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Kino-News

Schön anzuschauende, aber oberflächliche Verfilmung des Colette-Romans, mit großen Schauspielern, die in schönen Kostümen amüsante Dialoge sprechen.

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Kinostart 08. März 2008 - 06/03/07

Das wahre Leben

Ein Film von Alain Gsponer


Dekonstruktion einer Wohlstandsfamilie

Deutschland/Schweiz, 2006, 108 Min.
Mit Katja Riemann, Ulrich Noethen, Hannah Herzsprung, Joseph Mattes, Volker Bruch

Synopsis: Roland Spatz (Ulrich Noethen) ist Risikokapitalmanager. Ein normaler Arbeitstag hat für ihn um die 14 Stunden. Als er plötzlich entlassen wird, setzt er sich nach 12 Jahren erstmals wieder mit seiner Kleinfamilie auseinander. Doch seine Frau Sybille, die lustlos ihre Galerie mit moderner Kunst führt, sein 19-jähriger Sohn Charles und der 15-jährige Linus sind es gewohnt, ihre eigenen Wege zu gehen, und wollen dabei nicht von ihrem Vater gestört werden.

Kritik: Mit großem Genuss startet der Exilschweizer Alain Gsponer seine Versuchsanordnung: Was passiert, wenn ich zu einer sorgfältig ausbalancierten Kleinfamilie (Mutter, zwei Kinder) eine Überdosis Vater dazugebe? Das Gemisch implodiert bevor es explodiert.

Mit großartigen, bitterbösen Dialogen - die den Drehbuchautoren Matthias Pacht und Alex Buresch zu verdanken sind - dürfen die einzelnen Familienmitglieder übereinander herfallen. Die eiskalte, zickige Galeristin Sybille die das Sagen im Haus hat wird wunderbar von der dafür dunkel eingefärbten Katja Riemann verkörpert. Der gerade mal erwachsene Sohnemann Charles feiert sein Coming Out: ausgerechnet beim Bund entdeckt er, dass er schwul ist. Der kleine Bruder Linus experimentiert derweil mit seinem Chemielabor. Er baut zum Zeitvertreib lustige kleine Bomben, und sprengt damit alles Mögliche in seiner näheren Umgebung: Vogelhäuschen, Briefkästen und schließlich die Michelangelo-Statue aus Nachbars Garten.

Überhaupt scheint erst mal beim Nachbar das bessere Leben statt zu finden. Doch bei genauerem Hinsehen entpuppt sich gerade diese Idylle als mehrfach explosiv: Seit dem Tod des Sohnes ist Mutter Krüger nicht mehr ansprechbar. Florina ist quasi zur allein erziehenden Tochter geworden, doch die Pubertierende ist von ihrer neuen Rolle mehr als überfordert. Da nimmt Roland Spatz einmal allen Mut zusammen, geht zum Nachbarn, um ihn um einen Job zu bitten, und landet mitten im Psychodrama: Von oben schreit die Mutter ihren Schmerz heraus, ihr Mann dreht die Anlage lauter, um sie zu übertönen und zerdrückt dabei das Whiskeyglas in seiner Hand fast vor innerer Anspannung. Eine meisterliche Szene. Hannah Herzsprung spielt mitreißend gut die Selbstmord gefährdete aber künstlerisch sehr begabte Tochter Florina, die schließlich in Sybille Spatz Galerie ausstellen wird, und damit das Finale einleiten darf...

Zwischen Komödie und Satire angesiedelt gibt es in DAS WAHRE LEBEN zwar eine kleine Chance auf ein Happy End, doch erst müssen sich alle Beteiligten dem großen Finale stellen, bei dem sich Gsponer austobt, als realisiere er einen poppigen Traum Schlingensiefs: Vater Spatz darf sich nackig machen, mit Farbe besudeln und in den Pool springen und das Familienhaus steht frühmorgens schwarz rauchend im Frühnebel, die Familie davor auf Sofateilen campierend. So was nennt man Katharsis, und danach gehts allen besser: die Kopfschmerzen sind verschwunden und die Quereleien sind überflüssig geworden, denn es gibt für alle was zu tun.

Gsponers Film ist eine präzise, gut beobachtete, fast aus dem alltäglichen Leben gegriffene Geschichte einer gut situierten Kleinfamilie, die an eine deutsche Version von AMERCIAN BEAUTY oder DER EISSTURM denken lässt. Seine erfolgreiche Uraufführung feierte DAS WAHRE LEBEN auf den Filmtagen in Hof, damals noch unter dem besseren, weil griffigeren Titel BUMM! DEINE FAMILIE, DEIN SCHLACHTFELD, der sehr schön den direkten Ton des Films traf.

Nana A.T. Rebhan

Erstellt: 06-03-07
Letzte Änderung: 06-03-07