er war niemand, der in der Öffentlichkeit lebte. Scheu ist vielleicht nicht das richtige Wort, er war einfach sehr konzentriert auf seine Arbeit. Er hatte aber auch einen sehr lebendigen Haushalt, viele Leute kamen immer zu ihm, seine Töchter und die ganzen Freunde waren da. Er war einfach nur jemand, der nicht gerne wegging, es fand alles in seinem Hause statt. Das Wort „Genie“ war ohnehin verboten. Er sagte immer, es sei eine schreckliche Ausrede, und er zitierte gerne Johann Sebastian Bach, der mal gesagt hat: „Genie sei 10 Prozent Begabung und 90 Prozent harte Arbeit“. Das hat er auch für sich in Anspruch genommen.

Es wird in Ihrem Film auch deutlich, in den wenigen Privataufnahmen, die es da gibt, dass Kubrick auch voller Humor war, und sehr lustig sein konnte.
Ja, er lebte geradezu von Witz und Humor und Schalk. Oft hatte er einen sehr schwarzen Humor, das spielte eine ganz große Rolle bei ihm.


Mehrfach gibt es in Ihrem Film auch Szenen die zeigen dass Stanley Kubrick auch ein begeisterter Schachspieler war. War seine Arbeitsweise auch so strategisch wie beim Schach? Jeden Schritt präzise vorausplanen?
Ich weiß nicht, ob man das direkt so vergleichen kann. Was sicherlich richtig ist, ist, dass er alle Optionen immer prüfte, bevor er sich festlegte. Das stimmt. Aber dazu gehörte auch, dass er sich die Freiheit nahm, sein Drehbuch immer wieder zu verändern. Wir waren sehr wenige Leute beim Drehen, wir waren auch sehr langsam, äußerst langsam. Aber dadurch, dass wir so sparsam gearbeitet haben, konnten wir uns das leisten. Also, eine typische große Filmproduktion hat an einem Tag so viel Geld ausgegeben, wie wir in einer Woche. Sonst wäre das gar nicht möglich gewesen, so zu arbeiten, wie er das nun mal liebte.

Die Faszination, die von Kubricks Gesamtwerk ausgeht, beruht vielleicht auch darauf, dass jeder seiner Filme nicht nur ein anderes Sujet aufgreift, sondern dass auch eine andere Erzählhaltung gewählt wird. Waren das ganz bewusste Entscheidungen für die jeweils neuen, anderen Stoffe?
Bewusste Entscheidungen waren es schon, denn es war immer ganz schwierig für ihn, sich überhaupt auf einen neuen Film festzulegen. Also bewusst war es auf alle Fälle. Allerdings sind die Filme gar nicht so unterschiedlich, wie sie zunächst erscheinen. Denn da ist schon ein gemeinsamer Nenner zu finden. Was ihn immer interessierte, das ist die menschliche Eitelkeit und Dummheit. Dieses Thema zieht sich durch all seine Filme hindurch. Deswegen hat ihn ja auch Napoleon so interessiert. Es hat ihn immer fasziniert, dass ein so begabter Mann wie Napoleon, der einen solchen Erfolg hatte, schließlich an den eigenen Emotionen scheiterte. Denn Napoleons Untergang ist selbstverschuldet. Dieses Thema interessierte Stanley am meisten. Aber in dieser Beziehung war er auch sehr vorsichtig, denn er meinte, das sei die Achillesverse der gesamten Menschheit. Dass wir nicht von unserem Verstand, oder von unserem Wissen, oder von unserer Bildung, oder von unserer Logik letztlich bestimmt und geleitet werden, sondern von den Emotionen, besonders wenn es darauf ankommt.

Ihr Film wurde schon im Jahre 2000 fertig gestellt. Würden Sie aus heutiger Sicht noch was hinzufügen, oder etwas ändern?
Nein, eigentlich nicht. Was mir an dem Film selbst gut gefällt, das ist, dass die meisten Leuten nachdem sie ihn gesehen haben, finden, sie müssten selbst noch einmal die Kubrick Filme anschauen. Das befriedigt mich am meisten. Wenn man einen Film über einen Künstler macht, dann muss das Kunstwerk im Vordergrund stehen und nicht seine private Person. Seine Filme, sein Werk ist es, was ihn ausmacht.

Jan Harlan, vielen Dank für das Gespräch.



Das Interview führte Thomas Neuhauser am 26. 2. 2003

Erstellt: 26-10-07
Letzte Änderung: 01-03-03