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Cannes 2008

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Cannes 2008

Cannes 2008 - 29/08/08

Das war Cannes 2008



Viel zu lachen gab es nicht

Entre les murs von Laurent Cantet ...aleae jactae sunt, wussten schon die Römer bei Asterix. Die Würfel sind gefallen, die Preise stehen fest. Die Auswahl der Jury für den Hauptpreis der Goldenen Palme ist zwar unerwartet, aber dennoch nicht überraschend. Nach 21 Jahren darf erstmal wieder ein Landsmann den Hauptpreis entgegen nehmen. Laurent Cantets Entre les murs (Zwischen den Mauern) erzählt von Alltagsproblemen einer multikulturellen Schule in Paris. Anders als sein Regiekollege Nicolas Philibert in seinem Dokumentarfilm SEIN UND HABEN konzentriert sich Cantet mehr auf die zahlreichen Probleme, die der Lehrer und seine Schüler tagtäglich zu bewältigen haben, Hass, Wut, Armut, Gewalt, Eifersucht. Cantet fängt diese Unruhe und Bewegung mit drei Kameras ein - seinem Blick entgeht nichts. Entre les murs ist ein unbarmherziger Blick auf reale Umstände, ein Film, der genau dem Postulat entspricht, das der politisch engagierte Sean Penn - Präsident der Jury – schon vorab für den Gewinnerfilm eingefordert hat: "Dieser Film müsse sich bewusst sein, in welchen politischen Zeiten er lebt". Sicher, Entre les murs ist ein wichtiger Beitrag - liefert er doch mögliche Ansätze für erfolgreiche Problemlösungen. Die Schüler aus dem Film - alle Laiendarsteller - freuten sich und feierten ihren Sieg ausgelassen auf der Bühne des Palais du Festival.

Waltz With Bashir von Ari FolmanSchade ist es aber dennoch, dass Waltz With Bashir keinen Preis gewinnen konnte. Obwohl er bereits zu Beginn des Festivals zu sehen war, galt er bis zuletzt unter vielen Journalisten neben Nuri Bilge Ceylans Die drei Affen und Clint Eastwoods Changeling als einer der Favoriten auf die Goldene Palme. Der im Comicstil gezeichnete Dokumentarfilm bekennt sich klar gegen den Krieg und seine furchtbaren Schrecken, auf eine Art und Weise, wie sie nie zuvor zu sehen war. Waltz With Bashir gründet ein neues Genre: das des persönlichen, animierten Dokumentarfilms. Er ist innovativ und originell zugleich. Waltz With Bashir gibt Regisseur Ari Folman die Möglichkeit, seine verdrängten Kriegserlebnisse des ersten Libanonkrieges 1982, seinen Horror und seine Erinnerungen, seine Träume und seine Wirklichkeit mit einzubeziehen in diesen sehr persönlichen Film. Hätte Folman eine Doku über Kriegsverbrechen gedreht, wäre dies einfach eine weitere Doku gewesen, so aber hat er ein eigenes Genre geschaffen.

Die beiden Hauptpreise für die Schauspieler wurden für Rollen gegeben, in denen die Schauspieler richtig viel mit sich herumschleppen durften: Benicio del Toro für seine überzeugende Darstellung des Revolutionsführers Che in dem 4,5-stündigen Drama Che des Amerikaners Steven Soderberg. Ganze sieben Jahre hat Steven Soderbergh für sein Mammutwerk recherchiert und vorbereitet, u.a. ist er mit Benicio del Toro nach Kuba geflogen. Der freute sich sehr über den Preis, denn er gesteht: "Je mehr ich über ihn gewusst habe, desto mehr Angst hatte ich, ihn zu spielen." Stundenlang kämpft er sich im Film durch den Dschungel. das hinterlässt seine Spuren: "Ich habe mit Glacéhandschuhen gespielt und meine Fingernagel sind immer noch schmutzig."

Auch der andere Hauptpreis geht nach Lateinamerika: Die Brasilianerin Sandra Corveloni spielt in Walter Salles La Linha de Passe Cleuza, eine allein erziehende Mutter von vier Kindern, die sie mit vier Männern hat. Verzweifelt und voller Aufopferung versucht sie ihren Söhnen einen guten Start ins Leben zu ermöglichen.

Gomorra von Matteo GarroneDen Großen Preis der Jury durfte verdientermaßen der italienische Anti-Mafia-Film Gomorra von Matteo Garrone mit nach Hause nehmen. Auf unprätentiöse, unreißerische Art zeigt er das Leben der neapolitanischen Mafia und deren Macht. Das Aufgebot an Sicherheitskräften war während der Premiere groß. Der junge italienische Autor Roberto Saviano - auf dessen Roman der Film beruht - lebte zwei Jahre undercover als Mitglied der neapolitanischen Mafia - und seitdem unter Personenschutz.

Der Regiepreis ging an den häufigen Cannes-Festival-Gast Nuri Bilge Ceylan für seinen ruhigen aber bewegenden Film Die drei Affen. Die belgischen Dardennes-Brüder, die bereits zweimal die Goldene Palme mit nach Hause nehmen durften, für Rosetta (1999) und für Das Kind (2005), gingen auch nicht ganz leer aus: Immerhin wurden sie mit dem Drehbuchpreis ausgezeichnet.

Preise werden aber nicht nur im Wettbewerb, sondern auch in dessen Nebenreihen vergeben. Besonders die Reihe Un Certain Regard machte durch die hervorragende Qualität der Auswahl ihrer Filme von sich reden, und bei dem ein oder anderen Film fragte man sich, warum er denn eigentlich nicht im Wettbewerb zu sehen war. Fatih Akin, der mit seinem Film Auf der anderen Seite selbst 2007 im Wettbewerb vertreten war, ist Vorsitzender der Jury Un Certain Regard. Er zeigt sich begeistert: "Unser Auftrag war, drei Preise zu vergeben. Aber angesichts der Qualität und der Reichhaltigkeit des Angebots und als Beweis unserer großen Begeisterung, haben wir beim Festival um die Erlaubnis gebeten, noch zwei Filme mit Ehrenpreisen anerkennen zu dürfen."

Wolke 9 von Andreas DresenEinen davon durfte der Berliner Regisseur Andreas Dresen für seine ARTE-Koproduktion Wolke 9 mit nach Hause nehmen. Er nähert sich einem bisher wenig im Film erzählten Thema: der Liebe im Alter. Die seit dreißig Jahren verheiratete Rentnerin Inge verliebt sich in den 76-jährigen Karl und setzt dafür ihre Ehe aufs Spiel. Bereits nach wenigen Minuten wagt Dresen, was die Werbung und die allermeisten Filme nicht wagen: Er zeigt Menschen, die ihre Lebensmitte bereits weit überschritten haben, bei leidenschaftlichem Sex. Etwas, was allen zustehen sollte, aber über das nicht geredet wird. Für sein ungewöhnliches Drama wurde Dresen mit dem "Coup de Coeur", dem "Herzschlag-Preis" ausgezeichnet. WOLKE 9 wurde bei seiner Premiere mit zehn Minuten Standing Ovations gefeiert. Dresen freute sich: „Wir sind überglücklich und befinden uns auf Wolke 9! Es war für mich die erste Erfahrung in Cannes, und nach der bereits überwältigenden Publikumsresonanz nun auch noch einen Preis zu erhalten, ist natürlich die schönste Bestätigung unserer Arbeit. Merci beaucoup pour l'invitation, pour le prix, pour tout. Et: A bientôt!“

Nana A.T. Rebhan


Entre les murs von Laurent Cantet Man hatte dieses Jahr mit einer Auswahl engagierter Preisträger gerechnet - die allerletzte Entscheidung einer Jury, die vor allem für Themen wie Politik und Ungerechtigkeit in dieser Welt sehr aufgeschlossen war. Die Goldene Palme für den angemessen umgesetzten und ergreifenden Film Entre les murs von Laurent Cantet ist keine unmittelbar politisch motivierte Entscheidung, doch sie offenbart nichtsdestoweniger ein Bewusstsein für soziale Missstände wie auch für das heutzutage sehr heikle Erziehungsproblem.

Der Große Preis ging an Gomorra von Matteo Garrone und der Spezialpreis der Jury an Il Divo von Paolo Sorrentino, zwei virtuose italienische Werke, die vom Stil her nicht unterschiedlicher sein könnten. Ersterer prangert die Missetaten der Comorra an, letzterer die Korruption der italienischen Politik mittels eines Porträts des Politikers Gulio Andreotti. So weit, so gut.

Die drei Affen von Nuri Bilge CeylanDen Preis für die beste Regie erhielt Nuri Bilge Ceylan für Die drei Affen und den für das beste Drehbuch Jean-Pierre und Luc Dardenne (Le Silence de Lorna), Auszeichnungen für Werke erfahrener und anerkannter Regisseure. Auch das war keine große Überraschung. Anders sieht es jedoch mit dem Preis zum 61. Bestehen des Festivals aus, den niemand so recht zuzuordnen weiß und der so viel- wie nichtssagend ist. Dieses Jahr wurde er der legendären Schauspielerin Catherine Deneuve für Conte de Noël von Arnaud Desplechin verliehen und einem ebenso berühmten Regisseur, Clint Eastwood, für Changeling. Wie soll man das nun verstehen? Ein „Preis für legendäres Talent“? Ein „Preis für eine phänomenale Karriere“? Wie unser Fotograf Richard Bellia schon sehr passend bemerkte: „Wenn wir hier nicht beim Film, sondern in der Politik wären, würden im Handumdrehen unzählige Verfahren eingeleitet werden …“.

Linha De Passe von Walter SallesDer Preis für den besten männlichen Hauptdarsteller ging an Benicio Del Toro für den Che von Steven Soderbergh, und zwar, wie man sich gut vorstellen kann, sowohl für seine unermüdliche Arbeit als Schauspieler als auch für sein außergewöhnliches Engagements bei der Gestaltung und Erarbeitung des gesamten Projekts (4 Stunden und 35 Minuten (!) als der große Che Guevara durch den Dschungel rennend). Nicht ganz so verständlich ist die Wahl der besten weiblichen Hauptdarstellerin, die auf Sandra Corveloni in Linha De Passe von Walter Salles fiel, eine Entscheidung, die nicht vom Publikum mitgetragen wurde, das sich schon auf die hervorragende Schauspielerin in Leonera von Pablo Trapero, Martina Gusman, eingestellt hatte. Wie fast jedes Jahr also eine wachsweiche Auswahl der Preisträger, die nach taktischem Konsens riecht, wenn nicht manchmal sogar nach Klüngelei und nicht nach Radikalität, wie man es von einem Jurypräsidenten wie Sean Penn mit Recht erwartet hätte.

Waltz With Bachir von Ari FolmanSchließlich sollte nicht unbemerkt bleiben, dass beschämenderweise ein erhabener, innovativer und eindrucksvoller Film unter den diesjährigen Preisträgern nicht vertreten war, wenngleich er die Gemüter ab dem zweiten Tag beschäftigte: Waltz with Bachir von Ari Folman, eine überwältigende Auseinandersetzung mit dem Krieg und der Erinnerung. Dabei hatte man den Regisseur nochmals angerufen, um sich seiner Anwesenheit bei der Abschlussfeier zu versichern. Nicht gerade Fairplay.

Delphine Valloire

Erstellt: 25-05-08
Letzte Änderung: 29-08-08