Kritik: Ruben Östlunds zweiter Spielfilm ist nicht nur inhaltlich, sondern auch visuell eine Versuchsanordnung. Das stellt er gleich mit seiner ersten Einstellung klar: Eine Gruppe von Menschen trifft sich zum gemeinsamen Feuerwerk an Silvester. Die Kamera verharrt auf den Beinen der Beteiligten, die Gespräche sind nur zu hören. Fünf voneinander unabhängige Episoden erfindet der schwedische Regisseur, die er parallel miteinander schneidet, aber nicht untereinander verbindet. Da gibt es etwa zwei sehr junge, sehr blonde Mädchen, die vor einer Digicam posieren, um Fotos von sich für youtube aufzunehmen. Gegenseitig treiben sie sich immer mehr an, strippen vor der Kamera, suchen Posen, die sexy aussehen. In einer anderen Szene betrinken sich ein paar Freunde gemeinsam. Betrunken probieren sie aus, wie weit sie gehen können, geben sich gegenseitig einen Blow Job. Als einer nicht mitmachen mag, wird er eben festgehalten. Beginnt hier sexuelle Bedrängung oder ist das noch Spaß? Ein Busfahrer mag so lange nicht weiterfahren, bis einer der Passagiere gesteht, dass er ein kleines Teil in der Toilette des Busses beschädigt hat. Der Täter schweigt, der Bus wartet - bis es dunkel wird. INVOLUNTARY zeigt zwischenmenschliche Momente, wie wir sie alle kennen. Momente, in denen man sich überlegen muss, ob man sich dem Druck, den eine Gruppe auf ein Individuum ausübt, beugen will, oder ob man seinen eigenen - in dem Moment meist wesentlich schwierigeren - Weg alleine geht. Der Film fokussiert auf diese Momente, in denen ein Handeln noch möglich wäre. Oft ist es nur ein Augenblick, oft verstreicht er einfach und dann ist es zu spät. Um die Konzentration auf diese Augenblicke zu steigern, verweigert sich Ruben Östlund der üblichen narrativen Erzählweise.
Das macht es dem Zuschauer nicht eben einfacher. Doch damit nicht genug: Auch die Kamera, geführt von Marius Dybwad Brandrud ist höchst experimentierfreudig: Oft zeigt sie nur den Hinterkopf der sprechenden Personen, lässt die Figuren bisweilen ganz aus dem Bild gleiten, ist extrem nah oder sehr weit entfernt von den Aktionen.
Ruben Östlund ist ein Perfektionist. Seine langen Einstellungen lässt er bisweilen 50 bis 60 Mal wiederholen. Nur bei den beiden Mädchen vor ihrer Digi-Kamera hat er sich mit dem jeweils ersten Take zufrieden gegeben. Eine Nähe zum Realen ist ihm trotz seiner Konzeptualität wichtig, und bringt ihn atmosphärisch in die Nähe der Filme Ulrich Seidls. Auch Hanekes CODE INCONNU mag einem einfallen. Doch Östlunds entschiedenes Vorbild ist sein Landsmann Roy Anderson, der erst letztes Jahr - ebenfalls in der Reihe Un Certain Regard - mit seinem neuesten Werk YOU THE LIVING vertreten war, das aus 50 Plateaus besteht. In einer Schlüsselszene von INVOLUNTARY lässt eine junge Lehrerin ein Mädchen aus zwei Strichbildern das Kürzere auswählen. Sie wählt richtig, doch die Klasse entscheidet einstimmig, dass dies das längere wäre. Der Versuch wird wiederholt - mit gleichem Ergebnis. Beim dritten Mal wählt das Mädchen das offensichtlich kürzere, weil sie gelernt hat, dass die Klasse genau gegenteilig entscheiden wird. Ein Test, der Schülern das Phänomen des Gruppenzwangs erklären soll. Die Mutter des Filmemachers ist selbst Lehrerin und hat ihrem Sohn vom Test erzählt, als er 15 Jahre alt war. Mit Erfolg. Nun, mit 34 macht er einen Film, der genau von diesen Erfahrungen handelt. Ein wenig zu didaktisch und ein wenig zu lang vielleicht, aber ansonsten auf jeden Fall sehenswert.
Nana A.T. Rebhan







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Gruppendynamik unter der Lupe: Ein schwedischer Episodenfilm sieht genau hin
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