
Es steht immer und über allem diese eine Frage: Warum? Warum ist der Mensch, wie er ist, zärtlich und brutal zugleich, Leben erzeugend und Leben zerstörend? Dennoch sind die Kriminalromane des britischen Autors David Peace, 1967 in Yorkshire geboren und heute mit seiner Familie in Tokio lebend, letztlich keine philosophischen Romane, sondern es sind große Gesänge über Gewalt und Ohnmacht im England der 70er- und frühen 80er-Jahre. "Die Menschen sind sehr, sehr grau", hat Peace, der Pessimist, einmal in einem Interview gesagt. Dennoch ist das nicht die Antwort auf die Frage, die Peace stellt.
Mit "1983" ist nach "1974", "1977" und "1980" jetzt der vierte und letzte Band des Red-Riding-Quartetts erschienen, das Peace mit einem Schlag zu einem der ganz großen Kriminalschriftsteller unserer Tage gemacht hat. Er ist ein Autor in der Tradition eines James Ellroy, was die Kompaktheit des Stils und die Härte des Tonfalls betrifft. Was Peace anschlägt, ist ein trockener Rap über die Ruchlosigkeit des sozialen Alltags, erzählt in einem rasanten Tempo, auch darin ist der Brite dem Amerikaner Ellroy ein Bruder im Geiste. Schauplatz der vier Kriminalromane ist die nordenglische Provinz Yorkshire. Immer wieder werden Kinder entführt, junge Mädchen meist, aufgeklärt werden die Taten nicht. Einmal, in "1980", flicht Peace den authentischen Fall des Yorkshire-Rippers, der 13 Frauen auf dem Gewissen hat, in seinen Erzählstrom ein. Doch all diese Taten sind weniger die eines Wahnsinnigen, sondern sie offenbaren ein System, ein korruptes Gemeinwesen, das sich aus ökonomischen Interessen und psychopathologischen Dispositionen seiner offiziellen Vertreter speist. Die Romane des David Peace sind das, was Kriminalliteratur in ihrer besten Form sein muss: Gesellschaftsromane. In "1983" nun greift Peace die Handlungsstränge der ersten Romane wieder auf, wechselt rhythmisch die Zeitebenen und bündelt die einzelnen Geschichten in einem furiosen Finale. Die Kakophonie aus Stimmen und Gedanken, aus Versen von Rocksongs, aus tosendem Lärm und dröhnender Stille, die Peace evoziert, hallt lange nach.
Sprachlich ist "1983" vielleicht noch radikaler als die ersten drei Bände (die zu kennen nicht zwingend erforderlich ist) - die Methode der Redundanz, der Wiederholung, simuliert letztlich nur ein Verharren, tatsächlich treibt sie die Spannung galoppierend voran. Es gibt wenig Innehalten, kaum Zeit zum Atemholen während dieser Höllenfahrt ins Reich der Finsternis, dessen literarischer Fürst David Peace ist. Peace überhöht die Realität ins Wahnhafte - oder ist die Realität per se wahnhaft? Zwei Figuren lässt der Autor in "1983" die Geschichte aufrollen. Zum einen Detective Chief Superintendent Maurice Jobson, der nur scheinbar eine gewisse Form von Anstand verkörpert, tatsächlich aber tief im moralischen Morast steckt. Zum anderen den Rechtsanwalt John Piggott, der nach dem von der Polizei als Selbstmord hingestellten Tod eines in Untersuchungshaft Sitzenden zu ermitteln beginnt: Der junge Schwarze war beschuldigt worden, ein Schulmädchen entführt zu haben. Sein Geständnis aber ist nur unter Anwendung von Gewalt zustande gekommen. Denn die wahren Hintergründe der Entführungen wollen auch die Polizeioberen im Dunkel halten. Allzu sehr sind sie in die Taten verstrickt - und profitieren letztlich davon. Missbrauch, Pornographie, üble Immobilienschiebereien, Entführung und Mord - das sind die Themen, die David Peace in seinen vier Romanen den Lesern zumutet. Fraglos ist das starker Tobak, den es hier zu verdauen gilt. Fraglos ist dieser kriminalliterarische Albtraum aber auch ein Roman, der sprachliche wie inhaltliche Maßstäbe setzt, die lange gültig bleiben werden.
Volker Albers/Hamburger Rundschau