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Ornela Vorpsi - 21/03/07

Das ewige Leben der Albaner

Die Frauen sind Huren. Alle. Nur die hässlichen nicht. Wer ins Lager deportiert wird, muss dagegen schwul sein. Ihm gehören die Zähne ausgeschlagen, er muss auf der bloßen Erde schlafen. Schönheit wie Besitz wecken Verdacht und werden irgendwann mit Deportation geahndet. Elektrokabel sind praktisch: Man kann Wäsche an ihnen aufhängen. Oder Menschen. Ornela Vorpsi erzählt in „Das ewige Leben der Albaner“ von einer Jugend in dem vergessensten Land Europas. Es ist ein schrecklich überzeugendes Debüt.

Gute Länder haben Märchen, schlechte nicht. Oder nur Märchen, in denen heroische Partisanen nach viehischer Folter mit einem Grußwort an die Partei, das den verbohrtesten Nazi ins Grübeln bringt, in den Kommunistenhimmel aufsteigen. Enver Hoxhas Albanien, von dem Ornela Vorpsi in ihrem faszinierenden Debüt „Das ewige Leben der Albaner“ erzählt, kennt nur solche Märchen. Es braucht keine strahlenden Prinzen und furchtlosen Burschen, wo hier doch jeder ein unsterblicher Held, eine unsterbliche Heldin ist und seine wie ihre Gedanken fast ausschließlich um das Geschlecht der Frau kreisen. Wo schon Mädchen, wenn sie attraktiv sind, von Eltern und Verwandten mit nur halbem Bedauern ihr Schicksal weisgesagt wird: „Ein hübsches Mädchen ist eine Hure, ein hässliches – die Ärmste! – ist keine.“

Archaischer Bann
Dieses Albanien ist ein verwunschenes Märchenland hinter den sieben europäischen Bergen, wo nach vielen Mühen kein irgendwie gearteter Lohn winkt – vielmehr gibt es dort nur die alltägliche Fron sowie ihre Stiefschwestern Hass, Niedertracht, Brutalität, Gier und Gewissenlosigkeit. Und nicht zuletzt „Mutter Partei“, die wie ein unerforschliches, immer aber grausames Schicksal die Landeskinder prügeln, deportieren und erschießen lässt, wenn diese ihr nicht zuvorkommen und selbst Hand an sich legen. Das von kleinen Betonbunkern übersäte Land liegt erstarrt unter einem archaischen Bann. Niemand will ihn brechen. Die Albaner lieben ihre Heimat.
Ornela Vorpsi lässt ein Mädchen an der Schwelle zum Frausein befremdete Blicke auf die albanische Gesellschaft werfen: Das unvermeidliche Hurenschicksal sagt ihr die Tante voraus. Der Vater zwingt sie immer wieder, ihn zu küssen. Eines Tages wird er in ein Lager deportiert, auch sein bester Freund hat gegen ihn ausgesagt. Weil er das Volk aufzuhetzen versucht hat durch die Vermutung, es gäbe im nächsten Jahr zu wenig Kartoffeln? Weil ein Parteifunktionär die schöne Mutter vögeln wollte? Wer weiß. Eine Anklage gibt es nicht. Die Familie schmäht den politischen Gefangenen bald als „Schwulen“ und hält der Tochter vor, auch sie trage „es“ „im Blut“ und werde mit ihm ein Geschäft gründen: „Vater & Tochter: Arsch zu verkaufen – Liebesdienste aller Art.“ Derweil sterben Frauen in der Nachbarschaft an illegalen Schwangerschaftsabbrüchen, doch nicht einmal ihre Kinder trauern um sie: „Hure“ nennen auch sie ihre tote Mutter und spucken aus.

Orgie der Rohheiten
Diese Aufzählung von Grausamkeiten ließe sich ohne Mühe fortsetzen. Die nur wenige Seiten langen Erzählungen, vom Verlag zum Roman nobilitiert, reihen sie ohne Ende aneinander. Die Erzählerin unterlässt Erklärungen oder Distanzierungen, so dass sich zunächst der Eindruck einer Sozialreportage aus dem finstersten Verließ Europas einstellt, dann der einer feministischen Kampfschrift, deren Furor nur zu verständlich ist angesichts der physischen und psychischen Zudringlichkeiten gegenüber Frauen. Oder handelt es sich um einen symbolisch aufgeladenen Realismus, um Genreszenen aus der Hölle?
Es ist von allem ein bisschen und dazu eine unnachsichtige Abrechnung, gewidmet „dem Wort Bescheidenheit, das im albanischen Wörterbuch nicht vorkommt. So ein Mangel kann sonderbare Auswirkungen haben auf die Entwicklung eines Volkes“, heißt es dräuend im Motto. Und nicht zuletzt ist das Buch die Geschichte einer Befreiung: nicht zufällig wurde es auf Italienisch verfasst. Vorpsi lässt in der fremden Sprache nicht nur den knarrend archaischen Legendenton eines Ismail Kadaré, der sein kleines Land vom Pariser Exil aus bisher fast im Alleingang literarisch vertreten hat, hinter sich. Die 1968 in Tirana geborene Frau, die an der albanischen Akademie der Schönen Künste studiert hat, 1991 nach Mailand ausreiste und seit 1997 in Paris als Fotografin, Malerin und Videokünstlerin lebt, erzählt auch auf raffinierte Weise. Oft verschränkt sie zwei Erzählstränge, die nur auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben, mit einer Fülle von Bildern ineinander. Revolution und Sinnlichkeit stoßen darin aufeinander, die Endlosigkeit des Universums und die parteitreue Haltung, der Darwinismus und die kindliche Suche nach dem Schatz im heimischen Garten. Sarkastisch kommentiert die Überschrift „Sinnliches Albanien“ eine Orgie der Rohheiten, und in einer Erzählung von zwei schönen und geheimnisvollen Nachbarsfrauen erweisen sich Elektrokabel als roter Faden. Denn in „Albanien, wo es an so manchem fehlt, müssen sie für vieles herhalten“: Kabel dienen als Wäscheleine, unter der die Frauen, halb durch die nasse Wäsche verborgen, Sonnenbäder nehmen, und später, nach ihrer Deportation ins Lager, zum Erhängen.

Unsterbliche Verdammte
Als literarische Ahnen kommen weniger die von Vorpsi erwähnten russischen Autoren Turgenjew, Lermontow, Jessenin und Tschechow in Frage. Eher denkt man an Dostojewskis „Aufzeichnungen aus einem Totenhaus“ und natürlich die Grimmschen Märchen, in deren Besitz das Mädchen durch Diebstahl kommt. Und nicht zufällig erwähnt die Erzählerin, die am Ende wie die Autorin in das „gelobte Land“ Italien ausreist, schon auf den ersten Seiten Hieronymus Bosch. „Das ewige Leben der Albaner“ ist ein schrecklich überzeugendes Debüt und ein Panoptikum des Grauens. Unsterblich sind seine Verdammten, weil sie in der Hölle leben. In der geliebten Hölle.

Eine Rezension von Jörg Plath

Erstellt: 21-03-07
Letzte Änderung: 21-03-07