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Berlin vom 31.01 > 04.02.07 - 02/09/08

David Rokeby: Kunst, Computer und Kontrolle

Jens Hauser


Das Publikum ist selbst Inhalt der interaktiven Aktion. Man begegnet zeitversetzt sich selbst – und denen, die schon gar nicht mehr da sind. Die interaktive Video-Installation "Taken" des Kanadiers David Rokeby filmt die Aktivitäten im Ausstellungsraum mithilfe von Infrarot-Überwachungskameras, erkennt Kopfformen und nimmt sie ins Visier.

Eine Doppelprojektion zeigt die Ausstellungsbesucher in den Galerieräumen, in Echtzeit und überlagert als Loop mit einer Verzögerung von 20 Sekunden. Ab und an erscheint ein Bildverzeichnis der letzten 200 Ausstellungsbesucher, wobei ihnen zufällig Adjektive zugeschrieben werden. "Taken" stimmt uns nachdenklich angesichts des Booms von Überwachungstechnologie im öffentlichen Raum, und der arbiträren Klassifizierung von Menschen, bei der man sich ebenso ausgeliefert fühlt wie bei den Einreiseprozeduren in die USA…


Jens Hauser: Die interaktive Installation "Taken" scheint für den Transmediale-Titel "unfinish!" Stichwortgeber gewesen zu sein.
David Rokebys Antwort (real video - 1mn16)

David Rokeby: "Der Begriff von "unfinish!" liegt mir sehr am Herzen. Ich habe selten ein "fertiges Werk" geschaffen. Zum einen verändere ich meine Arbeiten ständig, nachdem ich sie das erste Mal gezeigt habe, und passe sie der jeweiligen Umgebung an. Zum anderen besteht das Werk selbst aus sich stets verändernden Prozessen. Das was in der Galerie passiert ist der eigentliche Inhalt. So kann die Arbeit nie erschliessbar, analysierbar oder fertig sein. Sie verändert sich ständig. Da liegt für einen Künstler die grösste Anziehungskraft von Interaktivität. Man ist selbst dabei immer wieder überrascht, es entzieht sich meiner Kontrolle. Dies haben viele Künstler gemein, die auf Computer zurückgreifen: Computer sind meist dazu da, irgendetwas zu kontrollieren. Wenn man als Künstler mit Computern arbeitet, dann möchte man diese Kontrolle wieder aufheben, denn man will ja als Künstler gar nicht verantwortlich für irgendwelche Kontrolle sein."


Jens Hauser: Wie wird das Interface zum Inhalt?
David Rokebys Antwort (real video - 0mn40)

David Rokeby: "Die Installation generiert über eine gewissen Zeitspanne ein Portrait des Publikums, auf zwei verschiedene Weisen: Auf der einen Seite habe wir diese überhitzten dynamischen Bilder, die alle Aktionen der jüngsten Vergangenheit zeigen – auf der anderen ein analytisch-kaltes Archiv der Galeriebesucher. Das Publikum ist der eigentliche Inhalt der Installation, und es liegt in der Natur des Publikums, das es sich immer verändert – und damit das Werk an sich."


Jens Hauser: Zuschauerköpfe werden ins Visier genommen, und ihnen Begriffe wie "überwacht" oder "nervös" zugeordnet. Worauf beruht diese "Analyse"?
David Rokebys Antwort (real video - 1mn02)

David Rokeby: "Bei jedem Kunstwerk muss man sich fragen, was an ihm wirklich funktional sein soll, und was diese Funktion nur repräsentiert, um sie zu thematisieren. Hier sind das Tracking der Besucher und das Scannen und Sammeln ihrer Köpfe ein Prozess, der wirklich stattfindet. Und ich habe viel Zeit mit Programmieren verbracht, damit das auch funktionniert. Aber ich wollte hier auch den Eindruck vermitteln, dass man nicht nur beobachtet, sondern auch beurteilt wird! Da habe ich mich gefragt: Verbringe ich nun sechs weitere Monate mit Programmierarbeit, damit dies wirklich geschehen kann, oder nutze ich die fantastische Eigenschaft des menschlichen Geistes, dass wir einen Sinnzusammenhang herstellen, sobald ein Wort in einem Kontext auftaucht. In dieser Installation habe ich mich dafür entschieden, dass die Attribute den Personen per Zufall zugeteilt werden. Und witzigerweise finden die Leute diese Charakterisierung meist sogar angemessen, wobei dies gar nicht vorgesehen ist!


Jens Hauser: Wie lange werden die sich stets neu generierenden Daten gespeichert?
David Rokebys Antwort (real video - 1mn21)

David Rokeby: "Nur in ganz wenigen meiner Werke zeichne ich Information auch auf, meistens sind sie sehr vergänglich, und Informationen werden nur ganz kurzzeitig gespeichert. Hier in diesem orangenen Bild zum Beispiel überlagern sich die Aufnahmen einer gewissen Zeitspanne, aber die neueren löschen die älteren nach und nach aus. Es ist eher wie ein Kurzzeitgedächtnis, aber nicht wie ein Archiv. Es ist mir sogar passiert, dass in meinen Kunstinstallationen Überwachungskameras auf einen Ort gerichtet waren, wo gerade ein Verbrechen geschah. Ein städtischer Park-Arbeiter griff vor meinen Kameras einen anderen an. Die Polizei kam dann zu mir und fragte, ob es nicht Aufnahmen gäbe. Aber die einzigen Personen, die es hätten sehen können, waren diejenigen, die zufällig gerade zu diesem Zeitpunkt in der Ausstellung gewesen waren. Natürlich archiviere ich in manchen Fällen mein Material, aber nie in den Werken, in denen ich mit Überwachungskameras arbeite. Ich mag es, auf das Thema Überwachung anzuspielen, ohne selbst Überwachung zu betreiben und Archive anzulegen."
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Das Festival
Transmediale 07 - "Unifinished"
vom 31. Januar bis zum 04. Feburar 2007
in Berlin
>> Offizielle Website der Transmediale

Links
>> Offizielle Website von David Rokeby
>> Mehr Informationen zu Taken
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Kultur Digital
Februar 2007
Text von Jens Hauser
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Erstellt: 06-02-07
Letzte Änderung: 02-09-08


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