Genau wie die großen religiösen und politischen Imperien ist auch das weltweite Management ein Teil der Geschichte. Wer den Versuch wagt, die Entwicklung der Gesellschaft über einen sehr langen Zeitraum nach dem Muster der Erdgeschichte zu analysieren, wird auf die „geologischen“ Schichten einer Zeitarchitektur stoßen, die den Ist-Zustand der Zivilisationen in sich tragen. Traditionen überlagern sich wie Sedimente, auf deren Oberfläche jeweils eine neue Epoche entsteht, die dessen harrt, was unausweichlich auf den Menschen zukommt. Jede Form von Modernität ruht daher gewissermaßen auf einer verschütteten Vergangenheit, die sich der Mensch in Mythen oder wissenschaftlichen Deutungen zu erklären versucht. Doch um sich mit der Endlichkeit abzufinden, sie gewissermaßen zu bezähmen, bedarf eine menschliche Gesellschaft der Fähigkeit, die Schattenlinie zu erkennen, die jene Momente markiert, an denen Unumkehrbares geschieht. So gesehen, ist die lange Geschichte einer Zivilisation ein einziges, aus Schriftsedimenten bestehendes Textkompositum, durchzogen von eben dieser Schattenlinie, die eine nie endende Inszenierung der Zeit gestattet, eine Untiefe der Erinnerung, die ihr Spiel mit der Wirklichkeit treibt und dem Unsagbaren huldigt.Der Film versteht sich als eine Reflexion über den globalisierenden Westen. Er will an der Oberfläche der Sedimentschicht unserer Epoche den Moment entschlüsseln, der eine neue Qualität gegenüber den Brüchen und Übergängen der Vergangenheit darstellt: Wir leben heute in einer Ideenwüste leben, die aus dem Irrglauben geboren wurde, dass die Menschheit - unter der Wirkung der wissenschaftlich-technischen Wirtschaftsallmacht - zu einer dem Glück geweihten und von allen Zwängen befreiten „Post-Menschheit“ mutiert.
Laut diesem neuen Glauben befinden sich die desaktivierten, zu bloßer Folklore verkommenden Zivilisationen auf dem Wege der Selbstvernichtung. Damit erübrigen sich die Analyse des Textkompositums der Gesellschaft und die Suche nach der Schattenlinie, auch ist es nicht mehr nötig, eine Gesellschaft mit ihren unfassbaren Geheimnissen, ihrer Verletzlichkeit begreifen und ihr schöpferisches Potenzial und ihren Umgang mit den ihr eigenen Todestrieben erkennen zu wollen.Die Arbeitsthese dieses filmischen Essays ist ein Satz, den Jean Paulhan in einer Abhandlung über die kubistische Malerei verwendete: „Entfernt die Bäume, die mir den Blick auf den Wald verstellen.“ Diese Metapher aus dem Pflanzenreich habe ich mir zum Grundsatz gemacht, denn unserer Zeit fehlt es an Erklärungen; ein Defizit, das durch die Fragmentierung und Abschottung des Wissens weiter akzentuiert wird. Doch genau diese Erstarrung hindert uns daran, eine Welt zu begreifen, die aus den Fugen gerät, aber nach wie vor in tief wurzelnden, noch immer wirksamen Traditionen verankert ist. Manche dieser Traditionen sind im Untergang begriffen, andere aber trotzen der Gleichschaltung durch die westlichen Systeme.
In dieser Partie mit unsicherem Ausgang ist das weltweite Management - vom Westen als reines Instrument der Vereinheitlichung mittels wissenschaftlich begründeten Verwaltens konzipiert - ein neuer Einsatz/Trumpf.
Wie bereits frühere Filme des Autors stellt auch „Dominium Mundi – Die Weltherrschaft des Managements“ von Wirtschafts- und Gesellschaftswissenschaftlern, Biologen und anderen zementierte Gewissheiten infrage. Die Methode des Films besteht nicht darin, sein Sujet – die Funktionsweise einer Zivilisation – zu zerpflücken und zu zerstückeln. Vielmehr seziert er es in der Manier des Kubismus: aus allen Perspektiven, von innen und von außen.
Grundansatz und Anliegen des Films ist es, die Fähigkeit zum Widerstand und die Fortdauer des „Materials Mensch“ sowie die immer währenden Widersprüche, die gewaltigen industriellen Umbrüche und die poetischen Rückzugsmöglichkeiten aufzuzeigen, die ein Film greifbar machen kann, wenn er mit der Gründlichkeit einer literarischen Erzählung vorgeht.
Formal handelt es sich bei dem Film also nicht um ein Lehrstück, sondern um die Enthüllung miteinander verquickter Fragestellungen, die aus einem ganz einfachen Grunde undurchsichtig und schwer zu umreißen sind: Denn was der Westen vom Westen nicht wahrnimmt, kann auch in unsere Analysen nicht einfließen.
Pierre Legendre
Die Weltherrschaft des Managements in Bildern







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