„Seit einigen Tausenden von Jahren bauen die Völker Zivilisationen auf. Wir kennen ihre Geschichte und uns fällt auf, dass sie sich nur eine recht kleine Anzahl von gemeinschaftlichen Regeln ausgedacht haben, um ihr Leben, ihr Denken, ihr Handeln und ihren Kampf gegen den Tod und die Anarchie zu regeln. Die Juden hatten das Gesetz und die Prophezeiung, die Griechen den Menschen im Gemeinwesen, die Römer die vom Reich auferlegte Ordnung, das Mittelalter die Theologie, das Jahrhundert von Ludwig XIV. die vom König verkörperte Staatsräson, und wir sehen, wie die Russen ein materielles und die Deutschen ein populäres Maß aufbauen, das auch nur eine durch Technik und Propaganda perfektionierte Staatsräson ist. Kurz gesagt, es gibt nur zwei Arten von Maß: das geistige Prinzip oder den institutionellen Rahmen. Das hohe Ansehen der katholischen Kirche – und ihr Wunder – beruhte darauf, dass sie jahrhundertelang die spirituelle Autorität und die organisierte Macht in den Händen hielt. Ein derartiges Wunder wird es nicht noch einmal geben. Auszüge aus La mesure occidentale, Éléments d’une morale de la pensée. „Wir erben einen sozialen Bankrott, d. h. eine Kultur und eine Wirtschaft, in denen bereits seit 150 Jahren niemand mehr wagt, ein gemeinschaftliches Maß zu verkünden. Wir sehen Wiederaufbauversuche, die sich beispielsweise auf die Technik stützen: Sie können Millionen von Maschinen produzieren, aber sie werden nicht in der Lage sein, sie für den Menschen und zugunsten der Menschlichkeit einzusetzen. Zweitens werden sie nicht das Prestige des Europas wiederherstellen können, das Wert auf den Schöpfergeist seiner intellektuellen Eliten legte. [...] Nur der Geist wird uns retten, und nicht der Staat, der autoritäre und leibhaftige Geist, der Geist, der schafft und erzieht. [...] Man vergisst heute viel zu oft, dass die „Seele“ Europas der Wille zur Personifizierung der Wahrheit ist. Nicht die Wissenschaft brachte Europa hervor, sondern Europa die Wissenschaft. Und da Europa seine Wissenschaft dorthin exportiert hat, wo seine Seele keinen Einfluss mehr hatte, wendet sich nun die Welt Europa zu und bedroht sie.“ |
| Denis de Rougemont Penser avec les mains Nouvelle édition Collection Idées Gallimard, 1972, Paris |
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Der auf Französisch schreibende Schweizer Schriftsteller Denis de Rougemont (Neuchâtel 1906 – Genf 1985) gründete mit Emmanuel Mounier die Zeitschrift des Personalismus Esprit. Seiner Meinung nach sollte die politische Überlegung die Person wieder in den Mittelpunkt rücken, dem Nationalstaat misstrauen und sich dem Föderalismus zuwenden. Den größten Teil seines Werkes widmete er Europa, was dazu führte, dass er als das Abbild des Homo europeanus bezeichnet wird. In „Penser avec les mains“ (Mit den Händen denken), das er 1935 schrieb, will er nützlich und aufrichtig sein und zwei Funktionen miteinander in Einklang bringen, die in der gestrigen Kultur alles trennte.
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