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05/09/06

Der Akt in der Kunstgeschichte

Der nackte menschliche Körper als Spiegelbild göttlicher Ordnung: So sahen es die Künstler der Antike. Im Mittelalter galt die erotische Ausstrahlung des nackten Körpers als sündig. Einen Skandal löste Courbet 1866 mit seiner detaillierten Darstellung eines weiblichen Schoßes aus. Ulf Küster beschreibt die Entwicklung des Aktes in der Kunstgeschichte - von der Antike bis heute.

Die Geschichte der Kunst ist die Geschichte der Reflexion des Menschen über sich selbst. Der sichtbare, unverfälschte Mensch, der „Mensch pur“ sozusagen, ist der nackte Mensch, und die Geschichte der Aktdarstellung ist geprägt von der Frage, inwieweit der Mensch eine rückhaltlose und genaue künstlerische Selbstreflexion zulässt. Dabei ist schon allein der Begriff „Akt“ bezeichnend, mit dem man normalerweise die künstlerische Darstellung des nackten menschlichen Köpers benennt. Er leitet sich vom lateinischen Wort „actus“ her, das „Handlung“ und „Bewegung“ bedeutet. Nun ist eine der banalen Grundprobleme der Kunst, Bewegung darzustellen; das ist eigentlich nicht möglich. Selbst Videos, Filme und auch die neuen, aus Pixeln bestehenden Medien sind, genau betrachtet, aus einzelnen unbewegten Bildern zusammengesetzt. Dennoch ist es wichtig sich klarzumachen, dass Aktdarstellung immer auch etwas mit dem Versuch zu tun hat, Bewegung oder zumindest eine festgehaltene Bewegung zu zeigen. Die „Pose“ ist für die Aktdarstellung fast ebenso aufschlussreich wie die Nacktheit selbst.

Vor allen in der klassischen griechischen Kunst und in der Kunst des Hellenismus - beide waren Vorbilder für die römische Kunst – , war der nackte menschliche Körper in unterschiedlicher Pose ein Bild absoluter Vollkommenheit, ein Spiegelbild göttlicher Ordnung. Bis heute wirkt das in der Antike entwickelte und in den nackten Statuen dargestellte Schönheitsideal nach. Dabei muss man sich immer vergegenwärtigen, dass die durch die griechische Kunst geprägten Ideale der feingliedrigen, schlanken Frau und des athletischen Mannes zwar sehr naturnah und erotisch wirken, aber auch nur Idealbilder sind, die wohl auf mathematischer Konstruktion beruhen.

Die scheinbare Natürlichkeit der antiken Aktdarstellungen, ihre Ebenmäßigkeit und erotische Präsenz war am Ende der Antike und im Mittelalter unvereinbar mit der immer einflussreicher werdenden christlichen Religion. Das vom Judentum übernommene Gebot, kein Abbild von Gott und seiner Schöpfung machen zu dürfen, ist ja ein Verbot, sich an Gottes Stelle zu setzen, denn Gott hatte ja den Menschen nach seinem Bilde geschaffen. Wenn also die Menschen, wie in der Antike, ein naturnahes Idealbild von sich, und damit auch von Gott schufen, dann war das Gotteslästerung und Anmaßung. Hinzu kommt die erotische Ausstrahlung des nackten Körpers, der als sündig und weltlich empfunden wurde, im Unterschied zur nichtmateriellen Seele. Interessant ist nun, dass im Mittelalter, das sich nie einem absoluten Bilderverbot unterwarf, trotzdem nackte Menschen dargestellt wurden, und zwar wenn die Bibelillustration dies erforderte, etwa in Handschriften oder in der Plastik in Kirchen. Die Erschaffung Adams und Evas oder die Darstellung der Toten, und zwar der verdammten ebenso wie der erlösten Seelen, sind Beispiele dafür, wobei diese Bilder mit Naturgenauigkeit wohl bewusst nichts zu tun haben.

Die beginnende Erforschung des Menschen im Sinne neuzeitlicher Naturwissenschaft, die so genannte Wiederentdeckung der Antike in der Renaissance, brachte ein neues Verhältnis des Menschen zu seinem Körper und damit auch eine Art Rückkehr zu Idealen der antiken Aktdarstellung mit sich. Für Künstler wurde der menschliche Körper zum Leitbild der Kunst. Keineswegs sollte man aber übersehen, dass das Abbilden des nackten Menschen strikten Regeln unterworfen war, dass z. B. die Wiedergabe des Geschlechtes, vor allem des weiblichen, bis weit ins 19. Jahrhundert mehr oder weniger tabu war. Lange Zeit war es eher möglich, in den Kunstakademien antike Statuen zu zeichnen als wirkliche Aktmodelle. Insofern ist in der frühen Neuzeit zwischen den Betrachter und das Bild des Nackten immer das Regulativ des idealen, unterschiedlich nachgeahmten antiken Vorbilds geschoben.

Das ebenso genaue wie schonungslose Abbilden des menschlichen Körpers beginnt erst im späten 19. Jahrhundert und geht einher mit der Entwicklung der Fotografie, die nur in einem geringen Maße idealisiert. Erst die scheinbare Exaktheit der Fotografie macht es zum Beispiel den Malern möglich, Schamhaar darzustellen. Courbets Skandalbild eines weiblichen Schosses, das den Titel „L’origine du monde“ trägt, wäre wohl ohne die geradezu erbarmungslos genauen Möglichkeiten der Fotografie nicht denkbar.

Kurze Zeit, nachdem es möglich geworden war, Nacktheit nicht überhöht, sondern weitgehend genau darzustellen, hat die Kunst das genaue Naturvorbild wieder verlassen. Picassos „Demoiselles d’Avignon“ von 1907 markieren einen Wendepunkt der Aktdarstellung. Der Einfluss außereuropäischer Kunst, die Entdeckung des Unbewussten durch die Psychoanalyse, der Eigenwert von Farbe und Gestus gegenüber dem darzustellenden Thema,  und nicht zuletzt die rasante Entwicklung fotografischer Techniken machten das Bemühen um Naturgenauigkeit in der Kunst überflüssig. Heute sind Künstler nicht mehr von dem Bemühen um die Darstellung einer idealen Vollkommenheit der Schöpfung geleitet; Aktdarstellung heute, soweit sie noch ein Thema der Kunst ist, will eher die unsichtbaren Aspekte des Menschen verbildlichen.

Erstellt: 31-08-06
Letzte Änderung: 05-09-06