Nein, David Lynch ist kein Autist, der zurückgezogen in seiner verschrobenen Phantasiewelt lebt. Er ist ein Filmemacher mit Herz. Gewiss, er will den Zuschauer aufrütteln und ihm den Spiegel vorhalten. Aber Gefühle gehören für ihn dazu, wie drei seiner Filme beweisen sollen.

David Lynchs künstlerisches Werk ist ebenso vielschichtig wie vielseitig. Neben seinen Spielfilmen – die den bekannten und anerkannten Teil seines Schaffens ausmachen – schuf Lynch Comics, Gemälde, Möbeldesign und Musikaufnahmen. Das Atelier des Regisseurs in Kalifornien ist voll von diesen Schöpfungen, die auch in seinen Filmen mitunter eine Rolle spielen. Als Meilensteine unter den Filmen von David Lynch können
„Der Elefantenmensch“ (1980),
„Blue Velvet“(1986) und
„Eine wahre Geschichte – The Straight Story“ (1999) gelten. Auch hier zeigt sich der Filmemacher immer wieder von einer neuen Seite (seine Fans wissen natürlich ohnehin, dass Lynch immer für eine Überraschung gut ist).

War Lynchs erster Spielfilm
„Eraserhead“ noch ein „Geheimtipp“, der in amerikanischen Kinos nächtens als so genannter „midnight movie“ lief und im Ausland erst mit einigen Jahren Verspätung zu sehen war, so erreichte „Der Elefantenmensch“ sofort ein internationales Publikum. „Eraserhead“-Fans waren enttäuscht, dass Lynch nach seinem extravaganten Erstlingswerk nun eine auf Verständlichkeit abgelegte Handlung inszenierte, die zudem auf einer wahren Begebenheit beruhte. Das breite Publikum dagegen war erstaunt, dass der junge Regisseur von einem experimentellen, mit einfachsten Mitteln realisierten Projekt nahtlos zu einer komplexen Produktion unter der Leitung von Mel Brooks überging. Brooks, bis dato vor allem als Komiker bekannt, wollte die Leidensgeschichte von John Merrick auf die Leinwand bringen, eines durch das unheilbare Proteus-Syndrom schrecklich entstellten Mannes, der als Jahrmarktsattraktion zur Schau gestellt wurde.

Aus heutiger Sicht fällt es leichter, einen Zusammenhang zwischen der ästhetisierten Industriebrache in
„Eraserhead“ und der Welt des viktorianischen Establishments in
„Der Elefantenmensch“ herzustellen. Infolgedessen ist es auch einfacher, die Originalität von Lynchs zweitem Film zu würdigen, die nicht darin liegt, dass der Regisseur trotz der Professionalisierung seiner Arbeit seinen Marotten treu geblieben wäre. Sie liegt im Wechselspiel von Schatten und Licht, das mit der zurückhaltend-ambivalenten Interpretation der körperlichen Versehrtheit einerseits und der moralischen Integrität englischer Erziehung andererseits korrespondiert. Diese Ambivalenz zeigt sich auch dann, wenn der gute Doktor Treve (Anthony Hopkins), der Merrick im Krankenhaus behandeln möchte, und der nichtswürdige Bytes, der aus der Missbildung Profit schlagen will, letztendlich denselben voyeuristischen Trieben verfallen. Der Zuschauer bekommt John Merrick erst dann wirklich zu Gesicht, als er ihn bereits ins Herz geschlossen hat. Lynch erklärt, er habe hinter den äußeren Anschein blicken wollen. Die Grundproblematik besteht für ihn in der Kluft zwischen Schein und Sein, zwischen den rohen Mächten und den Mächten des Geistes. Der Komponist und Kritiker Michel Chion schreibt über den Filmemacher:
„Eine Szene wird mittendrin ausgeblendet, so dass viele Fragen in der Schwebe bleiben. In Verbindung mit der emotionalen Spannung, die der Film ständig aufrecht erhält, fallen diese Ausblendungen mit den Momenten zusammen, in denen die Angst beim Zuschauer wächst – wie wenn man nach einer dunklen Ecke sucht, um dort hemmungslos zu weinen.“ Ergänzend dazu kommentiert der Kritiker Serge Dany den Film 1981 in der Filmzeitschrift „Les Cahiers du Cinéma“ wie folgt:
„Der Zuschauer gewöhnt sich an den Gedanken, früher oder später das Unerträgliche - den Anblick des Ungeheuers - ertragen zu müssen. Als dies schließlich geschieht, ist die Ernüchterung umso größer, als Lynch wie im klassischen Horrorfilm verfährt: die letzten Stunden der Nacht, menschenleere Straßen. Ihn interessiert nicht die Angst des Zuschauers, sondern Merricks Angst.“ Dessen Aufstieg führt durch alle Schichten der viktorianischen Gesellschaft. Die Menschen in seinem Umfeld sehen immer weniger ihn und immer mehr sich selbst in seinem Blick. Sie sind Vertreter einer Gesellschaft, die sich gern in den Augen der anderen spiegelt. Sie gehen so weit, den Elefantenmenschen gemeinsam mit einer berühmten Schauspielerin (Anne Bancroft) im Theater auftreten zu lassen.
2. Teil des Textes / Von London nach Lumperton