(2008, Frankreich, 95 Min.)
Mit Léa Seydoux, Louis Garrel, Grégoire Leprince-Ringuet u.a.
Eine Arte-France-Koproduktion
Synopsis: Die sechzehnjährige Junie (Léa Seydoux) kommt nach dem Tod ihrer Mutter mitten im Schuljahr auf ein neues Gymnasium. In ihrer Klasse ist auch ihr Cousin Mathias, der sie seiner Clique vorstellt. Bald schon werben mehrere Jungen um Junies Gunst, und sie wird die Freundin des zurückhaltendsten von ihnen, Otto (Grégoire Leprince-Ringuet). Kurz darauf lernt sie ihre große Liebe kennen: ihren Italienischlehrer Nemours (Louis Garrel). Doch die Leidenschaft, die zwischen ihnen entbrennt, hat keine Zukunft: Junie will ihren Gefühlen nicht nachgeben, denn Glück ist für sie nur eine Illusion.
Kritik: „La Belle personne“ beruht auf dem Roman „La Princesse de Clèves“ von Madame de Lafayette, doch es ist keine Adaptation im strikten Sinne. Während die Handlung der Buchvorlage am französischen Königshof des 16. Jahrhunderts angesiedelt ist, spielt „La Belle personne“ im Schulhof eines modernen Gymnasiums im vornehmen sechzehnten Arrondissement von Paris. Christophe Honoré, der sich als Vertreter einer anderen Generation fühlt, beschäftigt sich in seinem neuen Film mit Jugendlichen von heute, die in Liebesdingen ein besonders komplexes Verhalten an den Tag legen.
Das Paris außerhalb der Schule stellt der Regisseur ganz aus der Sicht der Protagonisten und in einer Weise dar, die an ein Würfelspiel erinnert: Erst zieht man drei Felder nach vorn bis zum Haus eines Freundes, dann geht es wieder zwei Felder zurück zum Treffen mit einem Bekannten in einer Bar. Lehrer ebenso wie Schüler geben sich nicht selten auf einer Parkbank ein Stelldichein – und das ist nicht nur als Hommage an die Schlussszene von François Truffauts „Geraubte Küsse“ (1968) zu verstehen!
Was den Schulhof betrifft, so hat man hier wirklich den Eindruck, „bei Hofe“ zu sein. Nicht so sehr wegen des Stils und des Auftretens der Personen, als vielmehr durch die Art, wie die Figuren ihrer eigenen Handlungslogik folgen – eine leicht geheimnisvolle und deshalb verlockende Haltung, wie bei einem Club, zu dem Außenseiter nur schwer Zugang haben. Auf dem Schulhof wie im Klassenzimmer findet Christophe Honoré mit filmischen Mitteln ein wahrhaft meisterliches Pendant zu dem, was Madame de Lafayette einst mit ihrer Feder ausdrückte: eine Welt voller Finesse und Ungewissheit, die zugleich überaltert und aktuell erscheint.
Allerdings sei angemerkt, dass der Anblick eines Plattenspielers in einem heutigen Klassenzimmer den Zuschauer doch etwas erstaunt (auch wenn die Schulen in Frankreich bekanntlich unter notorischem Geldmangel leiden, selbst im schicken sechzehnten Arrondissement). Umso mehr, als in der darauffolgenden Szene ein Handy eine wichtige Rolle spielt. Noch erstaunlicher ist die Verwendung der Songs von Nick Drake, dem entschlafenen Barden aus Tamworth-in-Arden. Die oft eingesetzte, heute überaus bekannte Musik trägt die Atmosphäre des Films hervorragend und begleitet das verliebte Gebaren der jungen Helden bestens. Drake war früher ein „Geheimtipp“; in „La Belle personne“ wird er erneut zum Geheimtipp aller Jugendlichen, denen das Gymnasium einmalige Begegnungs- und Beziehungsmöglichkeiten bietet. Bei Christophe Honoré haben die in Liebesdingen schwankenden Jugendlichen wirklich die Qual der Wahl.






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