Rezension zu "Tokio im Jahre Null":
- Tobias Gohlis/What’s New auf der KrimiWelt-Bestenliste Oktober 2010
Tokio war nach dem Krieg…
die besetzte Stadt. Die alliierten Siegermächte, insbesondere die USA, kontrollierten die von Seuchen bedrohte und von untergetauchten Kriegsverbrechern bewohnte Kapitale. Fixpunkte für die schöpferische Paranoia eines Krimiautors. Doch David Peace geht im zweiten Band seiner Tokio-Trilogie subtiler vor.
Ausgangspunkt ist wieder ein realer Fall: Ein als Amtsarzt verkleideter Mann animiert die Angestellten einer Bank, einen oralen Impfstoff gegen die grassierende Ruhr zu trinken. Zwölf sterben am verabreichten Gift – vier überleben. Und zwölf Stimmen von Zeitzeugen erzählen aus ihrer Sicht diesen Roman um ein Verbrechen, das bis heute nicht befriedigend aufgeklärt ist.
Als Mörder wurde, nach einem unter Folter erzwungenen Geständnis, der Maler Hirasawa verurteilt. Die Todesstrafe wurde jedoch nie vollstreckt, weil es immer genug Zweifel an der Schuld des Verurteilten gab, bis er 95-jährig im Gefängnis starb.
Peace hat in „Tokio, besetzte Stadt“ seine literarischen Mittel erneut erweitert. Neben die vertrauten halluzinatorischen Monologe setzt er nachempfundene Dokumente – das Bild wird schärfer und undurchsichtiger zugleich. Wieder geht es, wie in „Tokio im Jahr Null“ um die (Möglichkeit der) Fortsetzung von Kriegsverbrechen im Besatzungsfrieden, um die Verzweiflung darüber, dass der Krieg nie zu Ende ist.
- Jochen Vogt/Oktober 2010
Dies ist ein Roman über einen spektakulären authentischen Kriminalfall. Es ist ein Roman über das zerstörte, besetzte und traumatisierte Japan des Jahres 1948. Ein Roman, der mit Sprache und Schrift experimentiert. Und das Schwierige, oder auch das Großartige dabei: Er ist dies alles auf einmal, also drei Romane zwischen zwei Buchdeckeln.
Nun aber der Reihe nach: David Peace setzte vor einigen Jahren mit seinem Red Riding Quartett, einer vierbändigen Saga über die (halbwegs authentische) Mordserine des „Yorkshire-Rippers“ einen neuen literarischen Maßstab für den englischen Kriminalroman, ja für die Gegenwartsprosa. Und die BBC hat daraus einen phantastischen Vierteiler gemacht, der hoffentlich auch nach Deutschland kommt (wir befürchten: ganz spät abends).
Dann, vor zwei Jahren, erschien Tokio Stunde Null (d.h.: 1945) als Beginn einer ähnlichen Serie. (Peace hat lange in Japan gelebt.) Das neue Buch ist keine Fortsetzung, aber es folgt der Zeit, also den chaotischen Nachkriegsjahren in einem Japan, das nicht nur den Krieg, sondern auch seine Ordnung und Ehre verloren hat. Es geht wie gesagt um (einen realen) Mordfall: Unter dem Vorwand der Seuchenverhütung kann ein angeblicher Gesundheitsbeamter fast das gesamte Personal einer Bankfiliale mit einem Gifttrank töten, bevor er mit der Beute verschwindet. Dieser Massenmord wird nun mit großem Aufwand und geringem Erfolg von der Kriminalpolizei untersucht. Schließlich stößt man auf den bekannten Kunstmaler Hirasawa, der sich verdächtig gemacht hat. (Er wird in der Realität zum Tode verurteilt, wegen fortdauernder Zweifel an seiner Schuld aber nicht hingerichtet, und stirbt erst 1987 im Gefängnis). Die Ermittlungen werden von verschiedenen Interessen im Polizeiapparat, in der Presse, der organisierten Kriminalität und natürlich der Besatzungsmacht angetrieben, gesteuert und behindert.
Vor allem geht es um den Verdacht, dass der Täter oder seine Hintermänner aus einer berüchtigten Einheit der japanischen Armee stammen, die während des Krieges Gifte und bakteriologische Waffen entwickelt und in ihren Todesfabriken Menschenversuche an Kriegsgefangenen und Zivilisten durchgeführt hat, wie sie sonst nur aus deutschen Vernichtungslagern bekannt sind. Dies will ein wackerer US-Offizier aufklären, doch wird er von seinen Vorgesetzten immer wieder ausgebremst: Sie haben längst einen Deal mit den führenden japanischen Spezialisten und Kriegsverbrechern geschlossen, um ihr Know-how übernehmen zu können.
All dies wird nun aber auf eine sehr künstliche Weise erzählt. Zwölf „Stimmen“ von Beteiligten, tot oder lebendig, melden sich zu Wort: die Ermittler, Opfer, Überlebende, ein Reporter, ein Mafiaboss, der Verurteilte, der tatsächliche (anonyme) Täter. In einem düsteren Ritual diktieren sie dem „Erzähler“ ihre Geschichten: als Bericht oder als Traumvision, sie übergeben Tagebuchnotizen, Briefe nach Amerika, und Zeitungsartikel, die nicht gedruckt werden, weil sie der Wahrheit zu nahe kommen. Jedes der zwölf Kapitel hat also eine ganz eigene Sprache. Dies Modell lehnt sich an die alte japanische Erzählkultur an; wir dürfen aber auch an europäische Novellenzyklen oder Totentänze denken. Oder sogar an den modernen Roman.
Denn diese Form ist zwar im Kriminalroman ungewöhnlich, aber sonst keine neue Erfindung. So radikal wie niemand sonst implementiert Peace die Schreibweisen der „klassischen Moderne“ in den Krimi – wenn auch nach neunzig Jahren. Er selbst hat den Lyriker T.S. Eliot als Vorbild genannt; sein Roman verweist aber auf das Grundbuch modernen Erzählens überhaupt: den Ulysses von James Joyce, der ja auch in jedem seiner 18 Abschnitte eine andere Sprachtechnik ausprobiert.
Fazit: Ganz wie die vorigen Bücher von David Peace ist auch dies keine leichte Kost, fürs Wellness-Wochenende wenig geeignet. Wer sich aber für die Schnittstelle von Kriminalliteratur und literarischer Moderne interessiert, hat hier eine Pflichtlektüre. Deutsche Leser werden sicher auch inhaltliche Vergleiche zu unserer Nachkriegszeit und ihrer Literatur ziehen (man könnte an Wolfgang Koeppen denken).Auch deutschsprachige Literaturzitate, Paul Celans „Grab in den Lüften“ oder Büchners „Der Mensch ist ein Abgrund“ sind zu entdecken: Das ist überraschend und ungewöhnlich, jedenfalls für einen britischen Schriftsteller. Respekt!
Kurzrezension zu "1974":
- Thomas Wörtche, Plärrer, Juni 2005
Thomas Wörtche, Plärrer, Juni 2005
Siehe auch
Jahresbestenliste 2005 (Rang 1)
Bestenliste Juni 2005 (Rang 1)
Bestenliste April 2006 (Rang 2)
Bestenliste März 2007 (Rang 6)
Die wichtigsten Links:- Autobiographischer Text zur Entstehung des Red Riding Quartett (in englischer Sprache)
- Interview von Ludger Menke mit David Peace März 2006 als podcast
- Porträt David Peace von Wieland Freund in der Literarischen Welt







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