Seit langem war da dieses tiefe Unwohlsein. Die französische Literatur litt an ihren Exzessen. Zu viele Bücher allüberall, zu viele literarische Events das ganze Jahr über. Der atemlose Rhythmus des Literaturmarketings entschied über Leben und Tod der Bücher, der guten wie der schlechten, und der völlig allein gelassene Leser schaute gebannt dabei zu. Denn nach Ansicht eines Gutteils der Kritiker - an den Universitäten wie in der literarischen Welt - fehlte es der französischen Literatur an etwas Wesentlichem: an Größe, an einer zentralen Figur wie etwa Sartre, jemandem, der in der Lage wäre, unsere Zeit zu verkörpern. Und so schrieb der Professor und Essayist Pierre Jourde dann auch ironisch, die französische Literatur sei eine «Literatur ohne Magen» [1] geworden. Die Zeiten waren traurig, die Dinge gingen ihrem Ende entgegen. Das Ende eines Jahrhunderts, das Ende der Ideologien, das Ende einer Literatur, die endgültig ihre «reale Gegenwart» verloren hatte, um den Titel eines bedeutenden Essays von George Steiner [2] zu zitieren.

Französische Literatur, die jetzt und heute entsteht, dem Leser näher zu bringen - das unternahm Christine Lecerf einmal im Monat bei ARTE Online zwischen 2004 und 2011

Und an einem grauen Novembertag 2007 wagte dann ein amerikanischer Journalist laut auszusprechen, was alle schon seit langem gewohnheitsmäßig vor sich hinmurmelten. Auf dem Titel der europäischen Ausgabe des Magazins Time verkündete Donald Morrison nichts Geringeres als «the death of french culture». Der Nationalstolz der Franzosen wurde ins Mark getroffen. War es denn tatsächlich gerechtfertigt, der französischen Literatur vorzuwerfen, sie betreibe «Selbstbespiegelung», «Parisianismus», ja gar «Intellektualismus»? Sollte man sich wirklich von den Anglo-Amerikanern darüber aufklären lassen, wie es um einen selbst stand? Immerhin schüttelte dieses kleine Erdbeben die trägen Geister durch und erlaubte, nach und nach den Blick auf eine komplett erneuerte literarische Landschaft frei zu machen. Im März 2010, anlässlich der 30. Pariser Buchmesse Salon du livre, war es dann mit Professor Bill Cloonan erneut ein Amerikaner, der im Interview mit der Tageszeitung Le Monde wagte, von einer «enormen Vitalität» der französischen Literatur zu sprechen.
Nachgewiesen hatten das bereits die beiden französischen Literaturwissenschaftler Dominique Viart und Bruno Vercier. Ihnen gebührt ohne Zweifel das Verdienst, eine Form gefunden zu haben für etwas, was vielen einfach nur als Chaos erschien. In ihrem Buch La littérature française au présent hatten sich die beiden die literarische Produktion der letzten 25 Jahre in Frankreich vorgenommen (1980-2005) und diese als eine sprudelnde Quelle, eine im tief greifenden Umbruch befindliche Welt beschrieben. Als eine Literatur, die weder das Neue sucht (also keinen Anspruch erhebt, modern zu sein), noch die Rückbesinnung (was sie klassisch machen würde), vielmehr eine Literatur der Erneuerung, die neue Allianzen von Wörtern und Wirklichkeit, von Erzählung und Subjekt anbietet: «Hier bewegt sich nicht nur eine neue Generation vorwärts, hier beginnt vielmehr eine ästhetische Periode sich abzuzeichnen und gleich mehrere Generationen von Schriftstellern einzubeziehen». [3]
Das Ich und der andere
Wer regelmäßig zu neuen Büchern greift wird es längst bemerkt haben, das Subjekt ist endgültig zurück in der französischen Literatur. Das Schreiben über sich selbst ist inzwischen deutlich komplexer als die simple Autobiografie, es beschränkt sich nicht auf die Form der Autofiktion. Das Ich und der andere, Wirklichkeit und Fiktion werden inzwischen vermischt zu neuen Erzählformen: récits de filiation, Herkunftserzählungen, wie bei Annie Ernaux, biographische Fiktion, wie bei Pierre Michon. Es geht bei weitem nicht mehr um Selbstbespiegelung, wir erleben vielmehr eine neue Art «den (vielfältigen) Leben ins Auge zu blicken».
Neben dieser Wiedereroberung der persönlichen Geschichten ist auch die große, die französische Geschichte wieder zum Gegenstand der Literatur geworden. Ob nun der zweite Weltkrieg und die deutsche Besatzungszeit wie früh bereits bei Georges Perec und bis heute bei Patrick Modiano, ob der Algerienkrieg bzw. die postkoloniale Zeit oder auch der «Post-Exotismus» wie bei Antoine Volodine – zahlreiche Schriftsteller nehmen sich die dunklen Bereiche der Vergangenheit wieder vor, sie brechen das Schweigen und geben im Roman denen wieder Leben, die durch die Geschichte beraubt, erniedrigt, gebrochen wurden.
Denn auch wenn es nicht mehr wie zu Sartres Zeiten um ein Engagement des Schriftstellers und der Literatur mit dem Ziel einer realen Veränderung der Welt geht, so begleiten doch zahlreiche Schriftsteller, beispielsweise Marie NDiaye oder auch Régis Jauffret, immer wieder solche Figuren auf ihren (Irr-)Wegen, deren Leben als Liebende, als Mitglieder einer Familie oder einer Gesellschaft regelrecht verwüstet wurde. Es sind Romane, die sich keineswegs als realistisch verstehen, und doch wissen sie vorzudringen in die „Nichtorte“ der Städte, in die aufgegebenen, brach liegenden Stätten des ländlichen Raums, beispielsweise in den Werken von François Bon und Pierre Bergounioux.
Und schließlich scheint der französische Roman auch wieder den Anspruch der Weltgültigkeit zu erheben, der lange als verloren galt. Er lässt den „Parisianismus“ hinter sich, auch die französischen Landesgrenzen, und er orientiert sich wieder in die Weite, beispielsweise im nomadenhaften Werk von Le Clezio. In den großen Fresken von den Antillen bei Raphaël Confiant und Patrick Chamoiseau lässt dieser Blick in die Weite die Idee einer Nationalliteratur komplett hinter sich, hier gilt das Paradigma einer "littérature-monde", eine neue Weltliteratur. [4]
Dass die französische Literatur durchaus über Vitalität verfügt, ist ein Gedanke, der sich langsam aber sicher Bahn bricht. Diese These fand auch noch von anderer Seite Unterstützung. Hier sei nur auf den Essay Le dénouement des Literaturwissenschaftlers Lionel Ruffel verwiesen. Der untersucht das Werk so unterschiedlicher Schriftsteller wie Pierre Guyotat, Jean Échenoz und Pascal Quignard und kommt zu der Feststellung, dass diese Autoren sämtlich die zentrale Frage ihrer Zeit behandeln: sie alle arbeiten sich ab an einer letzten Realität, die sie für sich ablehnen. Und in der Verlängerung dieses «Endes» gelingt ihnen dessen Auflösung, das titelgebende dénouement. [5] Keine schlechte Antwort der Literatur auf die Herausforderungen unserer Zeit.
Christine Lecerf, April 2010
[1] Pierre Jourde, La Littérature sans estomac, L’esprit des péninsules, 2002.
[2] George Steiner, Von realer Gegenwart, Hanser, 1990.
[3] Dominique Viart, Bruno Vercier, unter Mitarbeit von Franck Evrard, La littérature française au présent - Héritage, modernité, mutations, Bordas, 2005, 512 S.
[4] Michel Le Bris und Jean Rouaud (Hrsg.), Pour une littérature-monde, Paris, Gallimard, 2007.
[5] Lionel Ruffel, Le Dénouement, Verdier, 2005.
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- "Leselust in Frankreich"
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