- Exklusiv-Interview mit Claire Denis, zu ihrem neuen Film "L'Intrus" (Der Eindringling)

Claire Denis
(Real video)
Sprache: Französich
Part 1
Part 2
- Interview mit Claire Denis
„L’intrus“ (Der Eindringling) ist der Titel eines Berichts des französischen Philosophen Jean-Luc Nancy. Die französische Filemmacherin Claire Denis hat sich von dieser Erzählung zu ihrem 17. Film inspirieren lassen, in dem sie ihre persönliche Auseinandersetzung mit dem Begriff des „Fremden“ fortsetzt und erneut ihre Könnerschaft im fiktionalen Genre beweist.ARTE: Was hat Sie an diesem Buch so stark beeindruckt, dass Sie einen Film dazu machen wollten?
Claire Denis: Ich habe dieses Buch aus reiner Neugier gelesen, weil es von Jean-Luc ist. Ich hätte nie geglaubt, dass es wie ein Auslöser wirkt, dass es ein Schlüssel ist, der die Tür zu etwas öffnet, um das ich seit geraumer Zeit unbewusst kreise.
Als ich „L’intrus“ las, wurde ich geradezu überschwemmt von „déjà vu“- Eindrücken. Ich versuchte damals nicht herauszufinden, was genau diesen Eindruck in mir hervorrief. Jean-Luc erzählt in diesem Buch nicht nur die Geschichte seiner Herztransplantation; es ist ihm gelungen, aus dieser Erfahrung die wichtigen Fragen herauszulösen, die wir uns alle stellen müssen: Was bedeutet ein Fremdkörper im eigenen Körper, welche Bedrohung stellt das dar? Bei der Organtranplantation gibt es das Eindringen, aber es gibt auch die Abstoßen.
All das kann ich heute so sagen. Aber damals, als ich das Buch las, waren es nur vage Eindrücke. Übrigens hatte ich nach „Beau travail“ vor, einen Film mit Michel Subor zu drehen, und die Lektüre dieses Büchleins war eine Station auf dem Weg dorthin.
In Ihrem Film verwenden Sie einige Bilder aus „Reflux“, einem Film mit Michel Subor, den Paul Gégauff auf Tahiti gedreht hat.
Ich habe Michel einmal erklärt, dass die Südsee für die Menschen der nördlichen Halbkugel der Ort für eine Wiedergeburt ist, der Ort, an dem man nach einem gescheiterten Leben neu anfangen kann. Ein neues Leben leben, das ist der Wunsch des Menschen aus dem Norden, der auch bei Stevenson und Gauguin zu finden ist. Michel erzählte mir, dass er diese Gegend kennt, dass er vor langer Zeit einmal dort war, um einen Film zu machen, der nie in die Kinosäle kam. Ich wusste nicht, dass dieser Film existierte, und es war nicht einfach, ihn aufzutreiben. Der Film ist übrigens wunderschön, wenn auch unvollendet.
Der Schnitt Ihres Films spielt mit Zeitsprüngen. Wie haben Sie das filmisch bearbeitet?
Am Anfang haben Jean-Pol Fargeau (Mitautor – A.d.R.) und ich das Problem der Zeit gar nicht auf diese Weise wahrgenommen. Es gab einen Weg mit verschiedenen Etappen: einen Punkt A, einen Punkt B und einen Punkt C, das heißt die nördliche Halbkugel, eine unbestimmte Zwischenregion und die südliche Halbkugel. Der Weg folgte der Kugelform der Erde und der Anziehungskraft, die vom Süden ausgeht, die die Menschen aus dem Norden sehr gut kennen. So gesehen stellte das Verhältnis zur Zeit kein Problem dar. Das eigentliche Problem war von Anfang an Michels Körper, insofern es ja nicht darum ging, einen alten Schauspieler zu filmen. Aber dieser Mann schleppt ein Stück seines Lebens mit sich herum, und daran ist nicht das Alter schuld, sondern die Vergangenheit. Und da wurde mir klar, dass mir ein ganzes Stück von dieser Vergangenheit fehlte. Zwischen den Dreharbeiten zu „L’intrus“ und Paul Gégauffs Film „Reflux“ liegen 40 Jahre eines Lebens, die mir nicht gehören. Sie gehören Michel (und hier, mit blick auf diese Vergangenheit, bin ich der Eindringling).
Als ich den kleinen Kurzfilm „Vers Nancy“ machte, dachte ich wieder über Jean-Lucs Text nach. Er sagt da einmal, dass für die Psychiater Träume, Alpträume, aber auch Momente, in denen es einem nicht richtig gut geht, etwas darstellen, das mental in den Menschen eindringt.
Ich sagte mir dann, dass ich mich vielleicht einfach nur auf diese Idee einzulassen brauchte und versuchen sollte, physisches Eindringen zu akzeptieren. In jeder Szene des Films geht es schließlich um Eindringen: Eindringen eines Territoriums in ein anderes oder Eindringen einer Person in das Territorium einer anderen. Ich sagte mir dann, dass ich auch einbeziehen müsste, was mental eindringt: Vorahnungen, Träumereien, die Art, wie man sich selbst in die Zukunft projiziert oder im Gegenteil Momente, wo die Vergangenheit einen einholt und nicht loslässt. Das hat mich plötzlich sehr frei gemacht, und diese Freiheit hätte ich vielleicht nicht gehabt, wenn das von vorneherein als Gegenstand des Films festgelegt worden wäre.
In „L’intrus“ spielen Ihre Lieblingsdarsteller: Béatrice Dalle, Grégoire Colin. Das ist fast so etwas wie eine Bestandsaufnahme.
Das glaube ich nicht. Bestandsaufnahme hat mit Zusammenzählen zu tun. Ich glaube eher, dieser Film hat etwas aus mir abgezogen. Ich sagte mir, dass dieser Film sehr schwierig und die Arbeit daran eine Art Prüfung sein würde. Ich hatte einfach Lust, so viele Leute, die ich mag, wie möglich zu diesem Film zu holen. Ich wollte, dass sie für Michel da sind, was ich allein nicht hätte bewältigen können.
Ihre Filme strahlen eine gewisse Sinnlichkeit aus. Steht die Sinnlichkeit im Mittelpunkt Ihrer Arbeit, ist sie ihre Basis?
Wenn man mich auf die Körper und die Sinnlichkeit in meinen Filmen anspricht, dann geniere ich mich fast ein bisschen, als hätte ich drin einen ganz persönlichen Ansatz gefunden und würde damit etwas preis geben, obwohl das gar nicht der Fall ist. Fast ist es so, als hätten mich meine persönlichen Schwachpunkte dazu gebracht, das Medium Film so anzugehen, dass die Sinnlichkeit darin ihren Platz hat. Ich glaube zwar, dass man sich vor so Worten wie „Ästhetik“, „Kunst“ oder „Kultur“ in Acht nehmen muss, aber die Sinnlichkeit war für mich zeitweise so etwas wie ein Rettungsanker. Wenn man wie ich immer Zweifel an seinen eigenen Gedanken hegt, dann erzeugt das ein Schwindelgefühl, ein Gefühl der Leere.
Sich auf die Empfindung verlassen, erlaubt einem voran zu kommen, ohne sich zu viele Fragen stellen zu müssen. Das Hinterfragen ist ist für jemanden wie mich ziemlich gefährlich. Denn ich habe im Grunde starke Komplexe, weil ich recht gefühlsbetont an die Dinge herangehe.
Ich habe mir immer gesagt, dass möglicherweise der Film das einzige Medium ist, durch das ich meine Wahrnehmung der Dinge ausdrücken kann. Ich hatte insofern den Eindruck, dass der Film ein bisschen für Autisten gemacht war, also für Leute wie mich. Genau genommen glaube ich das natürlich nicht, aber ich habe mir diese Geschichte zurechtgelegt. Auf jeden Fall meinte ich, dass Leute wie ich hier ein geeignetes Terrain finden, um sich auszudrücken. Filme kann ich machen, darauf kann ich mich verlassen – aber sonst?
Interview : Olivier Bombarda - September 2004 (Mostra -Venedig)
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- Kritik "L'intrus" von Claire Denis
L'intrus

Regie: Claire Denis
Drehbuch: Claire Denis & Jean Pol Fargeau
Darsteller: Michel Subor, Grégoire Colin, Katia Golubeva, Bambou, Béatrice Dalle u.a.
Frankreich, 2004, 130’
61. Internationale Filmfestspiele in Venedig: Wettbewerb
Synopsis: In seiner einfachen Hütte an der schweizerisch-französischen Grenze lebt Louis Trebor ein Eremitenleben. Einsam durchstreift er mit seinen beiden Huskies die bewaldeten Berge und oft fühlt er sich, als würden ihn die Schatten seiner Vergangenheit verfolgen. Trebors Körper ist robust, allein sein Herz will nicht mehr richtig schlagen. Die Beziehung zu seinem Sohn, der eine Grenzbeamtin geheiratet hat, ist erkaltet. Trebor sehnt sich zurück in sein altes Leben – einst war er als junger Mann in der Südsee an Land gegangen und hatte dort einen Sohn gezeugt. Werden eine Transplantation und die Reise in die Vergangenheit ihn ans Ziel seiner Träume bringen?
Kritik: „L’Intrus“ bedeutet auf französisch etwa soviel wie„heimliches, gesetzwidriges Überschreiten“ oder „Eindringen“. Heimlich versuchen sich beispielsweise nächtens die illegalen Grenzgänger in die Schweiz einzuschleichen. Heimlich bewegt sich auch der alternde Louis Trebor, gespielt von Claire Denis’ Lebensgefährten Michel Subor, durch dieses Gebiet, bewaffnet mit einem Messer und bewacht von seinen edlen Hunden. Etwas ebenso Brutales wie Verletzliches, der Ausdruck des Überdrusses und gleichzeitiger sehnsuchtsvoller Suche haften seinem ergrauten Gesicht an. Subor scheint einerseits nach seiner verlorenen Jugend zu suchen, denn sein Herz und seine Potenz lassen ihn allmählich im Stich, trotz körperlicher Ertüchtigung. Aber auch die Phantome und Dämonen aus seinem früheren Leben scheinen ihm keine Ruhe zu lassen. Da ist die Frau in der Nachbarschaft mit den vielen wilden Huskies im Gehege, gespielt von Béatrice Dalle, die Denis ironisch als „Königin der nördlichen Hemisphäre“ bezeichnet. Eine stolze, starke Frau, die sich weder von Subor berühren lassen noch später seine Hunde annehmen will, als dieser verreist. Als umgäbe diesen in seiner Vergangenheit lebenden Mann der Makel eines Unantastbaren, zu dem man besser auf Distanz geht. Da ist Subors Sohn SIDNEY (Grégoire Colin), verheiratet mit einer Grenzbeamtin und Vater zweier Kinder, der vom weit gereisten und geschäftlich erfolgreichen Vater links liegen gelassen wurde und in seinem Schatten nie wachsen konnte. Jetzt hasst er ihn dafür. Sporadisch, aber dafür umso bedrohlicher erscheint auch eine junge, russische Frau (Katia Golubeva), eine Art Todesengel, der Subor mit den Untaten seiner Vergangenheit zu konfrontieren weiß. Auch vermag sie ein neues Herz für den Geschäftsmann zu organisieren. Die Frage bleibt, ob es sich auch wieder mit Leben und Gefühlen füllen lässt. Dann gibt es seine Geliebte, die Apothekerin, gespielt von Bambou, der einstigen Frau von Serge Gainsborough, die ihn mit Medikamenten und Zärtlichkeiten versorgt, ohne Erfolg. Und schließlich das etwas pummelige wilde Mädchen, gespielt von Isabelle Hupperts Tochter Lolita Chammah, die ebenfalls mit ihrem Hund in der Wildnis unterwegs ist, allein und mit ihren reinen Präsenz Licht und Schatten ausbalancierend in Claire Denis’ ebenso verstörend schönem wie kryptischen Film.Die Figuren in „L’Intrus“ können denn auch als ebenso konkrete Menschen wie abstrakte Archetypen gelesen werden in einer Welt umspannenden Geschichte über den Kampf eines Mannes gegen seinen Tod. Zugleich könnte man die Geschichte auch deuten als den Kampf zwischen zwei Generationen – zwischen jener Nachkriegsgeneration, der auch Trebor angehört, die zu Geld und Karriere gekommen ist mit teilweise fragwürdigen Methoden und der ihrer Kinder, die sie deshalb auf dem Gewissen hat, weil sie ihr Erziehung und Entfaltungschancen verweigert hat. Inspiriert wurde die französische Filmemacherin, die einst als Assistentin von Wim Wenders anfing, von dem gleichnamigen Essay des Straßburger Philosophen Jean-Luc Nancy, in dem er die metaphysischen Aspekte einer Herztransplantation untersucht. Sowie von der lange Zeit verschollenen Verfilmung des Robert Louis Stevenson-Romans „The Ebb Tide“ des früheren Chabrol-Drehbuchautoren Paul Gegauff. Darin spielte Subor in den 60gern einen Mann, der in Tahiti an Land geht, um dort vergeblich sein Glück zu suchen. Ausschnitte daraus montiert Denis in ihren Film, als wären es Erinnerungssplitter ihres Protagonisten, der nach einem Abstecher in Südkorea schließlich ebenso wie der Stevenson-Held in der Südsee landet. Dort endlich scheint er Frieden zu finden, fallen die Dämonen der Vergangenheit von ihm ab, auch wenn sein Wusnsch nicht in Erfüllung geht.
Claire Denis ist mit ihrem hervorragend fotografierten (Kamera. Agnes Godard) und montierten Film (Schnitt: Nelly Quettier), über den sich eine schnarrende E-Gitarre und ein wilder Schlagzeugbeat legt, sicher das größte erzählerische und formale Wagnis auf diesen Filmfestspielen in Venedig eingegangen. Keine logischen Erklärungen werden am Schluss für die vielen rätselhaften Bilder nachgereicht, sondern der Zuschauer wird mit dem letzten Geheimnis der menschlichen Existenz, wild, brutal und schön zugleich, allein aus dem Kino entlassen.
Martin Rosefeldt






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