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08/02/07

Der Dirigent Günter Wand

Von Teresa Pieschacón Raphael


Eine Begegnung mit Günter Wand im Dezember 2001 zwei Monate vor seinem Tod (Februar 2002)


Sein Handschlag ist fest, viel zu fest für diese feine fast weibliche Hand mit dem zarten Handgelenk. Wie ein Vögelchen wirkt der große Meister im scheinbar überdimensionalen Sessel, alles an ihm wirkt zerbrechlich, filigran. Nur das Glühen in seinen Augen verrät Unruhe, Passion. „Nicht traurig sein“, flüstert Günter Wand mir zu, sanft und dabei doch recht bestimmt und nimmt meine Hand in seine beiden Hände. „Lesen Sie das Buch über mich. Dort steht alles, was ich zu sagen habe“. Einer Aufforderung, der man nicht zu widersprechen wagt; ‚So und nicht anders‘* will er damit sagen, so lautet auch der Titel seiner von Wolfgang Seifert aufgezeichneten Gedanken und Erinnerungen.

Also schlagen wir nach: „Wir haben wie die Prinzen gelebt“, erinnert sich der kleine Günter an seine behütete Kindheit, der mit seinem zwei Jahre älteren Bruder als Sohn eines begüterten Geschäftsmannes aus Elberfeld bei Wuppertal aufwuchs. Mit seinem zartbesaiteten oft kränkelnden Jüngsten wusste der vital joviale Vater mit seinem Hang zu raubeinigen Scherzen nicht viel anzufangen. Anders die Mutter: „Zu ihr konnte man immer kommen“. Etwas „Ordentliches“ sollte der Junge erlernen, sein Nachfolger in der Firma werden, so der Wunsch des Vaters. Doch Günter hatte ganz andere Dinge im Sinn. Seitdem er im Thalia-Theater, dem großen Elberfelder Operettenhaus, eine Aufführung des „Zigeunerbaron“ erlebt hatte, wusste er: „Was der Kapellmeister da machte, das hat mich so fasziniert, dass für mich feststand: Das will ich auch einmal werden! Damals war ich zwölf.“ Still und heimlich - während die Eltern ihren Mittagsschlaf abhielten - schlich er sich in den Kontor seines Vaters, legte sich Partituren auf ein dort stehendes Doppelstehpult und ließ die Musik vor dem inneren Ohr erklingen - eine Beschäftigung, der er noch heute mit großer Freude nachgeht.

Zeitlebens hat Vater Wand den Berufswunsch seines Sohnes als abwegig, ja abartig empfunden. Das hat den Sohn tief geschmerzt, schmerzt ihn noch heute, doch vielleicht lag in diesem Schmerz auch die Kraft das zu erreichen, was er sich vorgenommen hatte. Nach langem Gezerre konnte Günter seinem Vater endlich das Einverständnis zu einem Musikstudium an der Münchner Hochschule abtrotzen, ohne dass er deswegen auf finanzielle Unterstützung hätte hoffen können. 1938, in einem Augenblick tiefster Depression, schien es so, als habe der Vater gesiegt und der Sohn kehre reumütig heim. Dem war aber nicht wirklich so. Der Vater hatte seinen Sohn, der mindestens ebenso eigensinnig war wie er, unterschätzt. „Ich habe gearbeitet wie ein Pferd, Tag und Nacht gelernt“ stets nach dem Motto „Tu was (weil andere nichts für Dich tun)“.

Und doch gab es zu jener Zeit Menschen, die an seine Kunst glaubten. Etwa Liesel, Wands Jugendliebe, mit der er eine frühe Ehe einging. Sie bewunderte ihn, und das war genau das, was er zu jener Zeit brauchte. Etwa in der harten Korrepetitorzeit, den Galeerenjahren am Theater in Wuppertal, an dem er sein Handwerk von der Pike auf lernte. Im richtigen Takt bei den „Lustigen Weibern“ den Mond aufgehen zu lassen oder die Blitze im „Rigoletto“ zeitgleich mit dem Piccoloeinsatz zum Aufleuchten zu bringen; all dies musste beherrscht werden, wie im Buch auch anschaulich geschildert wird. Natürlich gab es kleine Katastrophen, etwa als im dritten Akt der „Tosca“ das Glockengestell mit großem Getöse zu Boden kam, nur weil Wand nicht wusste, dass man es sanft von oben anschlagen sollte. Es folgten Stationen in Detmold und Köln, dann ein Intermezzo in Salzburg, und ab 1945 (bis 1975) schließlich fand Wand seine Lebensstellung als Generalmusikdirektor in Köln, wo er ab 1946 auch die Gürzenich Konzerte leitete.

Günter Wand hat es sich nicht immer leicht gemacht und anderen schon gar nicht. Künstlerisch vermochte er in all den Jahrzehnten durch Unerbittlichkeit, Konsequenz und Disziplin ein sehr hohes interpretatorisches Niveau zu halten, doch persönlich wäre ihm vielleicht das eine oder andere erspart geblieben. Etwa 1942: da wäre ihm seine Unbestechlichkeit und sein Gerechtigkeitssinn fast zum Verhängnis geworden. Es begann damit, dass er kleine Meldungen in den Zeitungen entdeckte, die ihn irritierten. Sie besagten, dass dieser oder jener wegen Verleumdung eines NS-Funktionärs verurteilt worden sei. Eines Tages kam ihm in einer Buchhandlung ein Gerücht zu Ohren, demzufolge sich bei der Nationsalsozialistischen Volkswohlfahrt NSV Unterschlagungen im großen Stil abspielten. In der Naivität des Unbeirrbaren, der Wirklichkeit und Richtigkeit nicht unterschieden wissen will, fragte Wand bei seinem Schwiegervater nach, der bei der NSV als Revisor arbeitete. Dieser war empört und meldete das Gerücht dem Oberbürgermeister. Der reagierte ungewohnt deutlich und begann ein regelrechtes Verhör. Bald fand sich Wand am Kölner Apellhofplatz der Gestapo wieder; eine Anzeige wegen Verbreitens unwahrer Gerüchte lag gegen ihn vor. Ein Glück für ihn, dass er auf einen musikbegeisterten Staatsanwalt stieß, der ihn aus Opernaufführungen kannte. Mit einem schweren Verweis kam er davon.
Günter Wand sagt in Seiferts Buch aber auch, er sei nie ein Held gewesen. Wands Unerbittlichkeit in künstlerischen Dingen machte ihn zum „Qualitätsquerulanten“. Berühmt berüchtigt wurde er aufgrund der vielen Proben, die er ansetzte. „Meine Norm waren fünf Proben pro Konzert a drei Stunden“. Das machte ihn nicht sehr beliebt; dennoch versichert er, er probiere ja nicht, um Musiker zu schikanieren.
Wand legte sich mit Lokalpolitiker und kulturpolitischen Honoratioren an, schockierte das Establishment mit dem Satz, dass er bei seinem Lehrer dem Komponisten Philip Jarnach gelernt habe, Theater seien „Tempel der Kunst und keine Bordelle“. Und der „Kölsche Klüngel“ rächte sich auf seine Weise - kleinkariert. Mal fand sich keine adäquate Sekretärin, mal unterstellte man ihm die Privatnutzung seines „Beamten-PKWs.“, dann wiederum forderte die Behörde irgendeine Rückzahlung einer Kilometerpauschale und, und, und... Entnervt verzichtete Wand sogar auf das Privileg einer subventionierten Dienstwohnung.
Vielleicht hätten sich die Kölner einen glamourösen, auf Publikumswirkung bedachten Pultstar gewünscht, einen, der eine glanzvolle Aura verbreitet. Nein, das ist er wohl niemals gewesen und mit schillernden Affären konnte er auch nicht dienen. Mit einer Ausnahme - als er seiner zweiten Frau, der Koloratursopranistin Anita Westhoff begegnete. Er hatte sie als Debütantin kennen gelernt und war hingerissen. Von nun an war sie bei sämtlichen Auftritten Wands dabei. Da sie im zerstörten Köln keine Bleibe hatte finden können, war sie 1946 als Untermieterin bei Liesel und Günter Wand eingezogen. Die Leute im katholischen Köln zerrissen sich das Maul. Liesel Wand sträubte sich lange gegen die Scheidung - und Wand wurde sogar vom Kardinal zum Gespräch geladen. „Aber das eine will ich Ihnen sagen, Herr Wand: ‚Eine Scheidung gibt’s für Sie nicht!’ “, drohte der. Doch er hatte nicht mit einem so beharrlichen Geist gerechnet. Er musste schließlich klein beigeben mit der Bemerkung „Dann bleibt mir nur, für Sie in besonderer Weise zu beten.“

Seit über fünfzig Jahren leben Anita und Günter Wand nun zusammen. Bei ihr scheint es ihm, der einem edlen Tropfen Wein und einer guten Zigarre nicht abhold ist, am besten zu schmecken, denn sie kocht laut Wands eigenem Bekunden die beste Rindfleischbouillon der Welt. Doch damit sind ihre Qualitäten noch lange nicht erschöpft. Anita stand ihm in all den Jahren stets loyal zur Seite, schirmte den menschenscheuen Künstler vor aufdringlichen Personen ab, brachte ihn dazu, zerrissene Bande wieder aufzunehmen und sorgte dafür, dass er seine Ruhe bekommt. „Ich bin nur deshalb so alt geworden, weil ich die Hälfte meines Lebens verschlafen habe, zwölf Stunden pro Tag, wann immer ich konnte.“
35 Jahre hielt es Wand in Köln, davon 28 als Gürzenich-Kapellmeister. Anlässlich seiner 25 jährigen Tätigkeit 1964 überreichten ihm die Musiker des Gürzenich-Orchesters feierlich einen eigens gefertigten massiv goldenen Ehrenring - ein Umstand, der übrigens mehrmals im Buch erwähnt wird. So stolz scheint Wand darauf zu sein. Ein Gefühl der Genugtuung? Nicht wirklich.
„Berlin hat eine Mauer und Köln einen Wand“ war im Kölner Volksmund immer wieder zu vernehmen; zum großen „Kladderadatsch“ kam es dann Anfang der Siebziger Jahre. 1974 wurde Wand endgültig „in Pension gegangen“ (Wand), entlassen in eine zweite weitaus glanzvollere Karriere. Seine aufsehenerregenden vielfach preisgekrönten Bruckner-Interpretationen und Gesamtaufnahmen aller Brahms- und Beethoven-Sinfonien ließen aufhorchen. Das Feuilleton jubelte, ernannte ihn ob seiner Gewissenhaftigkeit und Integrität zum "Apologeten der Werktreue", bezeichnete ihn als ein aller süffiger Klangentfaltung abholder, weil reflektierender Geist und stilisierte ihn zum „lebendem Gewissen Bruckners“ .
Letzteres hat ihm nicht so gefallen; er sieht sich eher als ein „komponistengläubiger“ Mensch, der auf „die Partitur letzter Hand und nicht auf irgendwelche überlieferten Aufführungstraditionen setzt.“ Werktreue heißt für ihn Werkkenntnis. Dass die „Großkritiker“ erst heute sein Lebenswerk zur Kenntnis nehmen, kränkt ihn nach wie vor. Patzig sagt er: „Nicht ich habe den Anschluss an den Musikbetrieb verpasst; der Musikvertrieb hat mich verpasst.“

Einer der „Großkritiker“ allerdings hat ihn sehr ernst genommen. „Das Klischee und seine Kanonisierung“ nannte Werner Pfister seinen Essay, den er 1997 zum 85. Geburtstag von Wand veröffentlichte. Pfister stellte fest, dass der gestrenge Wand, der noch nicht einmal einem Furtwängler irgendeine Willkür gegenüber der Partitur erlaubte, es mit der „Strukturbetonung“ und „klangasketischen Nüchternheit“ nicht immer so genau nimmt und dem Schwelgen in opulenten Klangmassen nicht abgeneigt ist - etwa bei seiner Aufnahme Bruckners Achter und Neunter. Ein Künstler wie Günter Wand würde bei derlei „Vorhaltungen“ sofort in die Auseinandersetzung eingreifen, denn Gleichgültigkeit ist ihm seit jeher fremd gewesen. Mit „Meinen Sie nicht?“ oder „Denken Sie nicht?“ oder „Fühlen Sie nicht?“ würde er versuchen, sein Gegenüber eines Besseren zu belehren. Und keiner zweifelt daran, dass es ihm gelingt.

*Wolfgang Seifert: "Günter Wand: ‚So und nicht anders‘" Gedanken und Erinnerungen (Hoffmann und Campe)

© 2001 Teresa Pieschacón Raphael

Erstellt: 08-02-07
Letzte Änderung: 08-02-07