Johannes Thomasson, der Held in Robert Åsbackas 2008 erschienenem Roman, kennt sich inzwischen in Buxtehudes und Bachs Musik ebensogut aus wie auf dem Meer. Viele Jahre hat er auf großen Fährschiffen zwischen Åhland und Stockholm verbracht, jeder Holm und jede Schäre sind ihm vertraut und er weiß um die Gewalt der Elemente. Als er auf der Viking Sally anheuerte, war es das größte Fährschiff, das jemals im Linienverkehr zwischen Finnland und Schweden gefahren war. Ein schwimmendes Hotel. Nur zehn Jahre später war die Sally ein abgenutztes Schiff, das unter dem Namen Wasa King in schwedischen Gewässern kreuzte. Nach einigen weiteren Jahren nahm sie unter dem Namen Estonia den Linienverkehr zwischen Stockholm und Tallin auf.
Thomasson hat auf der Viking Sally für 1000 Passagiere Proviant gemacht und zwei Leben gelebt. Eins an Land mit der Familie, eins an Bord mit der Geliebten. Doch das ist Vergangenheit. Seit er Frau und Tochter verloren hat, verbringt er seine Pensionärsjahre zurückgezogen in einer nordfinnischen Kleinstadt. Er scheut sich vor Gesellschaft, meidet das Gespräch mit den Nachbarn. Einsam geht er seiner Wege und grübelt, warum er nicht verhindern konnte, daß Siri 1994 beim Untergang der Estonia ihr Leben ließ.
Eine große Leidenschaft ist ihm geblieben: die Liebe zur Literatur und zur Musik, die er mit Siri teilte. Wenn sie in der Kirche, im nördlichen Querschiff, auf der großen Telin-Orgel die Kantaten von Buxtehude oder Bach spielte, staunten die Einheimischen über die Kraft dieser zierlichen Person und Thomasson war verzaubert. Im Herbst 1994 hatte sie sich Orgeln in Lettland ansehen wollen und ihn gebeten mitzukommen. Er sagte nein, sie fuhr allein. Und kam nicht zurück. Zwölf Jahre sind seitdem vergangen. Insgeheim spricht Thomasson noch immer mit ihr, auch wenn sie nicht mehr so oft in seinen Träumen erscheint.
Die Liebe zu Buxtehude nahm ihren Anfang 1980: als junges Paar besuchten sie damals St. Marien in Lübeck und wenig später eine Aufführung von „Membra Jesu nostri patientis sanctissima“ in der Deutschen Kirche in Stockholm. Seither begleitet ihn Buxtehudes Orgelmusik. Thomasson hat sogar selbst eine Mini-Orgel konstruiert, ungefähr zwei mal vier Meter groß nimmt sie eine ganze Wand im Wohnzimmer ein. „Siris Orgel. Die er gebaut hatte, damit sie da stehen und auf sie warten sollte, bis sie zurückkehrte.“
Die Begegnung mit dem zehnjährigen Mika reißt Thomasson endlich aus seiner Lethargie und er lernt aufs neue, was es heißt, Anteilnahme zu erfahren. Der Junge, dessen Mutter Riita und die Nachbarin Agnes sorgen sich nach einem Unfall um den Patienten. Allmählich bringen sie Thomasson dazu, daß er wieder zurückfindet ins alltägliche Leben.

Von Robert Åsbacka
(Originaltitel: Orgelbyggaren)
Aus dem Schwedischen von Verena Reichel
Carl Hanser Verlag
Februar 2010
ISBN 978-3-446-23486-4
Erleben Sie Robert Åsbacka am ARTE Stand auf der Buchmesse, am 18.3.2010 um 11.00 Uhr bei der Veranstaltung:
"Kaksinkertainen"

Robert Åsbacka, geboren 1961 in Finnland, promovierte an der Universität Stockholm mit einer Arbeit über den finnlandschwedischen Schriftsteller und Journalisten R. R. Eklund. Er debütierte 1988 mit dem Gedichtband ”Med tungorna hängande”, dem sich mehrere Prosabände anschlossen. Der literarische Durchbruch gelang ihm mit dem Roman ”Döbelns gränd” (2000), der Stoff wurde später erfolgreich dramatisiert. ”Fallstudie” (2004) und ”Kring torget i Skoghall“ (2006) schlossen sich an, wofür der Autor mehrere skandinavische Literaturpreise erhielt.
Mit ”Orgelbyggaren”, nominiert für den Literaturpreis des Nordischen Rates 2009, ist Robert Åsbacka ein berührendes Plädoyer für die alles überdauernde Kraft der Musik geglückt. Liebe und Trauer, Vergänglichkeit und Verlust sind die großen Themen, denen sich der Roman widmet. Es ist ein leises Buch, gegliedert in sieben Kapitel, deren Überschriften mit den Teilen von Buxtehudes ”Membra Jesu nostri” korrespondieren. Åsbackas Roman spricht an durch die Schlichtheit der Sprache, die psychologischer Tiefe aber nicht entbehrt, und ist zudem eine unaufdringliche Lektion in moderner Literatur.
Wohl hätte der Autor an einigen Stelle stringenter erzählen können, manche Personen bleiben farblos und tragen wenig zum Fortgang der Geschichte bei. Doch schmälert das den Genuß bei der Lektüre nur unbedeutend. Sehr zu loben ist die stilsichere Übertragung von Verena Reichel ins Deutsche.
Wer Åsbackas Bücher aufmerksam liest, stößt immer wieder auf das Thema „Moderne Kunst im Alltag“, das dem Leser in vielerlei Gestalt begegnet. Letztlich erfährt auch Thomasson durch die Beteiligung an Agnes’ Kunstprojekt eine letzte große Genugtuung und findet heraus aus seiner Betäubung.
Highlights im Literaturhaus Leipzig
Donnerstag, 18.03.2010, 18.00 Uhr (großer Saal)
Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung 2010
Veranstaltung der Stadt Leipzig, des Literaturhauses Leipzig und des C.H. Beck Verlages
Der Preisträger György Dalos im Gespräch mit Joachim Gauck und Lerke von Saalfeld.
Der 1943 in Budapest geborene Historiker und Publizist György Dalos wird für sein Werk »Der Vorhang geht auf. Das Ende der Diktaturen in Osteuropa« (C.H. Beck 2009) ausgezeichnet. Er erzählt darin, wie der Prozess der Loslösung in Osteuropa in Gang kam und welche Widerstände zu überwinden waren, ehe aus dem Ostblock hinter dem Eisernen Vorhang ein östliches Europa werden konnte.
Donnerstag, 18.03.2010, 20.30 Uhr (großer Saal)
Lesung
Adolph Freiherr Knigge
Eine Lesung mit Sibylle Lewitscharoff und Dieter Mann
Veranstaltung der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, der Wüstenrot Stiftung, des Wallstein Verlages und des Literaturhauses Leipzig
Adolph Freiherr Knigge (1752–1796) ist vor allem als Autor des Werkes »Über den Umgang mit Menschen« bekannt, das immer wieder als Benimm-Fibel missverstanden wird. Neben dieser berühmten praktischen Gesellschaftslehre verfasste er aber auch Romane und publizierte zahlreiche Aufsätze und satirische Schriften, die ihn als einen der bedeutendsten Schriftsteller der Aufklärungsepoche ausweisen.
Sibylle Lewitscharoff, ausgezeichnet mit dem Leipziger Buchpreis 2009 für ihren Roman »Apostoloff« und Patin der Werkausgabe stellt in einem einleitenden Essay Leben und Werk des gewitzten und witzigen Aufklärers Adolf Freiherr Knigge, dieses »tiefen Kenners der Menschen und Bestien« (Heinrich Heine), vor. Dieter Mann, bekannt aus zahllosen Theaterproduktionen, Film und Fernsehen, liest ausgewählte Texte Knigges.
Freitag, 19.03.2010, 20.00 Uhr (großer Saal)
Lesung
Martin Walser »Leben und Schreiben. Tagebücher 1974–1978« (Rowohlt Verlag 2010)
Moderation und Lesung: Jörg Magenau
Die Tagebücher von Martin Walser, die er seit 1949 schreibt, drücken eines aus: »Schreibend erträgt man alles eher«. Nach seinen bereits veröffentlichten Aufzeichnungen der 50er-, 60er- und frühen 70er-Jahre erscheinen nun Martin Walsers Tagebücher der Jahre 1974 bis 1978 und sind beides: Selbstzeugnis und zeithistorisches Dokument. Der Tagebuchschreiber offenbart sich als Beobachter der eigenen Verletzbarkeit, aber auch als Zeitgenosse, in dessen Betrachtungen innere und äußere Welt sich spiegeln und verschränken.
Der Journalist und Autor Jörg Magenau veröffentlichte 2005 eine Biographie über Martin Walser.
Sonnabend, 20.03.2010, 17.00 Uhr (großer Saal)
Lesung
Tahar Ben Jelloun »Zurückkehren« (Berlin Verlag 2010)
Moderation und Lesung: Christiane Kayser
Veranstaltung des Berlin Verlags -und Literaturhauses Leipzig
Mohamed ist Muslim, Familienvater und Marokkaner – in dieser Reihenfolge. Sein Leben lang hat er bei Renault in Paris am Fließband gestanden; die Arbeit war sein Leben. Seine Söhne aber sind ihm entfremdet, er hat sie an Frankreich verloren: Einer hat eine Christin geheiratet und der andere, Rachid, nennt sich nun Richard. Als Mohameds Pensionierung naht, hat er nur noch einen Traum: in seiner Heimat Marokko ein Haus zu bauen, in dem er die Familie wieder zusammenführen kann. »Ein ergreifender Roman mit Beckett’schen Zügen.« (Le Magazine Littéraire) – Tahar Ben Jelloun, 1944 in Fès, Marokko, geboren, lebt seit 1971 in Frankreich. 1987 wurde er als erster nordafrikanischer Schriftsteller mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet.
Mittwoch, 07.04.2010, 20.00 Uhr (Literaturcafé)
Lesung in deutsch/polnisch
Polen in Leipzig 2010
Wojciech Kuczok im Gespräch mit Bernd Karwen
Bereits für seinen ersten Roman »Gnój« (»Dreckskerl«, Suhrkamp Verlag 2007) wurde der 1972 in Chorzów/Polen geborene Wojciech Kuczok von der Kritik bejubelt und mit dem Paszport Polityki sowie der Nike, dem wichtigsten Literaturpreis Polens, ausgezeichnet. 2010 erscheinen zwei neue Romane des Schriftstellers und Drehbuchautors: »Senność« (»Lethargie«, Suhrkamp Verlag, August 2010) erzählt von drei Männern, deren Alltag von dem Gefühl der Unerfülltheit durchdrungen ist. Als sich ihre Wege kreuzen, erwachen sie aus ihrer Lethargie. Der Gebirgsroman »Spiski« (dt. »Verschwörungen«) erscheint im Herbst im polnischen Verlag W.A.B. Auszüge aus beiden Texten stellt der Autor – einer der führenden Vertreter der jungen polnischen Schriftstellergeneration – in Lesung und Gespräch vor. Veranstaltung in polnischer und deutscher Sprache.
Veranstaltung des Literaturhauses Leipzig und des Polnischen Instituts Leipzig







per E-Mail verschicken
Facebook
Twitter
RSS

